«Amerika, du hast es einfach besser!» Zumindest gilt diese Bestandesaufnahme für den seit März 2009 laufenden Bullenmarkt. Denn, so wie es für die Standardwerte in den USA besser läuft als für ihre Pendants in der Schweiz oder in Europa, so schneiden auch die US-Finanzwerte verhältnismässig gesehen im Vergleich besser ab. Und nicht nur das: Dem Nasdaq Financial 100 Index ist es Ende August sogar gelungen, zu einem Rekordterrain vorzudringen. Die aktuell gültige Bestmarke stammt vom 2. September und beträgt 3513 Punkte. Nach mehreren vergeblichen Anläufen könnte es nun damit gelingen, einen seit Mitte 2015 bestehenden Seitwärtstrend zu beenden.

Nach «scharfen» Verlusten, die der Index von Anfang Dezember 2015 bis in den Februar hinein erlitten hat, beläuft sich das Kursplus seit dem 11. Februar bereits auf 25 Prozent. Die Dynamik stimmt somit kurzfristig, und gemessen am Tief vom März 2009 steuert der Nasdaq Financial 100 Index langsam, aber sicher, auf eine Verdreifachung zu. Diese Bilanz erstaunt, denn die Vertreter aus dem Finanzsektor klagen seit Langem laut über den auf ihnen lastenden Druck durch das Niedrigzinsumfeld und die wachsende Fintech-Konkurrenz. Zudem sind in den vergangenen Jahren die regulatorischen Anforderungen stetig gestiegen.

Steigende Zinsen wären gut für den Sektor

Das Klagen scheint durchaus berechtigt zu sein, denn einer Studie der Federal-Reserve-Bank von St. Louis zufolge bewegen sich die Nettozinsspannen derzeit bei rund drei Prozentpunkten und damit nahe an einem historischen Tief. In den USA scheinen aber dennoch einige Unternehmen den Dreh herauszuhaben, wie sich damit leben lässt. Zumindest lässt die skizzierte Performance des Nasdaq Financial 100 Index auf dies schliessen.

Warum sich die US-Finanzwerte anscheinend relativ gut entwickeln, hat mittel- bis langfristig betrachtet sicherlich auch damit zu tun, dass in den USA die Aufräumarbeiten nach der Krise ab 2007 schneller vonstatten gegangen sind als etwa in Europa. Ausserdem gibt es Branchenvertreter, die Nischen gefunden haben, in denen sich auskömmlich wirtschaften lässt.

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Der kurzfristige Kursanstieg hingegen ist ein fast weltweit zu beobachtendes Phänomen und hat mit der Aussicht auf steigende US-Leitzinsen und mit einem möglicherweise bald durchschrittenen Rendite-Tal zu tun. Das passt zur vergleichsweise hohen Empfindsamkeit, mit der die Kurse von Finanzaktien in der Vergangenheit auf steigende Anleiherenditen reagiert haben. Ähnliches lässt sich übrigens auch mit Blick auf die konjunkturellen Frühindikatoren beobachten. Das heisst, eine anziehende Weltkonjunktur wäre sicherlich ebenfalls vorteilhaft für die weitere Entwicklung der Bankaktien.

Kennziffern und Bewertungen

Bei der Kennziffer operative Eigenkapitalrendite abzüglich immaterieller Vermögenswerte rechnet die Citigroup in den USA in diesem Jahr mit einem Durchschnittswert von 10,2 Prozent. Verglichen mit den 2016 erzielten 11,9 Prozent wäre das ein Rückgang, aber für 2017 wird erwartet, dass wieder etwas höhere 10,6 Prozent «herausspringen» werden.

Relativ gut sieht es nach Angaben der Citigroup bei den Bewertungen aus. Das Verhältnis des Kurses gegenüber dem Bruttobetriebsergebnis beziffert sie im Schnitt auf 6,7, was einem langfristigen Wert von 7,1 gleichgesetzt werden kann. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis gibt sie mit 1,3 an, während der langfristige Durchschnitt 1,8 betragen hat.

Fünf Einzelfavoriten

Aus den 100 Mitgliedern des Nasdaq Financial 100 Index hat stocksDigital fünf Titel herausgefiltert. Die Wahl ist dabei ausschliesslich auf Werte gefallen, die mit überzeugenden Chartbildern aufwarten können. Damit sind Kurse gemeint, die es in den vergangenen Jahren und teilweise sogar Jahrzehnten letztlich immer wieder geschafft haben, in den Vorwärtsgang zu schalten. Die Bewertungen sind dadurch optisch nicht unbedingt sonderlich günstig, aber diese Institute verfügen über funktionierende Geschäftsmodelle. Ausserdem sehen die Charts so stabil aus, dass im Normalfall kein scharfer Einbruch aus unternehmensspezifischen Gründen zu befürchten ist. Ausgenommen davon ist natürlich ein heftiger Kursabschwung am Gesamtmarkt, dem sich auch diese Werte vermutlich nicht entziehen werden können. Es handelt sich um kleinere Institute, die auf eine Marktkapitalisierung zwischen 2,3 und 4,3 Milliarden Dollar kommen. 

Favorit Nummer eins: Cincinnati Financial Corp.

Der Ausreisser nach oben ist mit einem Börsenwert von gut elf Milliarden Dollar die Schaden- und Unfalls-Versicherungs-Holding Cincinnati Financial Corp.  (ISIN: US1720621010). Wie stabil die Geschäfte hier laufen, zeigen 55 Jahre mit Dividendenerhöhungen in Folge. Eine Bilanz, mit der ansonsten nur noch acht andere börsennotierte US-Unternehmen aufwarten können.

Favorit Nummer zwei: Commerce Bancshares Inc.

Bereits deutlich kleiner ist der zweitgrösste Titel Commerce Bancshares Inc. (ISIN: US2005251036). Die Wurzeln dieses Finanzdienstleisters reichen bis in das Jahr 1865 zurück, und bei der Zahl der ununterbrochenen Dividendenerhöhungen steht man mit 47 Jahren Cincinnati Financial nur wenig nach. Die Chancen darauf, dass auch ein halbes Jahrhundert mit ununterbrochenen Dividendenanhebungen erreicht werden kann, stehen nicht schlecht, da Analysten auf Sicht der nächsten fünf Jahre Gewinnsteigerungen von fast 9 Prozent p.a. für möglich halten.

Favoriten Nummer drei und vier: Pinnacle Financial Partners Inc. und Financial Bakshares Inc.

In Sachen Ergebnisaussichten trauen Analysten auch den beiden nächsten Mitfavoriten einiges zu. Bei Pinnacle Financial Partners Inc. (ISIN: US72346Q1040) geht der Konsens von einem Gewinnplus je Aktie von rund 15 Prozent p.a. in den kommenden fünf Jahren aus, und bei First Financial Bankshares Inc. (ISIN US32020R1095) bewegt sich diese Vorgabe bei 10 Prozent. Bei Pinnacle Financial Partners handelt es sich um eine Regionalbank, die als Gegenleistung für überdurchschnittlich hohe Gebühren viel Wert auf einen sehr guten Service für die Kunden legt. Auch hinter First Financial Bankshares steckt ein regionales Bankinstitut, wobei diese Gesellschaft mit einem Alter von mehr als 126 Jahren deutlich traditionsreicher ist als die erst im Jahr 2000 gegründete Pinnacle Financial Partners. Die Verantwortlichen heben in diesem Zusammenhang auch hervor, dass sie in guten wie in schlechten Zeiten für die Kunden da war und selbst Tiefschläge wie die Grosse Depression von 1929 bis 1939 und den Kollaps der texanischen Wirtschaft in den 1980er-Jahren überstanden hat, ebenso wie die Grosse Rezession von 2007 bis 2009.  

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Favorit Nummer fünf: Home Bancshares Inc.

Als fünfter und letzter Mitfavorit komplettiert Home Bancshares Inc. (ISIN: US4368932004) die Auswahlliste aussichtsreicher Aktien aus dem Nasdaq Financial 100 Index. Diese Gesellschaft hat ihre Anfänge im Jahr 1998, die Struktur besteht aus einem Franchise-System und basiert auf einer Bankengemeinschaft. Das Wachstum wurde in den vergangenen Jahren regelmässig durch Zukäufe gestärkt, eine Strategie, die wohl auch künftig weiterverfolgt werden wird.

Bis auf First Financial Bankshares können alle diese Titel auch an deutschen Börsen gekauft werden. Wegen der grösseren Liquidität sollte aber ohnehin bevorzugt an der Heimatbörse Nasdaq geordert werden, sofern dies zu vertretbaren Handelsgebühren umsetzbar ist.

Skandale stellen Anleger vor eine Gewissensfrage

Die fünf Titel zeichnen sich durch völlig intakte charttechnische Aufwärtstrends und durch erst kürzlich aufgestellte Kursrekorde aus. Sie sehen damit charttechnisch ähnlich gut aus wie der Nasdaq Financial 100 Index. Die Chart-Ampeln stehen somit auf Grün. Trotzdem wird wohl mancher Anleger bei Finanzaktien aus einem ganz anderen Grund noch etwas zögern, wenn es um die Frage geht, ob investiert werden soll oder nicht. Denn, obwohl es deprimierend ist, erscheint es fraglich, ob mit reinem Gewissen in den Finanzsektor Geld gesteckt werden kann. Die den Banken wegen deren Fehlverhalten aufgebrummten Strafen fallen jedenfalls gigantisch aus. Im Rekordjahr 2014 waren es mehr als 58 Milliarden Dollar, und in diesem Jahr bisher rund zehn Milliarden Dollar.

Das Schlimme dabei: Noch immer hat offenbar kein echter Sinneswandel eingesetzt. Der jüngste Skandal um die US-Grossbank Wells Fargo lässt einem als Beobachter jedenfalls wieder einmal die Haare zu Berge stehen. Denn, weil Mitarbeiter des Instituts ohne das Wissen der Kunden bis zu zwei Millionen Spar- oder Kreditkartenkonten eröffneten, soll jetzt eine Strafe von 185 Millionen Dollar gezahlt werden. Wieder einmal spielten dabei Fehlanreize sowie Gier eine Rolle, und als Käufer von Bankaktien kann man leider nie sicher sein, ob man damit nicht ein solches Verhalten mitfinanziert.

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