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Heisser Herbst: Italien wählt und verunsichert Anleger

Fontana die Trevi in Rom: Im Herbst wird womöglich wieder gewählt. Keystone

Schon im September könnte es in Italien Neuwahlen geben. Experten erwarten in den kommenden Monaten grössere Marktschwankungen. Und doch ist Italiens Börse einen Blick wert.

Von Annika Janssen
am 09.06.2017

Ein gutes halbes Jahr nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum und dem darauf folgenden Rücktritt von Ministerpräsident Matteo Renzi haben die vier grössten Parteien Italiens sich auf ein neues Wahlrecht geeinigt. Das galt als Voraussetzung für Neuwahlen zum italienischen Parlament. Geplant ist nun ein Verhältniswahlrecht mit einer Sperrklausel von fünf Prozent – das heisst, nur Parteien, die bei der Wahl fünf oder mehr Prozent der Stimmen gewinnen können, ziehen ins Parlament ein.

Nun müssen Neuwahlen folgen, bis spätestens Mai 2018. Die italienischen Bürger könnten allerdings schon im Herbst an die Wahlurne gebeten werden. Italienische Politiker haben sich in den vergangenen Tagen entsprechend geäussert. Viele Marktbeobachter spekulieren nun darauf, dass die Wahlen im September stattfinden.

Neue Nervosität in Europa

Nach den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich sorgen die Diskussionen um die italienische Neuwahl bei Anlegern erneut für Nervosität. Der italienische Leitindex FTSE MIB bewegte sich in den vergangenen Tagen im Zickzack: Die Kurse stürzten immer wieder ab, erholten sich kurzzeitig und sanken erneut. Sogar die Aktienmärkte in Fernost gerieten angesichts der Neuwahl-Spekulationen in Südeuropa unter Druck, berichten Beobachter.

Grund für die Unsicherheit ist vor allem die Angst vor einem Erstarken des europakritischen Lagers in Italien. „Es besteht die Gefahr, dass Italiens Wähler – wie bereits beim Verfassungsreferendum im Dezember 2016 – bei der Wahl das politische Establishment abstrafen und sich eine eurokritische Parlamentsmehrheit ergibt“, sagt Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.

Italien kämpft mit einer Bankenkrise

Umfragen zufolge könnte die Anti-Establishment-Partei 5 Stelle (Fünf Sterne) bei einer Wahl im Herbst als stärkste politische Kraft ins Parlament einziehen. Bei vielen Bürgern herrscht Unmut über die Lage im Land.

Für Italien läuft es schon seit längerem alles andere als gut. So ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor hoch, vor allem bei Jugendlichen. Mit 2,26 Billionen Euro ist Italien zudem so hoch verschuldet wie kein anderes Land der Eurozone. «Das Land hat sein Wirtschaftsniveau von 2008, also vor dem Platzen der Immobilienblase, noch nicht annähernd wieder aufgeholt», sagt Halver.

Nicht zuletzt kämpft Italien wieder einmal mit einer Bankenkrise. Anfang Juni gab die EU-Kommission grünes Licht für die Rettung der angeschlagenen Traditionsbank Monte die Paschi mit einer milliardenschweren Kapitalspritze aus italienischen Staatsmitteln. Das Geldhaus sitzt wie andere italienische Banken auch auf faulen Krediten in Milliardenhöhe, meldete zuletzt schwere Verluste.

Italiens BIP zu Jahresbeginn stark gewachsen

In den kommenden Monaten könnte sich die Lage bessern. Zumal es durchaus positive Signale gibt: So hat Italiens Wirtschaft sich im ersten Quartal 2017 überraschend gut entwickelt. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) stieg in den ersten drei Monaten des Jahres um 0,4 Prozent und damit doppelt so stark wie erwartet. Die Regierung hat Reformen am Arbeitsmarkt zumindest angestossen. Zudem exportieren viele italienische Unternehmen – etwa Luxusartikel, Lebensmittel, Fahrzeuge und Präzisionsmaschinen. Im Land gibt es ausserdem immer mehr Startups und innovative kleine und mittelständische Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen.

Anleger sollten sich im Vorfeld der Wahl auf stärkere Marktschwankungen gefasst machen und mit Vorsicht in Italien investieren – das südeuropäische Land aber nicht vollständig meiden. Für geduldige Privatanleger kann es sich lohnen, in einen Italien-Aktienfonds zu investieren. Deren Entwicklung konnte sich zuletzt sehen lassen: In den vergangenen fünf Jahren konnten immerhin sieben von acht Italien-Fonds den Index MSCI Italy schlagen, zeigt eine Analyse der Ratingagentur Scope. Ähnlich gut könnte es in den kommenden Jahren laufen, wenn in Italien wieder Ruhe einkehrt.

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