Investoren werden insbesondere von der amerikanischen Notenbank gebührend auf den bevorstehenden Zinserhöhungszyklus vorbereitet. Während man sich einig ist, dass die EZB und die BoJ ihre Leitzinsen noch lange Zeit nicht erhöhen werden, erwarten die Experten, dass die Bank of England sowie die amerikanische Notenbank den Zinserhöhungszyklus schon bald einleiten werden. Wann dies genau der Fall sein wird, ist umstritten. Die Debatte der Experten dreht sich hauptsächlich um die Kapazitätsreserven im Arbeitsmarkt. Die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, stellt sich auf den Standpunkt, dass diese grösser sind, als die Arbeitslosigkeit von 6,2 Prozent glauben macht. Gegner dieser Ansicht glauben, dass die Lage am Arbeitsmarkt bereits angespannt ist und bald zu Lohnerhöhungen führen wird. Der Auftritt von Fed-Präsidentin Yellen am Jackson-Hole-Symposium ergab diesbezüglich keine neuen Erkenntnisse.

Wir gehen davon aus, dass die amerikanische Notenbank im Zweifelsfall eher noch ein bisschen zuwarten und den Zinserhöhungszyklus Mitte 2015 einläuten wird. Schlussendlich spielt es aber keine grosse Rolle, ob die Amerikaner die Zinsen im März, im Juni oder im September erhöhen werden. Die Bank of England dürfte aufgrund des Protokolls ihrer letzten Notenbanksitzung und der aktuellen Makrodaten die Zinsen vor den Amerikanern anheben, möglicherweise noch in diesem Jahr.

Höhere Zinsen und ihre Folgen auf die Börse

Allgemein herrscht Angst vor Zinserhöhungen, doch schauen wir, was für eine Geschichte Leitzinserhöhungen der Vergangenheit zu erzählen haben. Zu diesem Zweck blicken wir auf die Eröffnung der Zinserhöhungszyklen durch die amerikanische Notenbank in den Jahren 1986, 1994, 1999 und 2004 zurück. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die vergangenen Perioden Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten, gegenüber heute aufweisen.

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Bei den vier Ereignissen in der Vergangenheit erreichte der S&P 500 jeweils erst kurz vor den Zinserhöhungen seinen Höhepunkt. Von diesen Höhepunkten bis zur effektiven Zinserhöhung fiel der S&P im Durchschnitt um rund 1,4 Prozent. Nach den ersten Zinserhöhungen betrug der durchschnittliche maximale Rückgang der Kurse 8,2 Prozent. Sechs Monate nach den Zinserhöhungen lag der S&P 500 jedoch im Durchschnitt wieder um fast 8 Prozent vorne. Nach zwölf Monaten betrug der Gewinn im Durchschnitt 7 Prozent. Die Technologieblase, die sich in den 1999er-Zahlen zeigt, lässt die Daten etwas besser aussehen, ändert aber nichts an den Grundaussagen.

Aktien vorerst nicht verkaufen

Basierend auf den vorliegenden Informationen besteht kein Grund zu übertriebener Sorge vor bevorstehenden Zinserhöhungen. Es scheint angebracht zu sein, Aktienpositionen vorläufig zu halten. Für langfristig orientierte Investoren lohnt es sich wahrscheinlich nicht einmal, nach der Zinserhöhung zu verkaufen. Unter Berücksichtigung aller Unsicherheiten ist der zu erwartende Rückgang der Aktienkurse von rund 8 Prozent nur dann gewinnversprechend, wenn die Verkaufs- und Kaufzeitpunkte zeitlich optimal gewählt werden. Wir behalten unsere neutrale Aktienquote bei.

Bruno Gisler, Chefökonom Aquila Group