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Strategie
Investieren in Zeiten der Unsicherheit

Philipp Hildebrand: Für die Regierungen waren die Zeiten, um Ausgaben in Infrastruktur zu finanzieren, wohl nie günstiger.

Wir steuern auf eine neue Phase von Unsicherheit zu. Vorsicht ist angesagt, vor allem in Europa. Wo Blackrock dennoch Anlagechancen erkennt.

Von Philipp Hildebrand*
am 10.08.2016

Dass die Geschäfts-, Kredit- und Bewertungszyklen weltweit aus dem Takt geraten sind, hatte das Blackrock Investment Institute schon Anfang 2016 analysiert. Es hat Investoren geraten, in diesem Umfeld erhöhter Ungewissheit Vorsicht walten zu lassen.

Jetzt steuern wir auf eine neue Phase geopolitischer Herausforderungen zu, allen voran die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten im November. Vor diesem Hintergrund erwarten wir an den Märkten in der zweiten Jahreshälfte mehr Volatilität.

Wenn eines gewiss ist, dann ist es die Ungewissheit.

Das hat uns die Entscheidung Grossbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, vor Augen geführt. Infolgedessen haben wir unsere Erwartungen an das globale Wachstum zurückgestuft. Das britische EU-Referendum belastet die Stimmung, ­sodass das Risiko einer Rezession in Grossbritannien besteht. Zudem erwarten wir, dass die ohnehin geringen Wachstumserwartungen in Europa herabgesetzt werden. Die Indikatoren für politische Unsicherheit schnellen nach oben.

Sogar in den USA, wo die Wirtschaft sich relativ geschützt entwickelt, sind Indika­toren für politische Unsicherheit in die Höhe geschnellt. Die anstehende Präsidentschaftswahl dürfte dafür sorgen, dass dies in den kommenden Monaten so bleibt. Schon geringe Einflüsse könnten die Wirtschaft von ihrem Wachstumspfad abbringen. Die Konsensprognosen geben das künftige Wachstum in den USA noch zu niedrig an, jedenfalls gemessen an unserem Blackrock Macro GPS, aber nicht mehr im gleichen Masse wie vor dem EU-Referendum in Grossbritannien.

Positiv ist zu bemerken, dass die Schwellenländer und ihre Währungen sich stabilisieren. Denn die US-Notenbank Fed dürfte Zinsanhebungen bis auf Weiteres ad acta ­legen. In China unterstützt wiederkehrendes Kreditwachstum die Konjunktur, wenn auch nicht so stark wie früher und verbunden mit der langfristigen Gefahr einer platzenden Blase.

Wir leben in einer Welt mit geringen Erträgen

In welche Richtung steuern die Märkte von diesem Punkt aus? Als Antwort auf diese Frage haben wir in unserem Ausblick auf das zweite Halbjahr drei Kernthemen formuliert:

→ Erstens leben wir in einer Welt mit geringen Erträgen, in der künftige Marktrenditen geringer ausfallen dürften als in der jüngsten Vergangenheit.

→ Zweitens scheint der Effekt der expansiven Geldpolitik – in den vergangenen Jahren ­einer der zentralen Treiber für die Preise von Vermögenswerten – abzunehmen.

→ Und drittens dürfte die Volatilität weiter zunehmen, denn die Sorgen rund um den Brexit belasten die europäischen Volkswirtschaften. Zudem wird der Geschäftszyklus reifer.

Die Staaten haben nur noch wenige Pfeile im Köcher: Die Zinssätze sind bereits niedrig, die Bilanzen aufgebläht, und in vielen Ländern herrscht Vollbeschäftigung. Die Federal Reserve befindet sich unserer Ansicht nach wegen des mageren Wachstums und der konjunkturellen Unsicherheit im Warte-Modus. Mit Blick auf die Europäische Zentralbank scheint es darauf hinauszulaufen, dass die Renditen infolge negativer Zinsen schwinden. Die Bank of England hat die Zinsen gesenkt und könnte ihr Quantitative Easing fortführen. In China besteht zwar Raum für geldpolitische Anreize, allerdings muss das Land das zügellose Kreditwachstum im Zaum halten.

Haushaltspolitische Anreize und Strukturreformen sollten unserer Ansicht nach jetzt an die Stelle der Geldpolitik treten, um das Wachstum zu stärken. Für die Regierungen waren die Zeiten, um Infrastrukturausgaben zu finanzieren, wohl nie günstiger als jetzt. Denn die Zinsaufwendungen sind trotz hohen Schuldenständen gering.Das ist sicher keine Aufgabe, die sich schnell bewältigen lässt. Denn damit qualitativ hochwertige Staatsausgaben skalierbar werden, braucht es Zeit. Und die politische Zerrissenheit macht die Dinge nicht ein­facher. In den USA ist die politische Dysfunk­tionalität stark ausgeprägt. Und innerhalb der Euro-Zone will Deutschland die Aus­gaben nicht erhöhen, solange andere nicht bereit für Reformen sind.

2016 ist zu einem Jahr gegendas Establishment geworden.

Darüber hinaus bemerken wir eine Zunahme populistischer Bewegungen. 2016 ist zu einem Jahr gegen das Establishment geworden, und der Druck auf die politischen Eliten wächst. Die Gründe dafür haben ihre Wurzeln in der Globalisierung und in schnellen technologischen Umwälzungen, die eine zunehmende Ungleichheit mit sich bringen: Seit der Finanzkrise ist die Zahl der Menschen in Europa, die am Rande der Armut leben, um acht Millionen angestiegen. Gleichzeitig ist die Wirtschaft der Euro­Zone unter dem Strich real nur um 0,5 Prozent gewachsen. Das Median-Haushaltseinkommen hat sich in den vergangenen zehn Jahren in den meisten Industriestaaten nicht verändert oder ist sogar gefallen.

Um die wachsende Kluft zwischen der ­Bevölkerung und den politischen Entscheidern zu schliessen, ist Wirtschaftswachstum ganz wichtig.Wenn es darum geht, dieses Wirtschaftswachstum zu erzeugen, spielt gewiss auch ein gesunder Finanzsektor eine entscheidende Rolle. Das gilt besonders für Europa. Geringe Profitabilität und Abschreibungen auf Forderungen machen es europäischen Instituten schwer, Wachstum zu unterstützen und gleichzeitig den steigenden Kapitalanforderungen gerecht zu werden. Negative Zinsen und die Ungewissheit im Zusammenhang mit dem britischen EU-Referendum machen es nicht leichter. Daher sind Kosteneinsparungen entscheidend: Die Banken müssen ihre Geschäftsmodelle vereinfachen, Prozesse mithilfe von Technologien automatisieren und Überkapazitäten abbauen.

Auf den Fundamentaldaten lässt sich aufbauen – in den USA

Wir gehen nicht davon aus, dass die ­Stimmung sich fundamental ändern wird. Ebenso unwahrscheinlich ist ein Ende der politischen und konjunkturellen Ungewissheit, welche die Märkte derzeit prägen.Auf den zugrundeliegenden Fundamentaldaten lässt sich jedoch aufbauen, ins­besondere in den USA. Dort scheinen sich inflationäre Kräfte durchzusetzen, und das Wachstum könnte einige positive Über­raschungen bereithalten. Davon könnten ­risikobehaftete Vermögenswerte deutlich profitieren, zumal noch viel Barvermögen an der Seitenlinie verharrt oder in Anleihen mit negativen Renditen investiert ist.

In Europa ist Vorsicht angesagt

In der Zwischenzeit ist Vorsicht angeraten, vor allem in Europa. Daher legen wir unseren Schwerpunkt auf qualitativ hochwertige Aktien und Aktien mit steigenden Dividenden. Im Anleihenbereich bevor­zugen wir Investmentgrade-Unternehmensanleihen und Schwellenländerpapiere, bei denen die risikoadjustierten Renditen vergleichsweise attraktiv sind. Staatsanleihen und Gold sind nach wie vor nützlich, um Portfolios breit aufzustellen.

* Philipp Hildebrand ist Vice Chairman von Blackrock. Von 2010 bis 2012 war er Präsident der Schweizerischen Nationalbank.

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