Verdoppelt, vervierfacht und nochmals vervierfacht – die Charts sind fast identisch. Etwa seit 2013 zieht es die Kurse von IVF Hartmann, Straumann Holding und Ypsomed steil nach oben. Die Kursgewinne liegen zwischen 100 und 300 Prozent, und alle drei Titel notieren im Bereich ihrer Allzeithochs. Während IVF und Straumann dabei tatsächlich seit Monaten von einem neuen Rekordhoch zum nächsten jagen, hat die Aktie von Ypsomed nun immerhin das Allzeithoch aus 2006 von rund 215 Franken wieder so gut wie erreicht.

Und was noch identisch ist: Die drei Titel stammen allesamt aus den Bereichen Medizin und Gesundheit. Auffällig ist auch die Bewertung. Alle drei Unternehmen bringen es auf geschätzte KGVs für 2016 von weit über 20 oder gar auf mehr als 30. Anleger fragen sich da jetzt natürlich: Wird sich der Höhenflug der Aktien fortsetzen oder ist die Bewertung der operativen Entwicklung schon zu weit vorausgelaufen?

IVF Hartmann – nur noch geringes Wachstum

Ausgereizt scheint die Aktie von IVF Hartmann zu sein. Der Anbieter von Medizinprodukten, etwa für Wundbehandlung, Desinfektion oder Inkontinenzhygiene, beliefert mit seinem Sortiment vor allem Apotheken, Alters- und Pflegeheime sowie Spitäler. Trotz des stabilen Geschäftsmodells leidet der Konzern aus Neuhausen im Kanton Schaffhausen seit Längerem unter dem starken Wettbewerb und dem regulierten Gesundheitsmarkt mit seinen Sparzwängen.

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Wegen der Kostenvorgaben der Krankenkassen kommen die Umsätze bei IVF Hartmann seit Jahren kaum mehr voran. In den letzten drei Jahren kletterten die Erlöse des Gesundheitsplayers insgesamt lediglich um 5,0 Prozent auf 132,3 Millionen Franken. Im ersten Halbjahr 2016 gab es zwar ein Mengenwachstum von 2,6 Prozent, doch wegen des Preisdrucks und Entfalls von positiven Effekten aus dem Vorjahreszeitraum rutschte der Umsatz sogar um 0,2 Prozent nach unten.

Anleger setzen auf den Rebound von der Trendlinie

Auf der Gewinnseite herrscht ebenfalls mehr oder weniger Stagnation. Zwischen 2012 und 2015 kletterte der Reingewinn bei IVF lediglich um 8,6 Prozent auf 16,1 Millionen Franken – entsprechend 6.7 Franken je Aktie. Wegen der Stagnation im ersten Halbjahr ist auch im 2016 kein Schub zu erwarten, sondern bestenfalls ein kleiner Schritt nach oben auf etwa 7.0 Franken je Aktie. Geringes Wachstum im einstelligen Bereich und 28er-KGV – die Aktie ist schon gut bezahlt. Auch die geringe Dividende, kaum über 1,0 Prozent, ist kein Kaufargument.

Nachdem der Titel in den letzten Wochen vom Allzeithoch bei 211.90 Franken leicht korrigiert hat, spekulieren lediglich charttechnisch orientierte Anleger darauf, dass die Aktie jetzt von der unteren Begrenzungslinie des Aufwärtstrends nach oben drehen kann. Das verspricht möglicherweise sehr zeitnah Kurssteigerungen von etwa 5 bis 10 Prozent.

Straumann – Zuwächse in allen Regionen und Segmenten

Wesentlich rasanter geht es bei Straumann Holding zu. Während IVF Hartmann mit einer Exportquote von lediglich 6,7 Prozent fast vollständig auf den heimischen Markt konzentriert ist, macht der nach eigenen Angaben weltweit führende Anbieter von Produkten für den Zahnersatz und von Implantaten global grosse Sprünge. Der Schweizer Dentalmarkt steuert nur 3,8 Prozent zum Umsatz bei, aber international gibt es enorm hohe Wachstumsraten.

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Straumann konnte den Umsatz schon im letzten Jahr um 12,4 Prozent auf 798,6 Millionen Franken steigern, nun kletterten die Erlöse im ersten Halbjahr sogar um 16 Prozent. Nach oben ging es dabei in allen Produktgruppen und in allen Regionen. Mit einem organischen Umsatzplus von 15 Prozent zeigte das zweite Quartal obendrein das höchste organische Wachstum seit acht Jahren.

Nachholpotenzial bei Implantaten

Straumann profitiert von der andauernden internationalen Expansion, von neuen Kooperationen und von neuen Produkten, mit denen der Zahnexperte auch Marktanteile gewinnen kann. Zudem: In den meisten Industriestaaten werden Implantate noch vergleichsweise selten eingesetzt. Bei der Implantate-Penetration in der Bevölkerung gibt es in vielen Ländern teilweise ein hohes Nachholpotenzial etwa weltweit gesehen gegenüber der Nummer eins – Korea, aber auch gegenüber Spanien und Italien.

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Straumann kann die höheren Umsätze trotz ihrer Investitionen in das Wachstum auch in teilweise überproportionalen Gewinnsteigerungen umsetzen. Im vergangenen Jahr kletterte der operative Gewinn um 16 Prozent, im ersten Halbjahr hat es sogar einen Anstieg um 19 Prozent gegeben. Allerdings: Bereinigt um positive Effekte aus einer Steuergutschrift dürfte das KGV in diesem Jahr fast im Bereich von 30 liegen. Kommt es einmal zu einer Wachstumsdelle, wird wohl der Kurs zusammenschrumpfen. Die Korrekturrisiken sind entsprechend auch bei Straumann gross. Auch hier setzen deshalb derzeit lediglich technisch orientierte Anleger auf einen Sprung erneut über die 400-Franken-Marke und über das Allzeithoch vom August bei 405.25 Franken. Alles andere wäre  Spekulation auf die Unsterblichkeit.

Ypsomed – Wachstumssprünge mit Insulintherapien, …

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Eine wirkliche Wachstumsrakete ist Ypsomed. In den letzten drei Jahren steigerte der Anbieter von Produkten für Injektionen und Diabetesversorgung den Umsatz um 37,7 Prozent auf 336,9 Millionen Franken und konnte die operative Marge dabei von 2,0 auf 13,2 Prozent ausweiten und den Gewinn vor Zinsen und Steuern auf 44,4 Millionen Franken fast verzehnfachen. Damit wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr 2015/16 per Ende März nicht nur die Erwartungen sogar noch um rund 10 Prozent übertroffen, sondern beim Reingewinn hat es zudem einen Sprung um 84,6 Prozent auf 35,8 Millionen Franken gegeben.

Rückenwind bekommt Ypsomed durch die zunehmende Erkrankung Diabetes, die auch bei jüngeren Menschen um sich greift, durch die internationale Expansion und durch die Kooperationen. So traf der Konzern aus Burgdorf im Juni dieses Jahres eine vielversprechende Vereinbarung mit dem grossen Medizinkonzern Novo Nordisk bei Insulinpumpentherapien. 

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… aber die Aktie ist schon teuer

Für dieses Jahr kündigt Firmenchef Simon Michel ein Umsatzplus von 12,0 Prozent und einen Anstieg beim operativen Gewinn auf 55 Millionen Franken an. Das Ergebnis könnte dadurch geschätzt von 2.84 bis in den Bereich um 3.50 Franken je Aktie steigen. Allerdings: Einem Gewinnwachstum von 25 Prozent steht dann eine Bewertung mit 50er-KGV gegenüber.

Das heisst: Konservative Anleger legen sich wegen der hohen Bewertung auch Ypsomed nicht ins Depot. Lediglich langfristig orientierte und etwas risikofreudigere Börsianer greifen noch zu und setzen damit auf ein Fortschreiben des Wachstums. Möglicherweise wird bei der Vorlage der Halbjahreszahlen vom 3. November die Aktie auch das Allzeithoch aus 2006 knacken.