Auf den ersten Blick mag man glauben, dass die Abenomics gescheitert sind, denn trotz der Reflationspolitik blieben Inflation und Lohnanstieg niedrig. Real ist der Konsum 2016 das dritte Jahr in Folge gefallen. Der schwache Wohnimmobilienmarkt und der geringe Automobilabsatz suggerieren, dass die niedrigen Zinsen nicht wirken. Aber die Knappheiten am Arbeitsmarkt nehmen zu; im April war die Arbeitslosenquote mit 2,8 Prozent so niedrig wie seit 1994 nicht mehr.

Der angespannte Arbeitsmarkt dürfte zu stärkerem Lohnanstieg, mehr Konsum und höherer Inflation führen. Doch das braucht Zeit. Die Regierung bemüht sich noch intensiver um mehr Wirtschaftswachstum. Letztes Jahr legte sie die Revitalisierungs- Strategie vor, die unter anderem Massnahmen zur Steigerung von Beschäftigung und Produktivität enthält. Wichtig sind auch die – wenn auch langsamen – Fortschritte der Corporate- Governance-Reform, eines Grundpfeilers der Abenomics.

Japan: Aktionärserträge vergleichsweise niedrig

Auch wenn es auf Unternehmensebene bereits Veränderungen gibt, sind die Aktionärserträge im Vergleich zu den USA und Europa niedrig. Doch das ändert sich, da die Geschäftsleitungen angesichts des zunehmenden Wettbewerbs grösseren Wert auf effizienten Kapitaleinsatz legen. Wird die Überschussliquidität besser genutzt, dürfte die Rentabilität steigen.

Die Gewinnmargen haben sich daher verbessert, auch wenn die Eigenkapitalrentabilität noch immer niedrig ist. Alles in allem dürfte der klarere Fokus auf Kapitaleffizienz und Shareholder Value für ein nachhaltigeres Wachstum japanischer Unternehmen und damit auch der Wirtschaft sorgen. Dem Aktienmarkt könnte dies guttun.

Gewinnhochs innerhalb der kommenden zwei Jahre

Die Konjunktur hellt sich auf in Japan. Für den Gewinnausblick ist das gut. Für die nächsten zwei Jahre können neue Gewinnhochs erwartet werden, vor allem bei Herstellern elektronischer Bauelemente und Handelshäusern, die von der Rohstoffpreiserholung profitieren. Weniger gut sieht dies allerdings bei Automobilherstellern aus, deren Umsätze in Nordamerika nachlassen dürften.

Allerdings könnte der Gewinnausblick unter externen Schocks leiden. Die politische Unsicherheit in den USA, weltpolitische Spannungen und nicht zuletzt die bevorstehenden Wahlen in Europa könnten zu einer Yen-Aufwertung führen und den Unternehmensgewinnen schaden.

Japanische Aktien noch immer günstig bewertet

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt deutlich unter dem Vergangenheitsdurchschnitt, das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist im Vergleich zu dem anderer wichtiger Märkte niedrig. Zugleich ist die Gewinnrendite gegenüber der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen allmählich gestiegen. Die Aussichten auf höhere Unternehmensgewinne und Aktionärserträge könnten die Bewertungen und damit die Aktienkurse steigen lassen. Anzeichen dafür, dass führende Unternehmen höhere Aktionärserträge anstreben, könnten zu einer Neubewertung ihrer Aktien führen.

Interessant sind in diesem Umfeld Unternehmen, die vom Wachstum der zunehmenden Fabrikautomatisierung profitieren. Hinzu kommen Banken und Finanzunternehmen, denen die Reflation zugutekommen kann, aber auch wachstumsstarke Nischenunternehmen mit internationalen Wettbewerbsvorteilen. Auch Firmen, die sich grundlegend ändern, indem sie sich von unrentablen Geschäftszweigen trennen und stattdessen in Wachstumsbereiche investieren, sind vielversprechend.

* Seung Kwak, Portfolio Manager at Capital Group

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