Am Schweizer Rentenmarkt geht das Jahr 2015 so zu Ende, wie es begonnen hat: Das Kapitalmarktsegment ist de facto ein zinsfreier Raum. Bei der zehnjährigen Bundesobligation bewegt sich die Rendite aktuell um rund 30 Basispunkte unter der Nulllinie. Schon kurz nachdem die Schweizerische Nationalbank Mitte Januar das plötzliche Ende des Euro-Mindestkurses verkündet hatte, war der Ertrag dieser Benchmark-Obligation erstmals in den negativen Bereich abgerutscht. Zwar kehrte er zwischenzeitlich immer wieder auf positives Terrain zurück, zu einer Trendwende ist es dann aber nicht gekommen.

Ändern dürfte sich am chronischen Zinstief auch im neuen Jahr wenig. Dafür spricht allein die geldpolitische Grosswetterlage auf dem alten Kontinent. So wie es aussieht, weitet die Europäische Zentralbank ihre expansive Gangart noch einmal aus. Jedenfalls hat EZB-Chef Mario Draghi für die finale Sitzung des Jahres vom 3. Dezember eine Überprüfung der laufenden Massnahmen angekündigt. «Das Anleihen-Kaufprogramm bietet genügend Flexibilität – bei der Veränderung von Umfang, Zusammensetzung und Länge», sagte der Italiener vor kurzem. Viele Marktteilnehmer gehen nun davon aus, dass die EZB ihre schon jetzt mit monatlich 60 Milliarden Euro gefüllte Geldspritze noch stärker aufziehen wird. Gleichzeitig könnte es sein, dass sie das auf September 2016 begrenzte Programm verlängern wird.

EZB dürfte nachlegen

Sollte Draghi tatsächlich eine neue Geldschwemme lostreten, wird die Schweizerische Nationalbank wohl kaum tatenlos zusehen. Am 10. Dezember gibt die SNB ihre geldpolitische Lagebeurteilung ab. Sie könnte dann mit einer Ausweitung des Negativzinses reagieren, um eine neuerliche Aufwertungswelle beim Schweizer Franken zu bremsen. Wie auch immer: Anleger, die freies Kapital sicher und mit akzeptablen Erträgen bunkern möchten, haben es bis auf Weiteres schwer.

Trotz der widrigen Umstände werden die Anbieter von strukturierten Produkten nicht müde, nach Lösungen für diese Herkulesaufgabe zu suchen. «Im aktuellen negativen Kursfristzinsumfeld ist die Konstruktion von vollständig garantierten Kapitalschutz-Produkten im Franken-Bereich herausfordernd», erklärt Manuel Dürr, Head Public Distribution bei Leonteq Securities.

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Leonteq nutzt den Langfristzins

An einer aktuellen Emission wird ein möglicher Ausweg deutlich. Bis zum 18. November steht bei Leonteq ein Kapitalschutz-Zertifikat (ISIN CH0266689527) in der Zeichnung. Zum Verfall nach einem halben Jahr gibt das Finanzhaus eine Garantie für 90 Prozent des Nominalwertes (1000 Franken) ab. Fix ist zudem die Couponzahlung in der Höhe von 5 Prozent.

Dieser hohe Ausschüttungssatz ist möglich, weil die Emittentin die Tilgung an einen langfristigen Zinssatz koppelt. Massgeblich ist der 40-jährige Franken-Swap. Er gibt an, zu welchen Konditionen im Interbankengeschäft auf Sicht von vier Jahrzehnten gerade Transaktionen abgeschlossen werden. Aktuell liegt der Swap bei rund 80 Basispunkten. Solange er sich in den kommenden sechs Monaten stabil entwickelt, erhalten Anleger eine vollständige Rückzahlung. Sollte der Satz hingegen einen vorab fixierten Korridor verlassen, kommt es zu Abschlägen. Dabei liegt die obere Begrenzung bei 1,10 Prozent, während die untere auf 0,70 Prozent festgelegt ist. Gefahr ist damit vor allem im Verzug, falls die langfristigen Zinsen nachgeben. Für jeden Basispunkt, den der Swap per Verfall über oder unter den beiden Barrieren steht, fällt 1 Prozentpunkt der Tilgung weg. Aufgrund des Kapitalschutzes und des garantierten Coupons ist das Verlustrisiko jedoch auf 5 Prozent begrenzt. Offenbar kommt eine solche Vorgehensweise im Markt an: «Wir planen, unser Angebot in diesem Bereich noch auf weitere Franken-Swap-Rates auszuweiten», berichtet Manuel Dürr.

Vontobel bindet Referenzschuldner ein

Eine weitere Möglichkeit, auf Franken lautende Produkte mit einem ansehnlichen Coupon auszustatten, bieten Referenzanleihen. Dabei ziehen die Emittenten die Obligation eines Drittschuldners hinzu. Mit Hilfe der anfallenden Erträge können sie die Konditionen des Derivats aufpeppen. Anleger nehmen dafür allerdings die Ausfallgefahr der Referenzanleihe in Kauf.

Am 3. Dezember endet die Zeichnungsfrist für eine Vontobel-Emission (ISIN CH0301872526). Die Privatbank macht sich darin die unter dem Abgasskandal leidende Bonität von Volkswagen zunutze. Das Produkt ist an eine mit mehr als 2 Prozent rentierende Euro-Obligation des Autobauers gekoppelt. Das auf Franken lautende Zertifikat wirft dennoch lediglich 0,45 Prozent p.a. ab. Unter der Voraussetzung, dass bei dem gebeutelten Referenzschuldner kein Kreditereignis eintritt, zahlt Vontobel den Nominalwert in einem Jahr vollständig zurück.

Credit Suisse weicht auf den Dollar aus

Die Beispiele zeigen, dass sich die Struki-Branche trotz ihres Einfallsreichtums den Gegebenheiten am Rentenmarkt nicht entziehen kann. Mehr ist drin, sobald die Emittenten auf andere Währungsräume ausweichen. Das gilt insbesondere für den Dollar. Bekanntlich deutet immer mehr darauf hin, dass die US-Notenbank im Dezember die Zinswende einläuten wird. In einer Neuemission (ISIN CH0288454611) der Credit Suisse kommt die geldpolitische Diskrepanz zwischen Europa und den Staaten zum Tragen.

Zum Ende der siebenjährigen Laufzeit gibt die Grossbank eine 100-Prozent-Garantie für den Kapitaleinsatz (1000 US-Dollar) ab. Zudem überweist sie alle drei Monate einen Coupon, der mindestens 2,30 Prozent p.a. beträgt. Für den Fall, dass die Zinsen im Dollarraum tatsächlich anziehen, ist mehr drin. Konkret ist die Ausschüttung an den 3-Monats-US-Dollar-Libor gekoppelt. Sobald dieser Geldmarktsatz den Minimum-Coupon übertrifft, steigt der laufende Ertrag. Momentan notiert der Referenzzins bei rund 30 Basispunkten. Insofern müsste die Fed die Zügel wohl massiv straffen, bis die Zinswende bei den Inhabern des Derivats ankommen würde – sonderlich wahrscheinlich ist dieses Szenario aber nicht.

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