Mit einer knappen Medienmitteilung wurde Anfang Woche das Ende der einzigen bankenunabhängigen Plattform für massgeschneiderte Zertifikate besiegelt. Vontobel kündigte die Übernahme von Derivative.com an. Ende 2011 ging das zur Derivative Partners Holding zählende Start-up als erste emittentenübergreifende Anwendung online. Ab einer Investitionssumme von 250'000 Franken können Nutzer das strukturierte Produkt ihrer Wahl aufsetzen.

Dazu legen sie zunächst bestimmte Parameter wie Gattung, Basiswert und Laufzeit fest. Anschliessend liefert das System die verfügbaren Konditionen der angeschlossenen Häuser, und der Anleger kann das für ihn attraktivste Produkt wählen. Zehn Banken buhlten auf Derivative.com zuletzt um Kapital, darunter die heimischen Institute ZKB, Sarasin und BCV. Allerdings ist lediglich die französische Nataxis in der Lage, vollautomatische Kurse zu stellen. Die Wartezeit zwischen Orderaufgabe und Eintreffen der verschiedenen Offerten gilt bei Branchenkennern als ein zentraler Grund dafür, weshalb Derivative.com das angestrebte Ziel, «sich als führende unabhängige Emissionsplattform zu etablieren», nicht erreicht hat.

Vontobel ist allein auf weiter Flur

Als ein weiterer Stolperstein erwies sich der heutige Käufer. Im August 2012 kündigte Vontobel die Öffnung von Deritrade an. Diese Plattform war bis dahin auf hauseigene Strukturen beschränkt. Insofern konkurrierte sie mit anderen geschlossenen Systemen, allen voran mit Equity Investor der UBS. Doch dann machte die Privatbank Deritrade zu einer Multi-Emittenten-Applikation, indem sie zunächst Morgan Stanley und Société Générale sowie später die Deutsche Bank anschloss.

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Für Aufsehen sorgte Vontobel im Struki-Markt Anfang März mit der Anbindung der UBS als erstem heimischem Emittenten. Schon zuvor hatte ein Top-Manager der Grossbank bei Deritrade angeheuert. Im vergangenen Herbst übernahm Gerhard Meier den Posten als Head Multi Issuer Platform. Vor seinem Wechsel verantwortete er das UBS-Tool. Meiers nächste Aufgabe wird darin bestehen, Derivative.com in die Vontobel-Applikation zu integrieren. Ob sämtliche, auf der akquirierten Anwendung aktive Emittenten zu Deritrade wechseln werden, bleibt offen. Weder in der Medienmitteilung noch auf Nachfrage äusserte sich Vontobel dazu. Auch in puncto Kaufpreis hüllen sich die Parteien in Schweigen. «Von unserer Seite her sind wir aufgrund der Ausgangslage über den Exit sehr erfreut», erklärt Eric Wasescha, CEO von Derivative Partners. Fest steht, dass Vontobel in diesem Segment hierzulande nun allein auf weiter Flur agiert.

4000 institutionelle Nutzer

Das sah vor zwei Jahren noch ganz anders aus: Neben Derivative.com arbeiteten zwei weitere Unternehmen an Systemen für massgeschneiderte Produkte. Sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland wollte Xicor eine emittentenübergreifende Plattform hochfahren. Doch die Gesellschaft stellte 2013 den Geschäftsbetrieb ein. Scheinbar war den Banken der technische und finanzielle Aufwand einer Anbindung zu hoch. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist der Nutzerkreis des jeweiligen Tools. Diesbezüglich hat Deritrade sicher seinen Reiz. Nach Angaben der Bank Vontobel greifen rund 4000 institutionelle Investoren, die zusammen mehr als eine Billion Franken verwalten, auf das System zu.

Die Privatbank hat Deritrade übrigens in eine separate Geschäftseinheit ausgegliedert. «Damit sich eine Multi-Issuer-Plattform wie die unsere als zentraler Marktplatz durchsetzen kann, muss sie zwingend emittentenneutral sein», erklärte Gerhard Meier Anfang März gegenüber stocksDIGITAL. Wie auch immer: Konkurrenz von aussen muss er vorerst nicht fürchten. Nach den Erfahrungen mit Xicor und Derivative.com ist kein weiterer bankenfremder Dienstleister in Sicht. Spannend wird, wie sich die direkten Konkurrenten verhalten werden. Bisher machten sie keine Anstalten, ihre internen Plattformen für Drittanbieter zu öffnen. Sollte Deritrade – Vontobel möchte auch international expandieren – zum Erfolgsmodell werden, könnten durchaus Nachahmer auf den Plan treten.

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