Hat sich Grossbritannien völlig ausgeklinkt? Diese Frage könnte man sich schon stellen, wenn man die grossen aktuellen politischen Themen betrachtet. Aus London ist zum Thema Ukraine oder zur Osterweiterung der EU nur wenig zu hören und zu lesen. Auch EZB, Überschuldung der europäischen Südländer und Euro scheinen die Briten vergleichsweise kalt zu lassen. Irgendwie könnte man die Insel wegen Sendepause fast schon vergessen.

Wenn da nicht der FTSE wäre. Der englische Leitindex mit seinen 625 Mitgliedern ist nämlich seit zwei Jahren in einem wunderschönen Aufwärtstrend. Der Markt schafft dabei nicht nur Kurssteigerungen von rund 32 Prozent, sondern knackte vor einem Jahr schon das Allzeithoch aus 2007 von 3478 Punkten und läuft in diesem Jahr von einem Rekord zum nächsten. So erreichte der FTSE All Share Ende Februar ein neues Hoch bei 3685 Zählern.

Konjunktur: Starke Aussichten

Anleger fragen sich: Was ist los auf der Insel? Könnte der Seitwärtslauf der Börse London seit Januar in der engen Handelsspanne zwischen 8100 und 8600 Punkten nur eine Verschnaufpause vor dem Sprung über den Widerstand im Bereich des Allzeithochs sein? Beim aktuellen Stand von 8465 Punkten würden schon Steigerungen von 3 Prozent ausreichen, um auf eine neue Bestmarke und aus der Trading Range zu kommen.

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Möglicherweise bringt die Konjunktur die entscheidende Initialzündung für neue Kursdynamik. Denn während Grossbritannien 2012 mit einer Schrumpfung der Wirtschaft um 0,2 Prozent in die Rezession gerutscht war und 2013 nur um 1,0 Prozent Zuwachs erreichen konnte, sagte der Internationale Währungsfonds IWF im April für die Insel für 2014 ein Wachstumsplus von 2,4 Prozent voraus. Das wäre spitze in Europa. 2015 soll das Land um weitere 2,2 Prozent zulegen. Noch im vergangenen Oktober hielten die IWF-Experten lediglich Zuwächse von 1,8 und 2,0 Prozent für realistisch.

Arbeitslosenquote: Tiefster Stand seit 2009

Aber nicht nur die Konjunkturprognosen entwickeln sich positiv. Auch die Arbeitslosenquote geht zurück. Im Dreimonatszeitraum Dezember bis Februar fiel diese von 7,2 in den Monaten November bis Januar auf 6,9 Prozent. Ökonomen hatten 7,1 Prozent erwartet. Auf jeden Fall war das die niedrigste Rate seit Februar 2009.

Vielleicht belastet die bevorstehende Volksabstimmung in Schottland über den weiteren Verbleib im Vereinigten Königreich. Immerhin wollen die Schotten am 18. September über ihre Unabhängigkeit entscheiden. Zwar zählt Schottland nur rund 10 Prozent der Bevölkerung im Königreich und hat einen in etwa ebenso grossen Anteil am Bruttosozialprodukt, doch die Abspaltung wäre ein Schlag auch ins Gesicht der Vereinigungs-Europäer in der EU. Eine Unabhängigkeit der Schotten dürfte damit aber wohl eher psychologische und weniger harte konjunkturelle Auswirkungen auf Grossbritanniens Wirtschaft haben.

FTSE All Share – reihenweise Value

Auf jeden Fall scheint das Umfeld für Britanniens Börse zumindest in den nächsten ein bis zwei Jahren freundlich zu sein. Unter den Einzelwerten im FTSE All Share befinden sich auch verschiedene attraktive Titel. Nach Value-Gesichtspunkten erreichen nach einem aktuellen  Ranking des Zürcher Researchhauses Obermatt (siehe Tabelle) mit Titeln wie dem Kommunikationsexperten Communisis, dem Logistikdienstleister Stobart (GB00B03HDJ73) oder dem Industriekonglomerat Carrs Milling gleich zehn Titel die volle Punktezahl von 100. 

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Bei diesem Bewertungsraster zählen Kennzahlen wie Kurs/Gewinn- oder Kurs/Buchwert-Verhältnis. Tatsächlich kommt etwa Communisis (ISIN: GB0006683238) nur auf ein 10er-KGV. Carrs Milling (ISIN: GB0001785871) hingegen ist zwar mit einem 14er-KGV fast schon durchschnittlich hoch bewertet, aber dafür aus charttechnischer Sicht sehr interessant. Notiert die Aktie jetzt doch am Allzeithoch von Ende Februar und im Widerstandsbereich um 1915 GBp. Fällt die Hürde, kann der Titel möglicherweise ganz schnell die 2000-GBp-Marke ins Visier nehmen.

Communisis wächst stark und ist günstig bewertet

Da Communisis expandiert und bereits vier Jahre in Folge wachsen kann – 2013 stiegen die Umsätze des Konzerns aus Leeds um 18 Prozent auf 270,1 Millionen Pfund, und der Gewinn kletterte gar um 26 Prozent auf 4,9 Millionen Pfund – sieht Researcher Obermatt das Unternehmen auch hinsichtlich Wachstumskriterien ganz weit oben im FTSE. Communisis schlägt unter diesem Aspekt 96 Prozent der Indexmitglieder. Kombiniert – inklusive Sicherheitskennzahlen wie geringer Verschuldung und hoher Liquidität – schneidet das Unternehmen im Obermatt-Ranking als Nummer eins ab.

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Vom erwarteten konjunkturellen Aufschwung will Firmenchef Peter Hickson ebenso profitieren wie vom Trend der Kunden zum Outsourcing sowie vom weiteren Ausbau der internationalen Expansion. Immerhin steigerte der Manager den Auslandsanteil allein im vergangenen Jahr von 7 auf 18 Prozent. Zwar hat Communisis mit Royal Bank of Scotland einen wichtigen Kunden mit Firmensitz in Schottland, aber selbst nach einer möglichen Unabhängigkeitserklärung der Schotten im September dürfte die Bank ihr internationales Geschäft wohl kaum an den Nagel hängen.