Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Das Wahlergebnis in Frankreich wurde im Vorfeld der Wahlen weitgehend eingepreist. Dies nicht nur bei den Aktien, sondern auch beim Euro. In den kommenden Wochen werden die Finanzmärkte abwägen, ob dies gerechtfertigt war. Die zurzeit höhere Euro/Franken-Notierung nimmt zumindest Druck von der Schweizerischen Nationalbank und hilft der Schweizer Exportwirtschaft. Die befürchtete Akzentuierung des Negativzinses ist damit unwahrscheinlicher geworden.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Investoren, die seit der Wahl von Donald Trump im November letzten Jahres dabei sind, haben im Schweizer Aktienmarkt eine Kurssteigerung von rund 20 Prozent mitgemacht und gleichzeitig Dividenden vereinnahmt. Ich gehe davon aus, dass nach dieser Rally Kursgewinne mitgenommen werden. Zudem ist auch das Motto «Sell in may and go away» in den Köpfen vieler Privatanleger tief verankert.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Wirtschaftserholung in Europa geht ins fünfte Jahr und dürfte sich im Fahrtwind der USA vorderhand fortsetzen. Dies hilft auch der Schweiz. Der SMI hat somit mittelfristig Potential, doch die Luft wird klar dünner. Gleichzeitig stimmt mich die scheinbare «Sorglosigkeit» der Investoren vorsichtig. Volatilitätsindizes bewegen sich auf historischen Tiefstständen. Dies ist in der Regel nicht nachhaltig.

Börsenbetreiberin SIX hat eine neue Gewichtung im SMI angekündigt, kann dies den Index weiter beflügeln?
Die SIX will die Gewichtung einzelner Titel auf 18 Prozent begrenzen. Dies als Antwort auf regulatorische Anforderungen zur Diversifikation bei Kollektivanlagen. Die SIX erhofft sich von diesem Schritt, den SMI für passive Anlagen marktfähiger zu machen. Ob der angekündigte Schritt dem Index zusätzlichen Schub verleiht, bezweifle ich, da sich die meisten grossen Investoren sowieso am breiter gefassten Swiss Performance Index (SPI) orientieren. Kleinere Indextitel könnten jedoch zu Lasten der Schwergewichte Nestlé und Novartis profitieren.

Welche Sorgen plagen Ihre Kunden momentan?
Bei den stetig wachsenden Produktepaletten sowie wandelnden Gebühren- und Dienstleistungsmodellen der Banken den Durchblick zu behalten, fordert die Kunden. Es gilt einerseits zu verstehen, was genau geboten wird und andererseits zu wissen, was man im Endeffekt wirklich braucht. Im Anlagebereich stellt sich die Frage, welche Investition zu einem passt. Schwierig ist es insbesondere für konservative Anleger. Ohne Zins auf dem Konto und mit unattraktiven Renditen auf Obligationen steht hier oft die Rückzahlung von Hypotheken oder der freiwillige Einkauf in die Vorsorge zur Debatte.

Die Frankreich-Wahl liegt hinter uns – wo orten Sie die nächsten Stolpersteine?
Anfang Juni finden in Grossbritannien die vorgezogenen Neuwahlen statt. Aus heutiger Sicht dürften diese jedoch kaum hohe Wellen an den Finanzmärkten schlagen. Im September stehen die Wahlen in Deutschland an, doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. In der Zwischenzeit dürfte interessieren, wie sich das Verhältnis der EU zur Türkei entwickelt. Zudem wird uns auch die Thematik USA-Nordkorea beschäftigen. Dies vor dem Hintergrund des neu gewählten südkoreanischen Präsidenten, welcher für einen Dialog mit Nordkorea und eine unabhängigere Position gegenüber den USA steht. Auch Griechenland mit seiner Forderung nach einem Schuldenerlass bleibt ein möglicher Stolperstein.

Die USA entwickeln sich robust – halten Sie es für möglich, dass die Notenbank mehr als zwei weitere Zinsschritte vornehmen wird? Wo wird der Leitzins Ende Jahr liegen?
Basierend auf aktuellen Marktdaten betrachte ich eine Zinserhöhung im Juni als bereits beschlossene Sache. Der zurückgekommene Ölpreis nimmt für die Zukunft jedoch etwas Inflationsdruck weg. Gleichzeitig kann eine zu grosse Zinsdifferenz zu Europa nicht im Interesse der USA sein. Ich teile daher die Markteinschätzung von maximal zwei Erhöhungen und sehe folglich ein Zinsband per Ende Jahr von 1,25 bis 1,50 Prozent.

* Der promovierte Ökonom Christof Strässle ist Gründer und Managing Partner der unabhängigen Vermögensberatung Strässle & Partner Vermögens-Engineering AG mit Sitz in Luzern. Er verfügt über nationale und internationale Bankerfahrung im Bereich Private Banking und institutionelle Kunden.

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