Die Neuanträge für Arbeitslosenunterstützung in den USA sind auf dem tiefsten Stand seit sieben Jahren, die Produzentenpreise legten im April um über 3 Prozent zu, und der wirtschaftliche Ausblick hellt sich weiter auf. Die US-Wirtschaft lässt die Winterdepression hinter sich, und die Zentralbank (Fed) muss mittlerweile schon beide Augen zudrücken, um den sich aufbauenden Preisdruck nicht zu erkennen und weiterhin jeden Monat Dutzende von Milliarden von Dollars in den Markt pumpen zu können.

Es ist offensichtlich, dass die Fed bewusst eine höhere Inflationsrate in Kauf nimmt. Sie will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, den wirtschaftlichen Aufschwung mit einer Straffung der Geldpolitik abzuwürgen. Zudem sind den meisten Regierungen dieser Welt höhere Inflationsraten durchaus willkommen, lässt sich dadurch doch die reale Schuldenlast leichter abbauen. Die USA sind da keine Ausnahme.

Obligationäre nehmen Verluste in Kauf

Interessant ist aber, dass die Anleger das Spiel mitmachen. Obwohl die US-Notenbank mittlerweile ihre Anleihenkäufe halbiert hat und deren Ende in wenigen Monaten absehbar ist, sind die US-Zinsen in den letzten Wochen wieder deutlich gesunken. Die reale Rendite auf US-Staatsanleihen – also nach Abzug der Teuerung – ist bis zu einer Laufzeit von sieben Jahren negativ. Anleger verlieren also Geld, wenn sie diese Anleihen kaufen. Noch ausgeprägter ist die Situation in Deutschland, wo selbst mit zehnjährigen Staatsanleihen nach Abzug der Teuerung kein Geld mehr verdient werden kann.

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Ein Grund für den deutlichen Zinsrückgang sind Erwartungen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni weitere geldpolitische Lockerungen oder gar ein eigenes Anleihenkaufprogramm ankündigen wird. Mit dem Hinweis auf mögliche konkrete Schritte hat sich EZB-Präsident Mario Draghi unnötig unter Zugzwang gesetzt. Angesichts der Tatsache, dass die Zinsen in der Peripherie nahe bei den historischen Tiefstständen liegen und dass sich die wirtschaftliche Situation in der Eurozone zunehmend aufhellt, sind geldpolitische Massnahmen zurzeit nicht zwingend notwendig. Trotzdem erwarten die Marktteilnehmer entsprechende Ankündigungen im Juni.

Um die Glaubwürdigkeit zu wahren, wird die EZB wohl nicht umhinkommen, den Refinanzierungssatz weiter zu senken, möglicherweise begleitet von einem negativen Einlagesatz. Beide Massnahmen sind vor allem symbolischer Natur und dürften die Markterwartungen enttäuschen.

Trendwende beim Dollarkurs

Mit dem Hinweis auf den starken Euro hat Herr Draghi klargemacht, dass er einen weiteren Kursanstieg nicht hinnehmen wird. Damit beugt er sich dem Druck der europäischen Regierungen (allen voran die französische). Diese wünschen sich eine aggressivere Geldpolitik, in der Hoffnung, dadurch schmerzhafte Reformen umgehen zu können. Draghis Botschaft hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Der Aufwärtstrend der Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar ist gebrochen. China, Japan, Grossbritannien, die USA und die Schweiz schwächen gezielt ihre Währungen, um die lokale Wirtschaft zu unterstützen, und nun macht nach einigem Zögern auch die Europäische Zentralbank mit.

Angesichts des weiterhin hohen Tempos, mit welchem die US-Wirtschaft unterwegs ist, und des absehbaren Endes der Anleihenkäufe durch die US-Notenbank dürfte der Euro – und in seinem Schlepptau auch der Schweizer Franken – gegenüber dem Dollar tendenziell weiter nachgeben. Klar ist aber, dass auch die USA eine allzu starke Aufwertung des Dollars nicht zulassen werden. Mit der Ankündigung der EZB, etwas gegen die Eurostärke zu unternehmen, wurde also nur eine weitere Runde im Krieg der Währungen eingeläutet.

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Thomas Liebi ist Chefvolkswirt bei Swisscanto Asset Management.