Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Christof Strässle*: Kurzfristig wird die Börse getrieben von den Problemen der europäischen Finanzindustrie. Im Fokus stehen dabei die Deutsche Bank und der italienische Finanzplatz. Sowohl die Aktien- als auch die Obligationenmärkte sind sehr volatil. Auf positive Tage folgen unweigerlich negative. Per Saldo resultiert eine Seitwärtsbewegung. Die Schwankungen können mehrere Prozentpunkte ausmachen und sind Ausdruck der grossen Verunsicherung der Marktakteure. In Ermangelung einer klaren Sicht wird auf alles reagiert, was für die künftigen Entscheide der Notenbanken von Relevanz sein könnte. Dies beinhaltet die Auswirkungen des Brexit genauso wie die teilweise gegensätzlichen Aussagen zu Arbeitslosigkeit, Inflation und Wirtschaftswachstum.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Schweiz kann sich dem internationalen Trend zur Seitwärtsbewegung nicht entziehen. Innerhalb des eingeschlagenen Pfades befindet sich die Schweizer Börse zurzeit ziemlich genau in der Mitte. Kursphantasien halten sich somit in Grenzen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Entscheidend für den SMI und andere Aktienindizes sind die Entscheide der Notebanken. Dabei ist die SNB in ihrer Entscheidungsfreiheit de facto eingeschränkt und bis auf weiteres von den Vorgaben der EZB abhängig. Die Rahmenbedingungen für den Anleger dürften sich in den nächsten zwölf Monaten kaum ändern. Die Staaten bleiben mehrheitlich überschuldet und die Wachstumsschwäche dürfte weiter anhalten. Somit wäre es nicht überraschend, wenn sich der SMI in dieser Periode in ähnlichem Territorium bewegt wie heute.

Wo sehen Sie Chancen?
Wer die entsprechende Risikofähigkeit und Risikobereitschaft hat, soll dort sein Glück versuchen, wo zurzeit die grössten Unsicherheiten herrschen - bei den Auswirkungen des Brexit. Insbesondere das Pfund hat massiv an Wert verloren, was nicht zuletzt im Aktienbereich Chancen eröffnet. Bis sich ein neues Gleichgewicht gebildet hat, kann die Situation von spekulativ orientierten Anlegern genutzt werden.

Von welchem Investment müssen Anleger die Finger lassen?
Wer nicht unbedingt investieren muss, soll bis auf weiteres von Anlagen in Obligationen absehen. Die Renditen sind unbefriedigend bis negativ und die Zinsänderungsrisiken hoch.

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Wie geht es weiter beim Ölpreis?
Nach der Einigung der OPEC auf reduzierte Fördermengen hat sich der Ölpreis um rund 15% erhöht. Wenn es der OPEC nachhaltig gelingt, koordiniert zu handeln, dann dürfte der Ölpreis auch in den kommenden Monaten nach oben tendieren.

Erwarten Sie neue Massnahmen von Seiten der Notenbanken?
Allgemein wird angenommen, dass die Fed noch in diesem Jahr einen weiteren Zinsschritt vornimmt. Allerdings dürfte sie mit diesem Schritt bis nach den Wahlen zuwarten. Die EZB hat im September erstmals seit langem keine weiteren Stimulierungsmassnahmen beschlossen. Dies könnte ein erstes Signal sein, dass der Abwärtstrend der Zinsen im Euroraum mittelfristig gestoppt wird. Und auch die Bank of Japan hat eingestanden, dass die ultralockere Geldpolitik nicht zum erhofften Erfolg geführt hat. Es könnte erstes Zeichen sein, dass wir am Anfang vom Ende der weltweiten Zinssenkungen befinden.

 

*Der promovierte Ökonom Christof Strässle ist Gründer und Managing Partner der unabhängigen Vermögensberatung Strässle & Partner Vermögens-Engineering AG mit Sitz in Luzern. Er verfügt über nationale und internationale Bankerfahrung im Bereich Private Banking und institutionelle Kunden