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Umbruch
Legt die Globalisierung den Rückwärtsgang ein?

Protestierende gegen das World Economic Forum in Brasilien: Globalisierung in der Kritik. keystone

Jahrzehnte galt die Globalisierung als überragender Megatrend, der alle Finanzmärkte prägte. Heute mehren sich Zeichen, die eine Abschwächung oder sogar Umkehrung nahelegen. Mit welchen Konsequenzen?

Von Christian Dreyer
am 25.11.2016

Die These vom Ende der zunehmend globalisierten Märkte erhielt mit den US-Wahlen neuen Auftrieb. So bezeichnete der designierte US-Präsident das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta als ein Desaster, will TPP und TIPP nicht weiter verfolgen und versprach, für die USA günstigere Abkommen auszuhandeln. Besorgte Stimmen warnen vor Protektionismus und der Wiedereinführung von Importzöllen.

Im Lehrbuch steht, dass politische Risiken kurzfristiger Natur sind, die der langfristig orientierte Akteur getrost beiseite lassen kann. Das ist solange richtig, wie politische Risiken keinen Einfluss auf Fundamentaldaten (Produktivität und Wachstum) haben. Genau das wäre jedoch der Fall, wenn diese Risiken eine Trendumkehr bei der Globalisierung zur Folge hätten.

Wohin geht der Trend?

Die professionellen Anleger sind zur Zeit streng geteilter Meinung, wohin der Globalisierungstrend geht. Eine Blitzumfrage unter den Mitgliedern der CFA Society Switzerland im Nachgang zur US-Präsidentschaftswahl zeigte, dass die Erwartungen für einen Trendabbruch im Mittel exakt fifty-fifty sind.

Spannend ist aber die Verteilung: Eine grosse Gruppe erwartet den Trendabbruch mit erhöhter Wahrscheinlichkeit, während mehrere kleinere Gruppen (noch) von tieferen Wahrscheinlichkeiten ausgehen – diese repräsentieren den Status Quo. Das interpretiere ich als Anzeichen für einen laufenden Meinungsumschwung. Nur ein Fünftel der CFA Mitglieder erwartet hingegen vom Votum der amerikanischen Wähler keine langfristigen Folgen für die weltweite Integration der Märkte.

Mit Blick auf die Schweiz geht übrigens mehr als die Hälfte der Befragten davon aus, dass die Bedeutung der Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz für ihre Positionierung im internationalen Konzert wieder zunehmen wird.

Schweizer Aktienmarkt böte wenig Schutz

Sollte die internationale Verflechtung zumindest in Teilen wieder rückgängig gemacht werden, hätte dies schwerwiegende Folgen für alle Anleger. Aber auch der Schweizer Aktienmarkt böte hiesigen Investoren nur wenig Schutz, denn die offene Schweizer Volkswirtschaft ist eine Profiteurin der Globalisierung.

Ein Blick auf die CFA-Umfrage zeigt, dass 43 Prozent der Profi-Anleger sich bereits auf weitere Markterschütterungen in Folge von politischen Risiken vorbereiten, während 40 Prozent der Lehrbuchmeinung folgen. Die übrigen warten auf weitere Bestätigung.

Profiteure einer Regionalisierung

Es gilt also, sich sorgfältig eine eigene Meinung zur Zukunft der Globalisierung zu bilden, diese periodisch zu überprüfen und zugleich Unternehmen zu identifizieren, die von einer Regionalisierung profitieren. Auch die Währungen sollten Investoren im Blick behalten, denn diese werden eine Trendumkehr ebenfalls reflektieren.

Wenn alte Paradigmen untergehen und neue entstehen, werden an den Finanzmärkten grosse Vermögen aufgerieben und neue geschaffen, je nachdem, auf welcher Seite des Paradigmenwechsels der Anleger steht. Die beim Schweizer so beliebte Mittelposition ist in solchen Situationen gefährlich. Sorgfältige und selbstkritische Strategiearbeit lohnen sich für den langfristig orientierten Anleger wieder, während der kurzfristige Trader eher auf ruckartige Sektorrotationen achten muss.

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