In den vergangenen Jahren galt ausgerechnet der Chef als grösstes Risiko für den künftigen Kurs des Schoggi-Imperiums Lindt & Sprüngli. Doch nun hat der ewige CEO Ernst Tanner nahezu geräuschlos den Staffelstab an seinen Finanzchef übergeben.

Zum 1. Oktober trat Dieter Weisskopf die Nachfolge des 70-jährigen Tanner an, der mehr als 23 Jahre lang die Geschicke des Weltmarktführers für Edel-Schokoladen gelenkt hatte. Auch Weisskopf ist ein altes Lindt-Gewächs. Er trat vor 21 Jahren in das Unternehmen ein, übernahm zunächst die Leitung des Produktion und später auch noch das Finanz-Ressort. Vorgänger Tanner bleibt als Verwaltungsratspräsident präsent – und ist zudem weiterhin einer der grössten Anteilseigner des Erfolgs-Unternehmens. 

Kontinuität und Tradition

Das alles klingt nach Kontinuität und Tradition. Und damit passt die Personalpolitik hervorragend zur Geschichte und den Werten des Mittelständlers, der an der Börse eine nahezu ungebrochene Erfolgsgeschichte schreibt. Der Umsatz von Lindt & Sprüngli hat sich in Tanners Amtszeit mehr als vervierfacht, der Valor ist inzwischen gar rund 24 Mal so viel wert wie damals.

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Allein in den vergangenen fünf Jahren stiegen Umsatz und Reingewinn jeweils um rund 50 Prozent. Die Kurse der an der Schweizer Börse kotierten Namenaktien und Partizipationsscheine legten derweil um weit über 100 Prozent zu. Zum Vergleich: Der Standardwerte-Index SMI konnte zwischen 2011 und 2015 bloss um 25 Prozent hinzugewinnen. 

Internationalisiertes Unternehmen

Längere Schwächephasen hat es in all den Jahren nie gegeben. Schoggi ist eben in allen Lebens- und Wirtschaftslagen gefragt – und Lindt & Sprüngli hat es zugleich geschafft, das Geschäft konsequent zu internationalisieren: Das Unternehmen produziert inzwischen an einem Dutzend Standorten in Europa, in den USA und in Australien: Die Marke Lindt ist in rund 120 Ländern vertreten.

Eine herausragende Stellung nimmt der US-Markt ein, der grösste Schokoladenmarkt der Welt. Hier haben die Schweizer sich nach mehreren Übernahmen in die Top-3 der Anbieter vorgearbeitet und sind inzwischen Marktführer im besonders margenträchtigen Premium-Segment.

2015 erzielte der Konzern bei einem Umsatz von weltweit 3,7 Milliarden Schweizer Franken einen Rekordgewinn von 381 Millionen Schweizer Franken. Im ersten Halbjahr 2016, das wegen des starken Weihnachtsgeschäfts immer die schwächere Jahreshälfte bildet, stieg der Umsatz erneut um fast 7 Prozent, der Reingewinn kletterte sogar um 11 Prozent.

Ausbau des Ladengeschäfts

Der neue CEO Dieter Weisskopf tritt an, eine der grössten Erfolgsgeschichten der Schweizer Börse weiterzuschreiben. Dazu gehört neben der weiteren Expansion im Kernmarkt USA auch der Ausbau des weltweiten Ladengeschäfts. Allein im Laufe dieses Jahres werden zu den bestehenden 325 Lindt-Shops 65 weitere hinzukommen.

Gerade feierte das Unternehmen seinen ersten Schoggi-Direktverkauf in Moskau. Daneben zählen Australien, Japan, Brasilien und China zu den strategisch wichtigsten Zielmärkten. Bis zum Jahr 2020 wollen die Schweizer ihren Umsatz abermals um 50 Prozent steigern und zum weltgrössten Schokoladedetailhändler aufgestiegen sein. 

US-Markt als Risiko

Als Risikofaktoren sehen die Analysten, die den Valor beobachten, nach der geglückten Staffelübergabe vor allem die weitere Entwicklung auf dem so wichtigen US-Markt an. Zwar ist nicht zu erkennen, dass ernsthaft jemand Lindt & Sprüngli die gute Marktstellung streitig machen könnte. Die Nachfrage auf dem Markt legte zuletzt aber etwas weniger stark zu, und die Marken liegen insgesamt unter dem Niveau in Europa.

Zudem ist die Lage in der Süsswarenindustrie unruhig. Zuletzt war etwa der US-Nahrungsmittelmulti Mondelez mit einem Kaufangebot beim US-Schoggi-Marktführer Hershey abgeblitzt. Wäre der Deal zustande gekommen, dann wären künftig unter anderem die Marken Milka und Kisses aus einem Haus gekommen. 

Rolle des Aufkäufers

Lindt & Sprüngli muss keine Übernahme fürchten. Vielmehr sieht sich der Konzern selbst in der Rolle des Aufkäufers, wie etwa die Übernahme des US-Pralinen-Produzenten Russell Stover im Jahr 2014 zeigt. Zudem ist der Valor auch gleich zweifach gegen jeden feindlichen Übernahmeversuch gewappnet.

Erstens werden hauptsächlich Partizipationsscheine gehandelt, die kein Stimmrecht besitzen. Zweitens erhält ein einzelner Aktionär, der vinkulierte Namenaktien des Hauses besitzt, maximal eine Stimmkraft von sechs Prozent. Allein 22 Prozent des Unternehmens besitzt der Lindt-eigene «Fonds für Pensionsergänzungen», dem wiederum Ex-CEO Tanner und Verwaltungsratspräsident vorsitzt. 

Langfristige Wertsteigerung

Für Anleger bietet Lindt & Sprüngli hervorragende Aussichten auf langfristige Wertsteigerungen und starke Dividendenerträge, bilanzieren die Analysten von UBS, Zürcher Kantonalbank und Vontobel unisono. Und da der Kurs in den vergangenen sechs Monaten sogar ungewöhnlich schwächelte und die Partizipationsscheine um die zehn Prozent an Wert einbüssten, ist ein Einstieg momentan nicht einmal aussergewöhnlich teuer.

Billig ist der Valor allerdings immer noch nicht: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für das kommende Jahr liegt um die 30. Damit entspricht die Bewertung an der Börse eher den Erwartungen an ein schnell wachsendes Unternehmen als an eine dividendenstarke Qualitätsaktie.