In knapp einem Monat wählen die US-Amerikaner ihren neuen Präsidenten. Auch wenn Hillary Clinton als Kandidatin der Demokraten zuletzt die Nase vorn hatte, ist noch völlig offen, ob sie ins Weisse Haus einziehen wird – oder ob ihr Widersacher Donald Trump von den Republikanern doch noch das Rennen macht. Für Investoren ist die heisse Phase des Wahlkampf daher vor allem eines: ein Unsicherheitsfaktor.

Und die USA sind derzeit beileibe nicht der einzige politische Unruheherd in der Welt. «Seit der Finanzkrise 2008 folgen politische Risiken immer dichter aufeinander. Für Anleger nehmen sie mittlerweile eine grössere Rolle ein als früher», berichtet Dirk Effenberger, Anlagestratege bei der Schweizer Bank UBS. Da ist etwa die Türkei, die unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan immer mehr Züge eines autokratischen Regimes annimmt: Ausgerechnet Erdogan, der einst als Vater eines neuen türkischen Wirtschaftswunders galt, wird damit mehr und mehr zur Belastung, auch für den Aussenhandel und die Binnenkonjunktur des Landes. 

Rechtspopulisten schwächen EU

Währenddessen erstarken in Europa mehr und mehr rechtspopulistische Parteien. Wenn die Niederländer im März ihr Parlament und die Franzosen im April einen neuen Staatspräsidenten wählen, dann könnten nationalistische Kräfte weiter an Stimmen gewinnen. Wenig später stehen auch noch Parlamentswahlen in den beiden grössten Staaten der Europäischen Union an: im Juni in Frankreich und im September in Deutschland. Sollten auch hier die Rechtspopulisten reüssieren, könnte das die EU weiter schwächen.

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Auch in Italien herrscht grosse politische Unruhe: Hier hat Premierminister Matteo Renzi sein politisches Schicksal mit dem Ausgang eines Verfassungsreferendums verknüpft. Stimmen die Italiener am 4. Dezember gegen die radikale Verfassungsreform, die Renzi angestossen hat, dann sind Neuwahlen unumgänglich. Und schliesslich ist da auch noch Spanien: Hier gelingt es den Parteien bislang nicht, eine Regierung zu bilden, so dass die dritte Parlamentswahl innerhalb eines Jahres droht.

Nervöse Börsen

Fakt ist: Wer bislang ein Investment in Industriestaaten als politisch sicher angesehen hat, muss umdenken –  denn auch die Börsen reagieren zunehmend nervös auf die vielen machtpolitischen Turbulenzen. Die Wahlen in den USA etwa betrachten viele Marktteilnehmer inzwischen offensichtlich als regelrechte Schicksalswahlen: «Unsere Analyse zeigt zögerliche Hinweise darauf, dass die Aktienmärkte in den vergangenen sechs Monaten nervöser reagiert haben, seit die Aussichten auf einen möglichen Wahlsieg Trumps gestiegen sind», berichtet David Page, Senior Ökonom bei der Fondsgesellschaft Axa Investment Managers. Offenbar mischt sich hier die Sorge um einen Politikwechsel mit einer Mischung aus Steuererleichterungen im Inland und Abschottung nach Aussen mit dem psychologischen Faktor, dass heute niemand weiss, wie das Land morgen regiert wird.

«Auf lange Sicht werden zwar die allgemeinen Wirtschaftsdaten und weniger der Wahlausgang den Konjunkturausblick bestimmen», sagt Rick Patel, Manager für US-Anleihen bei der US-Fondsgesellschaft Fidelity. «Schwindet jedoch das Vertrauen der Marktteilnehmer in die Regierung, könnten damit die Wachstumserwartungen sinken.» Heisst konkret: Gewinnt Trump, dann ist das womöglich nicht für einzelne Branchen oder Valoren besonders gut oder schlecht – so einfach ist die politisch Arithmetik der Börse dann doch nicht. Sein Sieg könnte aber insgesamt für Unruhe in der Wirtschaft sorgen, und damit auch an den Börsen. 

Breit gestreutes Portfolio

Wer nun darüber nachdenkt, sein Geld komplett aus politisch unsicheren Märkten abzuziehen, handelt allerdings falsch, warnt UBS-Spezialist Effenberger. «Das ist in den seltensten Fällen sinnvoll», sagt er. Vielmehr ist es wichtig, das Portfolio stets möglichst breit zu streuen. In Zeiten, in denen die politischen Risiken sich weltweit ausbreiten und auch vermeintlich sichere Ländern erfassen, ist das so notwendig wie nie zuvor, sagt Effenberger: «Eine globale Diversifikation zahlt sich aus.» So lassen sich zwischenzeitliche Unsicherheiten auch einmal aussitzen.

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Darüber hinaus birgt jedes Risiko an den Börsen stets auch eine Chance. Für Anleger mit langfristigem Investmenthorizont können nervöse Marktphasen nämlich auch dazu dienen, günstig zuzukaufen. «Durch politische Verunsicherungen können sich günstige Einstiegskurse ergeben», sagt Daniel Zindstein, Leiter des Portfoliomanagements beim Vermögensverwalter German Capital Management. Denn schliesslich schwenken die Kurse nach politischen Schocks oft schnell wieder auf einen Erholungskurs um, zeigt die Historie. Politische Börsen haben nun mal kurze Beine.