In letzter Zeit scheint die Berichterstattung über die Weltwirtschaft unter einem negativen Vorzeichen zu stehen. Gute Nachrichten werden häufig abgelehnt oder ignoriert, weil schlechte Nachrichten bessere Schlagzeilen machen. Dies hat möglicherweise mit dem Auftrag der Medien zu tun, eher über abstürzende Flugzeuge als über startende Flugzeuge zu berichten, aber das führt häufig zu einer fehlerhaften Analyse der aktuellen Trends der Weltwirtschaft.

Ein Beispiel hierfür zeigte sich, als der Internationale Währungsfonds im Oktober seinen World Economic Outlook veröffentlichte. Darin senkte der IWF seine Prognose für das Weltwirtschaftswachstum sowohl für 2015 als auch für 2016 um 0,2 Prozentpunkte (auf 3,1 und 3,6 Prozent). Weltweit wurde dies als Beleg für eine globale Wachstumskrise aufgefasst.

Wirtschaftswachstum liegt über dem langjährigen Mittelwert

Betrachtet man jedoch die Details, sehen die Dinge etwas anders aus. Beide der vorgenannten Prognosen liegen über dem Durchschnittswachstum der vergangenen 20 Jahre, daher kann man kaum von einer Krise sprechen. Darüber hinaus wurde die Prognose für das Wachstum der US-Wirtschaft für 2015 um 0,1 Prozent erhöht, wohingegen die Aussichten sowohl für die Eurozone als auch für China unverändert blieben. Was nach unten korrigiert wurde, waren die Prognosen für einige aufstrebende Volkswirtschaften, insbesondere für Brasilien und Russland.

Dass die aufstrebenden Märkte insgesamt in Schwierigkeiten stecken, ist kaum etwas Neues – schliesslich ist das bereits seit 2011 ein Thema der Finanzmärkte. Dies ist tatsächlich das fünfte Kalenderjahr in Folge, in dem Aktienmärkte der Emerging Markets hinter den Erwartungen zurückbleiben, und selbst Taxifahrer haben das mittlerweile begriffen (das soll jetzt keine Beleidigung sein). 

Rohstoffpreisverfall – Folge hoher Investitionen in die Produktion

Der kräftige Rückgang der Rohstoffpreise seit 2011 ist sowohl Ursache als auch Folge des Gegenwinds, den die Schwellenländer erfahren. Niedrigere Rohstoffpreise werden häufig auch als Ergebnis eines geringeren Wirtschaftswachstums interpretiert. Dies ist jedoch nicht richtig, da die Talfahrt meistens ein Ergebnis massiver Investitionen auf der Angebotsseite der Gleichung ist, was die Preismacht zugunsten des Verbrauchers verschiebt.

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Rohstoffanbieter – seien es Länder oder Unternehmen – werden niedrigere Preise negativ beurteilen, aber objektiv betrachtet sind sie für die Weltwirtschaft als Ganzes positiv. Insbesondere sind niedrigere Preise für die entwickelten Märkte positiv, teilweise aufgrund der höheren Verbraucherausgaben und teilweise aufgrund der geringeren Produktionskosten der Unternehmen in den etablierten Volkswirtschaften. Zu diesem Argument hinzu kommt die zunehmende Digitalisierung der Produktion, die (nach dem Outsourcing-Trend der vorherigen Dekade) die Rückführung der Produktion von «Ost nach West» unterstützt.

Ich bin daher der Überzeugung, dass die Finanzmärkte insgesamt die Aussichten der Weltwirtschaft in einem zu schlechten Licht sehen. Die Schwierigkeiten einer Reihe aufstrebender Märkte drücken sich meistens als Wachstumsverlagerungen zu den entwickelten Märkten aus und bedeuten weniger eine Krise der Weltwirtschaft als Ganzes. In den kommenden Jahren wird die Weltwirtschaft vor allem von der Binnennachfrage in den USA und in Europa profitieren können.

Teis Knuthsen, Chief Investment Officer, Saxo Privatbank