Nach einem fulminanten Aktienjahr 2013 mit einer Performance von über 56 Prozent tut sich der japanische Aktienmarkt im laufenden Jahr eher schwer. Mit einem starken Rückgang zeigt der Nikkei weltweit eine der schlechtesten Entwicklungen seit Anfang 2014. Immerhin hat sich der Yen leicht erholt und schmälert den Verlust ein wenig.

Nicht ganz überraschend korreliert der Verlauf des Nikkei stark mit der Entwicklung der Geldmenge in Japan. Das viele billige Geld, welches die japanische Zentralbank in den Markt gepumpt hat, hat den Aktienmarkt beflügelt. Dabei war die Geldpolitik der Bank of Japan (BoJ) noch aggressiver als jene der US-Notenbank Fed.

Japan – extrem expansive Geldpolitik

So hat die Fed die Zentralbankgeldmenge durch den Kauf von Anleihen (Quantitative Easing) im vergangenen Jahr um rund 39 Prozent erhöht. Die entsprechende Zunahme in Japan betrug aber sogar 42 Prozent. Die rasante Entwicklung des Nikkei war also weniger Ausdruck der Vorfreude auf die von Premierminister Shinzo Abe angekündigten Reformen, sondern vor allem getrieben durch die aggressive Geldpolitik.

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Der geldpolitische Stimulus ist aber nur einer der von Shinzo Abe angekündigten drei Pfeile. Die anderen beiden sind ein Fiskalprogramm, also höhere Staatsausgaben, um die Konjunktur anzukurbeln, sowie wirtschaftspolitische Reformen. Letztere wären dringend nötig, um längerfristig ein höheres Wirtschaftswachstum erreichen zu können. Aber gerade dieser Pfeil scheint sehr fest im Köcher zu stecken. Dabei gäbe es durchaus Mittel, um der drohenden demografischen Herausforderung entgegenzutreten. Offenere Grenzen wären eine Möglichkeit. Eine weitere wäre die Erhöhung der Erwerbsquote bei den Frauen.

Die Erwerbsquote bei Frauen ist vergleichsweise gering

Mit 67 Prozent liegt diese ziemlich genau im Schnitt der OECD-Länder (aber deutlich tiefer als zum Beispiel in der Schweiz, wo fast vier von fünf Frauen zwischen 25 und 64 Jahren erwerbstätig sind). Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass sich bei den jungen Frauen in Japan eine Trendwende abzeichnet. Mit einer Erwerbsquote von 77,6 Prozent sind deutlich mehr junge Frauen erwerbstätig als im OECD-Schnitt. Allerdings ist auch der Mutterschaftsknick in Japan ausgeprägter als in den meisten anderen Ländern.

Die japanische Gesellschaft ist in dieser Hinsicht nach wie vor eher traditionell geprägt. Junge Mütter scheiden oftmals aus dem Erwerbsleben aus und haben später Mühe, wieder im angestammten Bereich Fuss fassen zu können. Viele kehren gar nicht mehr zurück. Dies ist eine Ressourcenverschwendung, die sich ein Land mit einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung nicht leisten kann. Shinzo Abe scheint dies erkannt zu haben und hat Massnahmen angekündigt, um die Erwerbsquote bei Frauen zu erhöhen beziehungsweise, damit jungen Müttern bessere Angebote für die Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt werden.

Die Katastrophe droht: Erwerbsbevölkerung sinkt um 40 Prozent

Derselbe Shinzo Abe hat noch vor einigen Jahren unter einer früheren Regierung vor einer zu ausgeprägten Gleichbehandlung von Frauen und Männern gewarnt, da dies traditionelle Familienwerte untergraben würde. Ob die aktuelle Ankündigung also tatsächlich einer neu gewonnenen Erkenntnis entspringt oder ob es sich dabei nur um Lippenbekenntnisse handelt, bleibt abzuwarten.

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Viel Zeit zum Handeln bleibt den Japanern aber nicht. Setzt sich der aktuelle demografische Trend fort, wird die Erwerbsbevölkerung bis im Jahr 2050 um 40 Prozent sinken. Keine Volkswirtschaft kann einen so massiven Rückgang ohne Wachstumseinbusse überstehen. Wegen des erhöhten Durchschnittsalters der Bevölkerung ist es möglich, dass die Sparquote der Privathaushalte bereits im laufenden Jahr negativ sein wird – viele Rentner leben von ihren Ersparnissen.

BoJ – mit weiteren Liquiditätsspritzen ist zu rechnen

Japan kann noch einige Zeit von seiner Substanz zehren, und es kann sein, dass die Zentralbank mit weiteren Liquiditätsspritzen die Märkte unterstützen wird. Aber es bleibt ein Spiel auf Zeit. Shinzo Abe muss endlich den dritten Pfeil abschiessen oder den langsamen wirtschaftlichen Niedergang des Landes hinnehmen.

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Thomas Liebi ist Chefökonom bei Swisscanto.