Schweizer Aktionäre investieren traditionell bevorzugt in heimische Unternehmen. Unter dem Aspekt der Risikostreuung ist das zwar nicht die allerbeste Vorgehensweise, doch in den vergangenen Jahren war diese Strategie sicherlich kein Fehler. Schliesslich bewegt sich der MSCI Emerging Markets Index auf Dollar-Basis auf einem Stand, den er bereits im Mai 2006 erreicht hatte, während der SMI seitdem wenigstens um rund 20 Prozent zugelegt hat.

Nach einer solch langen Flaute stellen sich jetzt viele Anleger die Frage, ob die Zeit nicht vielleicht reif wäre für einen Einstieg in den Schwellenländern. Interessant wäre das insbesondere dann, wenn es zu einer Wiederholung der Geschichte kommen würde. Denn zwischen Oktober 2002 und Oktober 2007 hatte sich der MSCI Emerging Markets Index mit seinen 838 Mitgliedern aus 23 Schwellenländern mehr als verfünffacht.

Schwellenländer – Wachstum abgeschwächt …

Optimisten werden argumentieren, für eine Wiederaufnahme dieser Erfolgsserie sprächen allein schon die besseren Wachstumsaussichten der aufstrebenden Nationen. Doch dieser Erklärungsansatz greift zu kurz. Denn, wenn das der Haupteinflussfaktor wäre, dann hätten die Börsen der Emerging Markets auch schon in den vergangenen Jahren besser laufen müssen als die Aktienmärkte der entwickelten Länder. Immerhin ist es ganz offensichtlich ein Unterschied, ob die Volkswirtschaften der Emerging Markets wie aktuell nur noch mit rund 4 Prozent wachsen oder wie in früheren Jahren mit gut 8 Prozent.

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Als wichtig hat sich zuletzt auch die Differenz zwischen den Zuwächsen beim Bruttoinlandprodukt in den Schwellenländern und den entwickelten Staaten erwiesen. Jüngst hat sich dieser Vorsprung der Emerging Markets verringert, und in dieser Zeit hat der MSCI Welt Index deutlich besser abgeschnitten als der MSCI Emerging Markets Index.

… und Profitabilität bleibt unter den Erwartungen

Ein weiterer sehr wichtiger Kursfaktor sind die Unternehmensgewinne. Dabei haben die im MSCI Emerging Markets Index vertretenen Gesellschaften in zehn von zwölf Quartalen die Erwartungen nicht erfüllen können. Zudem hat sich auch die Eigenkapitalrendite und ganz allgemein die Profitabilität in den Emerging Markets nicht so entwickelt, wie erwartet. «In vielen Emerging Markets hat die enttäuschende wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre weniger mit zyklischen Faktoren, sondern mehr mit strukturellen Einflüssen wie einem schwachen Produktivitätswachstum zu tun», sagt Volkswirt Michael Heise von Allianz Global Investors.

Immerhin stimmt wenigstens die Prognose von J.P. Morgan zuversichtlich, wonach die Firmengewinne in den Schwellenländern in den nächsten zwei Jahren um 12,6 Prozent und 12,4 Prozent steigen werden. Trifft das ein, dann haben die dortigen Börsen wieder eine Chance auf eine nachhaltigere Erholung.  

US-Konjunktur und Leistungsbilanzdefizit in Schwellenländern

Einen Einfluss hat aber auch die Entwicklung in den USA. Steigen die US-Zinsen und US-Renditen und bleibt die US-Konjunktur in Fahrt, dann dürfte sich das günstig auf die Schwellenländer auswirken. Sollten Anleger jedoch die Gefahr eines Abflauens der US-Konjunktur erkennen, dann könnte das die Emerging Markets vor eine weitere Belastungsprobe stellen. Denn dann droht der Abzug von Kapital und damit eine weitere Abwertung der ohnehin schon schwachen Währungen dieser Länder.

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Letzteres wäre auch deshalb ein Problem, weil in den vergangenen Jahren dort Schulden oft in Fremdwährungen aufgenommen worden sind und weil deren Bedienung und Rückzahlung bei schwachen Heimatwährungen schwerer fallen würde. Als gefährdet gelten in diesem Zusammenhang wegen relativ hoher Leistungsbilanzdefizite Südafrika, Türkei oder Kolumbien und wegen eines vergleichsweise hohen Finanzierungsanteils auf Portfolioinvestitionen die Länder Mexiko, Malaysia und Indonesien. Höhere Leitzinsen in den USA machen es ausserdem den meisten Schwellenländern schwer, falls nötig, die eigenen Leitzinsen zu senken, um beispielsweise eine Konjunkturflaute im eigenen Land bekämpfen zu können.

Fallende Rohstoffpreise und durchwachsene Nachrichtenlage

Die fallenden Rohstoffpreise wirken sich in den Emerging Markets unterschiedlich aus. Rohstoff-Importeure wie China, Indien, Südkorea, Südafrika und Türkei profitieren, Rohstoff-Exporteure wie Russland, Indonesien, die Golfstaaten oder viele lateinamerikanische Staaten sind damit konfrontiert, dass sie mit geringeren Einnahmen rechnen müssen. 

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Belastend für Emerging Markets ist derzeit generell die Meldungslage beispielsweise zu Russland, Ukraine, Venezuela, Argentinien oder Griechenland. Zumal auch die frühere Wachstumslokomotive China inzwischen immer öfter mit negativen Nachrichten aufwarten muss. Zu beachten ist auch, dass gedämpfte Konjunkturaussichten in den Schwellenländern auch eine Belastung für jene westlichen Unternehmen darstellen, die dort stärker engagiert sind. Viele dieser Titel haben bereits merklich an Schwung verloren, wobei hinzukommt, dass diese Unternehmen oft mit einer überdurchschnittlich hohen Bewertung ausgestattet sind, weil ihre Aktivitäten in den Schwellenländern früher mit einem starken Kaufinteresse an der Börse belohnt worden sind.

Bewertung und Chart – Emerging Markets sind noch nicht attraktiv genug

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Was die Bewertungsrelationen der Emerging Markets selbst angeht, so haben sich diese in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Anders als noch zum Höhepunkt der Hausse im 2007 muss jetzt nicht mehr ein Bewertungsaufschlag zu den Aktien aus entwickelten Ländern gezahlt werden, vielmehr werden die Titel nun mit einem Abschlag gehandelt. So bringt es der MSCI Emerging Markets Index auf ein 11er-KGV, der MSCI World hingegen auf ein deutlich höheres 19er-Gewinnmultiple. Allerdings ist der Bewertungsabschlag wegen der in den Schwellenländern typischerweise höheren Risiken auch nachvollziehbar. Ausserdem ist zu beachten, dass sich die Bewertungsrelationen nur im Bereich der historischen Durchschnittswerte bewegen, sodass noch nicht allgemein von Schnäppchenkursen gesprochen werden kann.

Per Saldo gibt es derzeit keinen Anlass, für einen Neueinstieg in den Schwellenländern. Und auch charttechnisch gesehen hat sich die Ausgangslage zuletzt sogar eingetrübt, steuert der MSCI Emerging Markets Index doch auf die untere Begrenzung des mehrjährigen Seitwärtstrends zu. Ein Fall unter die Linie würde sogar ein neues charttechnisches Verkaufssignal generieren. Technisch betrachtet wäre ein Neueinstieg erst dann interessant, wenn der flache langfristige Abwärtstrend überwunden würde.

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Anleger, die trotz der verhaltenen Perspektiven das Thema Emerging Markets spielen wollen, können das beispielsweise mit dem ISHARES MSCI Emerging Markets Index Fund (ISIN: US4642872349).