Die Gelegenheit war ideal, und EZB-Chef Mario Draghi hat die Chance auch gleich beim Schopf gepackt: Der grösste Gegner im EZB-Rat hinsichtlich ultralockerer Geldpolitik der Europäischen Notenbank, nämlich der Chef der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, war bei der gestrigen Abstimmung über die Zinssenkung nicht dabei. Nein – Weidmann hatte keinen Urlaub. Vielmehr ist es so, dass, seit Litauen Anfang 2015 zum Euro-Raum hinzugekommen ist, die Mitglieder im EZB-Gremium rotieren. Denn aus organisatorischen Gründen, mit der Deckelung der Zahl der Präsidenten der nationalen Zentralbanken im EZB-Rat auf 18, hatte die EZB die Rotation beschlossen. Und so muss Draghis deutscher Gegenspieler in Sachen Geldschwemme nun alle fünf Monate bei den Abstimmungen im EZB-Rat pausieren. Nach seinem zwangsweise verordneten Aussetzer im Mai und Oktober 2015 stand da ausgerechnet jetzt die nächste Pause auf dem Plan.

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EZB – die europäische Notenbank druckt noch mehr Geld

Ob Draghi da tatsächlich auf die Absenz von Weidmann gewartet hat, mag dahingestellt bleiben, aber der EZB-Chef konnte nun neue geldpolitische Massnahmen verkünden: Der Leitzins im Euro-Raum fällt von 0,05 auf 0,0 Prozent, das Kaufprogramm der EZB für Staats-Obligationen wird ab April von 60 auf 80 Milliarden Euro monatlich aufgebläht und der Einlagezinssatz für Geschäftsbanken bei der EZB fällt von -0,3 auf -0,4 Prozent. Draghi hat dabei zumindest offiziell ängstlich besorgt die aktuell negative Inflationsrate im Euro-Raum sowie Deflations- und Rezessionsängste im Visier.

Ökonomen waren zwar wenig begeistert vom EZB-Entscheid, aber das gesamte Bündel lag offensichtlich über der Markterwartung. Denn nach Bekanntgabe des neuen Geldpakets zog es den DAX zwischenzeitlich ganz schnell um bis zu 3 Prozent nach oben, und auch die 10'000-Punkte-Marke war da fast wieder erreicht. Schnelle Kurssteigerungen von 1,5 Prozent gab es auch im SMI.

SNB kommt unter Zugzwang …

Es könnte sein, dass das Vorpreschen von Draghi nun auch den Chef der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, zu einem Schritt zwingen wird. Denn noch mehr Geld und noch tiefere Zinsen im Euroraum würden den Franken tendenziell im Verhältnis zur europäischen Einheitswährung weiter stärken – und das wäre schlecht für Schweizer Exporteure und somit für die heimische Konjunktur in ihrer Gesamtheit. Nächste Woche wird die SNB tagen, und manche Experten rechnen deshalb mit einer weiteren Senkung des Einlagensatzes der Notenbank.

Dieser ist ohnehin schon im negativen Bereich, und das Zielband für den Zins liegt derzeit in einer Range zwischen -0,25 und -1,25 Prozent. Nach den deutlichen Schritten der EZB wäre eine grössere Massnahme auch seitens der SNB keine Überraschung mehr.

… und die Folgen für Anleger

Und was heisst das für Anleger? Für Sparer bedeutet das: Möglicherweise kommen früher oder später zunehmend Strafzinsen für Guthaben auf dem Konto. Das heisst: Entweder die Sparer geben ihr Geld aus oder aber investieren es anderweitig, um Strafen zu vermeiden. Auch Festverzinsliche werden noch weniger attraktiv. Nur das Schuldenmachen – etwa mittels Immobilienkredit – bleibt attraktiv. Sachwerte – vor allem Immobilien – dürften deshalb zu den Gewinnern zählen. Während im Euroraum EZB-Chef Draghi mit seinen Massnahmen weder Inflation noch Konjunktur ankurbeln kann, zeigt sich nämlich immerhin bei den Sachwerten schon seit einiger Zeit eine Inflation. Die Immobilienpreise steigen, und nach dem jüngsten Zinsentscheid könnte es sein, dass auch Europas Börsen wieder laufen werden.

Kurzfristige Rücksetzer sind aber immer möglich. Wie gestern, wenige Stunden nach dem EZB-Geldentscheid und nachdem die erste Euphorie verflogen war. Denn: Anders, als erwartet, stieg im Laufe des Tages nicht der Dollar, sondern der Euro. Börsenlegende André Kostolany würde sagen: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Auf jeden Fall ist ein steigender Euro schlecht für Europas Exportindustrie und damit für die Konjunktur im Euroraum. Zudem ist es zu Gewinnmitnahmen gekommen. Möglicherweise preisen Börsianer beim Greenback bereits eine weitere Haltestation im erwarteten Zinserhöhungszyklus der US-Notenbank ein. Denn, dass ein steigender Dollar schlecht für den US-Export ist, weiss natürlich auch Fed-Chefin Janet Yellen, und möglicherweise setzt die Notenbankerin die geplanten Zinsschritte nach dem EZB-Ereignis von gestern jetzt erst einmal für längere Zeit aus, um den Dollar nicht noch teurer zu machen.

Stock Picking wird jetzt noch wichtiger

Für Börsianer heisst das: Wenn man schon nicht genau weiss, wohin die Richtung geht, Spezial- und Einzelwerte mit interessanter Story sind immer ein Kauf.

Dazu zählen jetzt beispielsweise die Aktien von Goldminen. Die Gesellschaften haben in den letzten Jahren infolge der tieferen Goldpreise Minen geschlossen und die Kosten gesenkt, und jetzt profitieren sie im Umfeld der wieder steigenden Goldpreise und der Goldnachfrage sogar doppelt. Das zeigt sich deutlich an den Kurssteigerungen im Sektor. stocksDIGITAL hatte schon im September zum Kauf von Goldaktien, insbesondere von Barrick Gold (ISIN: CA0679011084) und Newmont Mining, geraten. Barrick hat sich seither kursmässig verdoppelt, und Newmont Mining liegt in diesen sechs Monaten auch schon um 75 Prozent im Gewinn. Die Steigerungen dürften weitergehen.

Novartis – an der Unterstützung …

Dann Novartis. Der Kurs der Pharmaaktie ist seit Juli um 30 Prozent geschrumpft. Doch ausgerechnet heute, nach dem EZB-Entscheid, präsentiert sich das SMI-Mitglied als einer der stärksten Werte im Index. Das Papier hat inzwischen die wichtige psychologische Marke von 70 Franken erreicht – Anleger spekulieren auf einen Rebound von dieser starken Unterstützung.

Vielversprechend sind auch Kudelski und Autoneum. Mit einem Kursplus von jeweils rund 20 Prozent in den letzten vier Wochen zählen der IT-Konzern und der Autozulieferer zu den Top-Performern im SPI. Beide Titel lieferten zuletzt nicht nur gute Jahreszahlen ab, sondern auch einen vielversprechenden Ausblick.

… und Kudelski und Autoneum zeigen vielversprechende Perspektiven

Kudelski arbeitet an einer zunehmend gut bestückten Auftragspipeline und will Kosten senken, und Autoneum zeigt sich für die nächsten Jahre zuversichtlich. Bis 2020 soll der Umsatz um rund einen Drittel und die Rohertragsmarge um etwa 20 Prozent steigen. Kurzfristig betrachtet sind beide Titel ebenfalls spannend. Während Kudelski jetzt am Widerstand bei 15 Franken notiert, steht Autoneum kurz vor dem Ausbruch aus dem Trendkanal des Aufwärtstrends nach oben. Bei beiden Aktien könnten da schnelle Kursgewinne um 10 Prozent und mehr drin sein.