Immer, wenn sich Goldman Sachs zu den Perspektiven einzelner Rohstoffe oder ganzer Warengruppen äussert, horchen die Investoren rund um den Globus auf. Am Pfingstmontag wurde das einmal mehr unter Beweis gestellt. So überraschte die US-Investmentbank mit einer neuen Einschätzung zum Ölmarkt. Noch vor wenigen Monaten hatte Goldman Sachs wegen der globalen Überversorgung vor einem Preisabsturz auf weniger als 20 US-Dollar je Barrel gewarnt.

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Hingegen sehen die US-Amerikaner jetzt das Ende der globalen Ölflut nahen. «Bereits im Mai könnte sich der Markt in ein Defizit verschoben haben», schreiben sie in einer Publikation. Als treibende Kräfte hinter dieser Entwicklung erachtet Goldman Sachs das Zusammenspiel aus einer anhaltenden starken Nachfrage und der fallenden Produktion. Entsprechend haben die Analysten ihre Prognose angepasst. Bei der US-Ölgattung WTI lautet das Preisziel für das zweite Halbjahr 2016 neuerdings auf 50 US-Dollar je Barrel.

Die Nachfrage steigt

Die Märkte reagierten prompt. In der Spitze verteuerte sich der nächstfällige WTI-Terminkonktrakt Anfang Woche um 3,8 Prozent. Tags darauf markierte der Future bei 48,76 Dollar ein weiteres Verlaufshoch und war damit so teuer wie zuletzt im Oktober 2015. Offenbar kommen immer mehr Akteure an den Rohstoffmärkten zur Auffassung, dass die Zeit des Überangebots tatsächlich vorbei ist. Nahrung bekam diese Einschätzung nicht nur von Goldman Sachs. Auch die nackten Zahlen sprechen für ein Abebben der Ölschwemme. Beispielsweise taxiert die U.S. Energy Information Administration den weltweiten Verbrauch an Rohöl und sonstigen Flüssigtreibstoffen für das erste Quartal auf durchschnittlich 94,15 Millionen Barrel pro Tag – 1,4 Prozent mehr als Anfang 2015. Im weiteren Jahresverlauf soll der tägliche Bedarf sukzessiv bis auf 95,85 Millionen Barrel anwachsen.

Der zunehmende Öldurst geht mit einer gedrosselten Produktion einher. Beispiel USA: Der Schiefergasboom sorgte dafür, dass die Rohöl-Förderung in den Staaten zwischen 2005 und 2015 um knapp 90 Prozent nach oben schnellte. Für 2016 rechnet die EIA erstmals seit acht Jahren mit einem Rückgang. Während sich die Drosselung des Tempos in den USA aufgrund des starken Preisverfalls seit längerem abzeichnete, forcieren Produktionsausfälle die Verknappung kurzfristig. In der für ihre Ölsandvorkommen bekannten kanadischen Provinz Alberta wüten schwere Waldbrände. Anfang Monat waren davon tägliche Produktionskapazitäten von mehr als 1 Million Barrel betroffen. Derweil kam es im Nigerdelta zu Anschlägen auf Ölanlagen, wodurch die Förderung des OPEC-Mitglieds um 800'000 Barrel pro Tag oder 40 Prozent gegenüber dem üblichen Niveau schrumpfte. «Allein durch die Ausfälle in Kanada und Nigeria dürfte der globale Ölmarkt aktuell unterversorgt sein», urteilen die Rohstoffanalysten der Commerzbank. Es würde aber schwierig sein, abschätzen zu können, wie lange diese Situation anhalten werde. Allerdings bleiben die Preise nach Ansicht der Experten bis auf Weiteres gut unterstützt.

Produzenten in Lauerstellung

Spielraum noch oben hat das schwarze Gold allemal. Als der dramatische Ausverkauf Mitte 2014 seinen Lauf nahm, notierte Öl bei mehr als 100 US-Dollar. Allerdings dürften viele Produzenten nicht lange zögern, ihre Pumpen wieder anzuwerfen, sobald der Preis wieder ein rentables Niveau erreicht hat. Diesbezüglich spielt Saudi-Arabien eine Schlüsselrolle. Gerade einmal zwei Monate ist es her, dass das führende OPEC-Mitglied das mit Spannung erwartete Doha-Treffen scheitern liess. Wichtige Förderländer konnten sich nicht auf die Einführung von Produktionsobergrenzen einigen. Mit jedem Dollar, um den der Ölpreis seit den Verhandlungen zugelegt hat – insgesamt steht ein Plus von 19 Prozent zu Buche –, nimmt der Druck ab, einen neuen Anlauf in Richtung Obergrenze zu unternehmen. Dieser Tatsache müssen sich Anleger bewusst sein, die auf steigende Notierungen setzen.

Eine Partizipation an der Ölpreisentwicklung ohne Laufzeit ermöglicht beispielsweise ein Tracker-Zertifikat (ISIN: CH0035787859) der UBS auf die Nordseegattung Brent. Das auf Franken lautende, währungsgeschützte Derivat verwendet einen CMCI-Index. Bei diesem, von der Emittentin zusammen mit der Nachrichtenagentur Bloomberg entwickelten Konzept kommt ein optimierter Rollvorgang zum Einsatz. Auf diese Weise sollen die Unwägbarkeiten der Terminmärkte – Stichwort «Contango-Falle» – umschifft werden. Auf kurze Sicht konnte die Methodik ihre Stärken einmal mehr ausspielen. Innert einem Monat legte der Index um 14 Prozent zu und bewegte sich damit auf Augenhöhe mit dem nächstfälligen Brent-Future.

WTI auf dem Prüfstand

Eine interessante Konstellation zeigt sich bei einem weiteren Öl-Derivat der UBS. Im Januar hat die Grossbank ein Lock-in Zertifikat (ISIN: CH0310953937) lanciert. Bei dieser Struktur kommt der zugrunde liegende WTI-Index halbjährlich auf den Prüfstand. Notiert der Basiswert dann auf oder über einer von insgesamt zehn vordefinierten Kursschwellen, fixiert das Produkt eine Mindestrückzahlung zu diesem Niveau. Aktuell bewegte sich der Index knapp oberhalb der tiefsten Lock-in Schwelle. Sollte er sich hier bis zum 10. August halten, wäre eine Tilgung zu mindestens 59,67 US-Dollar fix. Aktuell notiert das Derivat in etwa auf diesem Niveau. Insofern könnte sich hier schon bald die Chance bieten, unter Ausklammerung des Verlustrisikos auf einen steigenden Ölpreis zu setzen. Bis zum Laufzeitende im Februar 2021 besteht alle sechs Monate die Gelegenheit, die fixe Tilgung zu erhöhen. Falls der Lock-in nicht greift, ist das Produkt per Verfall dem vollen Risiko des Basiswertes ausgesetzt.

Auf eine nachlassende Dynamik der jüngsten Ölpreisrally zielt eine Neuemission von Leonteq ab. Am 24. Mai startet der Börsenhandel mit einem Barrier Reverse Convertible (ISIN: CH0317275045) auf den S&P GSCI Crude Oil Index. In diesem Basiswert kommt die Entwicklung des WTI-Terminkontrakts fortlaufend zum Ausdruck. Im aktuellen Umfeld macht der Gradmesser in der Produktwährung US-Dollar einen garantierten Coupon von 8 Prozent p.a. möglich. Solange der Index in den kommenden zwölf Monaten nicht auf oder unter die Barriere bei 55 Prozent des Ausgangsniveaus abtaucht, können Anleger einen Haken hinter die Renditechance setzen. Geht dieses Kalkül nicht auf, drohen hingegen Abschläge bei der Tilgung.