In jüngster Zeit wurde umfangreich diskutiert, ob die Zentralbanken durch die Einführung von Negativzinsen effektiv die Ersparnisse besteuern. Das spricht wohl für sich. Es ist einer der Kritikpunkte an Negativzinsen und ihrer Eigenschaft, das wirtschaftliche Verhalten zu beeinflussen. Hier handelt es sich jedoch nicht um ein neues Phänomen. Wir sollten nicht vergessen, dass Geld von jeher vom traditionellen Feind der Sparer die Flügel gestutzt worden sind – von der Inflation. Glücklicherweise konnten Sparer in der Vergangenheit jedoch durch die Einlagezinsen der Banken kompensieren. Ist dies jedoch nun, mit Einführung negativer Zinsen, in Gefahr?

Nehmen wir den Zinssatz der Bank of England als Hinweis auf den Zinsertrag aus flüssigen Mitteln und berücksichtigen wir die Inflation, so wird deutlich, dass negative Nominalzinsen zwar ein neues Phänomen sind, nicht aber reale Negativzinsen. Wenn wir diese Idee erweitern und die historische Standardbasis-Einkommenssteuer hinzunehmen, so nähern wir uns einer Rate, die als die reale Mindestrendite für Bareinlagen angenommen werden kann. Alles in allem ist dies eine genauere Abbildung des realen verfügbaren Einkommens, das Sparer tatsächlich über ein Jahr hinweg erhalten haben. Die Analyse zeigt, dass diese Zahl während der letzten zehn Jahre in Grossbritannien negativ war (siehe Grafik).

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Angesichts der jüngsten Entrüstung über die Effekte von Negativzinsen für Sparer könnte man annehmen, dass sie unter einer in der Quantitätstheorie bekannten Geldwertillusion leiden würden. Die «Illusion» der Sparer besteht darin, dass sie sich ausnahmslos auf die Nominalrate konzentrieren und dass sie die wahre Rendite nach Abzug der Inflationsrate und von Steuern ignorieren. Man sollte zudem in Erinnerung behalten, dass negative Zinsen ein Phänomen sind, das mit grosser Wahrscheinlichkeit in einem deflationären Umfeld zu beobachten ist. Mit anderen Worten: Positive reale Erträge sind weiterhin erreichbar.

Der Fokus auf Extreme und auf den Höchststeuersatz von 45 Prozent (siehe Grafik) hilft, die Realrendite für Sparer bei verschiedenen Zins- und Inflationsszenarien zu veranschaulichen. Wie zu erwarten war, sind hohe Nominalzinssätze und eine niedrige Inflation unter allen Steuerszenarien für Sparer vorteilhaft.

Eines der interessantesten Ergebnisse sehen wir jedoch im Bereich der Null- oder Negativzinsen: Der Steuersatz für den Sparer ist auf diesem Niveau irrelevant – es wird kein Einkommen generiert, auf das Steuern erhoben werden könnten. Ausserdem sehen wir in der Tabelle zwar eine negative Rate, doch können Sparer diese in der Realität umgehen, indem sie ihr Bargeld unter ihrer Matratze verwahren. Negative und niedrige Nominalzinsen sind eine neue Erscheinung. Niedrige und negative Erträge sind es nicht, weder vor noch nach dem Abzug von Steuern.

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Zum Verzicht auf die 500-Euro-Note

Wenn wir schon einmal beim Thema der Kapitalelimination sind, sei hier auch auf die Bekanntmachung der EZB hingewiesen, künftig keine 500-Euro-Scheine mehr zu drucken. Die EZB will angesichts der ungesunden Nachfrage nach diesen Geldscheinen ein Zeichen gegen Steuerhinterziehung und Kriminalität setzen. Es herrscht allerdings auch grosses Misstrauen, denn das Bunkern von Geld nach Belieben ist bei der Umsetzung von Geldpolitik zu Zeiten mit negativen Zinsen hinderlich. Die EZB erlaubt die 500-Euro-Scheine jedoch weiterhin als gesetzliches Zahlungsmittel. Die Nachfrage nach ihnen wird mit hoher Wahrscheinlichkeit hoch sein. Werden wir in diesem Fall erleben, dass die Scheine mit Aufschlag gehandelt werden? Falls dem so sein sollte, wie hoch wird dieser Aufschlag sein?  Es muss doch wohl irgendeine Berechnungsmethode existieren, mit der die zusätzlichen Lagerkosten für Banknoten kleinerer Stückelung kalkuliert werden können, oder nicht?

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Richard Woolnough ist Fondsmanager des M&G Optimal Income Fund