Im Zuge der Kontinentalverschiebung entfernen sich Europa und die USA jedes Jahr ein paar Zentimeter voneinander. Schaut man sich aber die aktuellen Wirtschaftszahlen an, so scheint sich zwischen der alten und der neuen Welt in letzter Zeit ein gewaltiger Graben geöffnet zu haben. Auf der einen Seite die USA, deren Wirtschaftsleistung mittlerweile wieder deutlich über dem Niveau vor der Finanzkrise liegt. Berücksichtigt man nur den privaten Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP), sieht die Sache noch besser aus, da der Staatsanteil am BIP nominal seit vier Jahren stagniert und inflationsbereinigt sogar deutlich zurückgegangen ist.

Der Staat hat sich in den USA also zurückgenommen, während die private Wirtschaftsleistung überproportional zugelegt hat – und dies, obwohl die Verschuldung von Unternehmen und Haushalten deutlich zurückgegangen ist. Die Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen, und die Auftragseingänge lagen im August auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Gestützt auf die sich aufhellende Konjunktur wird die US-Notenbank ihre Wertpapierkäufe im Oktober einstellen, auch wenn sie die erste Zinserhöhung noch einige Zeit hinauszögern wird.

Die EZB sorgt sich wegen sinkender Inflationserwartungen

Ganz anders zeigt sich die Lage auf der anderen Seite des Atlantiks. Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone ist noch weit entfernt vom Vorkrisenniveau. Die Arbeitslosigkeit bildet sich nur sehr langsam zurück, und das Geschäftsklima trübt sich bereits wieder ein, noch bevor die wirtschaftliche Erholung überhaupt richtig angefangen hat. Obwohl die sinkende Inflation nur ein Symptom und nicht Ursache der flauen Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone ist, sieht sich die europäische Zentralbank (EZB) in der Pflicht, gegen mutmasslich drohende Deflationsrisiken vorzugehen. Die EZB konnte bisher trotz sinkender Inflation auf die einigermassen gut verankerten Inflationserwartungen verweisen, doch sind diese in den letzten Wochen deutlich gefallen.

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Die EZB sieht sich deshalb veranlasst, ihren Worten Taten folgen zu lassen und  hastet von Programm zu Programm, in der Hoffnung, dadurch das Kreditwachstum ankurbeln zu können. Dabei kann sie naturgemäss nur die Angebotsseite beeinflussen, indem sie den Banken laufend noch billigeres Geld zur Verfügung stellt – den Haushalten und Unternehmen die Kredite aufzwingen, das kann sie hingegen nicht. Angesichts der tiefen Rezession in der Europeripherie ist es keine Überraschung, dass sich die Unternehmen mit Investitionen und Neuverschuldung bisher zurückgehalten haben. Doch hier zeichnet sich eine Besserung ab. Im zweiten Quartal 2014 hat die Kreditnachfrage der Unternehmen in der Eurozone erstmals seit Jahren wieder zugenommen, ein Trend, der sich im dritten Quartal weiter verstärkt hat.

Der schwache Euro verleiht Europa neuen Schub

In der Vergangenheit ging eine höhere Kreditnachfrage jeweils mit steigenden Investitionen einher – die jüngste Entwicklung stimmt also zuversichtlich für die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone. Dazu passt auch, dass die breit gefasste Geldmenge in der Eurozone seit einigen Monaten wieder wächst – spiegelbildlich zur Kreditnachfrage. Nicht zu unterschätzen ist zudem der positive Einfluss der tieferen Rohstoffpreise und des schwächeren Euro.

Die Einheitswährung hat gegenüber dem US-Dollar seit dem Zwischenhoch im Mai rund 10 Prozent verloren. Dies stellt einen willkommenen Schub für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der angeschlagenen Eurozone dar. Auch wenn die grundlegenden Probleme der Eurozone noch lange nicht gelöst sind, die Reformanstrengungen weiterhin sehr zögerlich vorankommen und auch die geopolitische Lage für Gegenwind sorgt, so ist es doch zu früh, um die Eurozone gänzlich abzuschreiben – Totgesagte leben länger.

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Thomas Liebi, Chefökonom bei Swisscanto