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Ausblick
«Notenbanken betreiben noch immer Brandbekämpfung»

Lavastrom: Der Ausbruch der Finanzkrise ist inzwischen zehn Jahre her.  Pixabay

Die Glut der Finanzkrise schwelt längst nicht mehr, sagt William Hobbs. Doch die Notenbanken sind nach wie vor im Krisenmodus. Das erwartet der Barclays-Experte für die Börsen in den nächsten Monaten.

Von Julia Fritsche
am 13.10.2017

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Die Menschheit denkt immer, dass die künftigen Bedrohungen, jenen der jüngsten Vergangenheit ähneln. In den Jahren nach der Finanzkrise 2008–2009 waren Analysten und Kommentatoren der Ansicht, dass sich die Krise wiederholen könnte. Unser Investment-Strategy-Team bei Barclays steht somit vor der Herausforderung, dass die Zentralbanken der Industrienationen nach wie vor Brandbekämpfung betreiben, obwohl die Glut der Finanzkrise längst nicht mehr schwelt. Es wäre ein Jammer, wenn sich dieses jüngste und schmerzvolle Stück Geschichte wiederholt.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Aussichten für europäische (und Schweizer) Aktien sind unverändert attraktiv. Die jüngsten Geschäftsklimaindikatoren deuten auf eine anziehende Weltwirtschaft. Die Investitionen steigen nun endlich auch und fördern zusammen mit dem Konsum die Konjunktur in zuvor eher schwächeren Regionen. Den jüngsten Statistiken zufolge zieht auch das Welthandelsvolumen an. Dieses Umfeld dürfte die Unternehmensgewinne und damit auch die Aktienkurse begünstigen.

Welche Branche gefällt Ihnen momentan besonders gut?
Unsere drei bevorzugten Sektoren sind derzeit Finanzen, Industrie und Technologie. Banken und Industriewerte zeichnen sich aus, weil sie zyklisch am stärksten von einem Umfeld profitieren dürften, in dem globale Anlagen und der Handel zunehmen und die Zinsen nach oben tendieren. Aufstrebende KMU und eine verstärkte Nachfrage nach Unternehmenskrediten in Europa sind für Europas Banken bei der Anlagebeurteilung von grosser Bedeutung, während wir auf eine Normalisierung des geldpolitischen Umfelds warten.

Das Währungspaar Euro/Franken hat sich wieder eingependelt. Unter welchen Umständen und wann erwarten Sie weitere Auf- oder Abwärtsbewegungen?
Die Rückkehr der Marktvolatilität, gleich aus welchem Grund, könnte erneut die Nachfrage nach sicheren Vermögenswerten verstärken, wovon der Schweizer Franken gewiss profitieren würde. Andererseits würde dies, sofern die SNB die aktuelle Ausnahme inländischer Banken von negativen Einlagezinsen (vermutlich als Reaktion auf einen Wirtschaftsabschwung oder weitere negative Zinsen seitens der EZB) vollständig aufhebt, die Schweizer Banken wahrscheinlich zwingen, negative Einlagezinsen an ihre Kunden weiterzugeben, was eine starke Abwertung des Schweizer Franken nach sich ziehen würde.

Experten empfehlen Anlegern derzeit besonders gern Schwellenländer. Gibt es unter diesen auch schwarze Schafe?
Gebiete mit der glaubhaftesten Wirtschaftspolitik, wo das strukturelle Wachstum und die Überwachung am stärksten sowie die Märkte am liquidesten und diversifiziertesten sind, überzeugen uns tendenziell am meisten. Unseres Erachtens erfüllen die asiatischen Schwellenländer nach wie vor alle Kriterien am besten. Hingegen besteht in Lateinamerika und Osteuropa diesbezüglich noch immer Nachholbedarf, vor allem, weil die Rohstoffpreise nicht ausreichend Schutz bieten.

Die Situation um Katalonien ist politisch heiss. Wo sehen Sie mögliche Auswirkungen auf die Finanzmärkte?
Als Gefahr unterscheidet sich der Regionalismus in Europa vom Nationalismus insofern, als die meisten dieser regionalistischen Kräfte versuchen, im Euroraum zu bleiben. Diese Kräfte dürften die versprochenen Massnahmen zur fiskalischen Integration in der Eurozone nicht fördern. Doch scheinen ihre Auswirkungen auf die Vermögenspreise derzeit angemessen berücksichtigt zu sein.

* William Hobbs ist Head of Investment Strategy UK and Europe bei der Barclays Bank. Er hat mehr als zehn Jahre Erfahrung im Finanzsektor und arbeitet seit Oktober 2005 für Barclays, wo er zu Beginn im Equity Research Team den globalen Konsum-Sektor abdeckte.

 

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