Für den europäischen Öl- und Gassektor könnte 2015 als das Jahr des grossen Umbruchs in die Geschichte eingehen. Während ein Fass der Nordseesorte Brent Mitte 2014 noch weit mehr als 100 US-Dollar kostete, müssen die Multis mittlerweile mit Notierungen von rund 50 Dollar zu Recht kommen. Immerhin hat sich der Ölpreis zuletzt in diesem Bereich stabilisiert. Derweil konnten die Aktienkurse des Sektors deutlich Boden gutmachen.

Für den diversifizierten STOXX Europe 600 Oil & Gas steht seit dem Monatswechsel ein Plus von 13 Prozent zu Buche. Es greift zu kurz, die Avancen allein auf das aufgehellte Börsenklima zurückzuführen. Schliesslich hängte das Branchenbarometer den breiten europäischen Markt zuletzt deutlich ab. Vielmehr scheinen die Öl- und Gaskonzerne mit ihrem Kampf gegen den Preisverfall bei immer mehr Investoren zu punkten. Kosteneinsparungen und Dividenden-Kontinuität haben für viele Manager in der Branche derzeit höchste Priorität.

Total – ein Öl-Krösus gibt sich ehrgeizig

Beispiel Total (ISIN FR0000120271): Vor gut zwei Wochen hielt der europäische Branchenkrösus seinen Investorentag ab. Dabei machte CEO Patrick Pouyanne deutlich, dass der Konzern die Investitionen weiter zurückfahren wird. 2013 hatten sie einen Spitzenwert von 28 Milliarden US-Dollar erreicht. Im laufenden Jahr sollen die Kapitalausgaben bei 23 bis 24 Milliarden US-Dollar liegen und dann sukzessive weiter schrumpfen. Ab 2017 rechnet das Management mit einem Niveau zwischen 17 und 19 Milliarden Dollar pro Jahr. Gleichzeitig forcieren die Franzosen ihre Sparanstrengungen. Anstelle der bisher angestrebten zwei Milliarden sollen bis 2017 drei Milliarden Dollar an operativen Ausgaben wegfallen. Bei der Produktion möchte Total im Zeitraum 2014 bis 2019 dennoch im Schnitt um jährlich 5 Prozent wachsen.

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Aufhorchen liess das Unternehmen auch mit seinen Aussagen zur Break-Even-Notierung. «Ab 2017 werden wir bei einem Ölpreis von mehr als 60 US-Dollar je Barrel einen Cashflow erzielen, der die Dividende deckt», erklärte CFO Patrick de la Chevardiere. An der Börse konnte Total mit den ehrgeizigen Zielen punkten. Seit dem Investorentag verteuerte sich die Aktie um knapp 15 Prozent. Viel Lob kam auch von Analystenseite. Unter anderem hob die Citigroup das Kursziel an und bestätigte ihre Kaufempfehlung. Goldman Sachs beliess den Dividendentitel auf der «Conviction Buy List». Zwar schraubte auch die UBS ihr Kursziel nach oben, sie hält jedoch an der Einschätzung «Neutral» fest.

Hohe Strafe für BP

Derweil plädiert die heimische Grossbank bei BP (ISIN GB0007980591) auf «Kaufen». In einer aktuellen Studie trauen die Analysten dem britischen Öl- und Gasmulti eine Notierung von 420 Pence zu. Daraus errechnet sich ein Aufschlag von knapp einem Zehntel auf den aktuellen Kurs. Nachdem die BP-Aktie Ende September auf das tiefste Niveau seit gut fünf Jahren getaucht war, kam es zu einem kräftigen Rebound. Im Oktober steht bis dato ein Plus von mehr als 15 Prozent zu Buche.

Fünfeinhalb Jahre nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko erhielt das Unternehmen auch die Rechnung für das schwärzeste Kapitel seiner Geschichte. BP wird der US-Regierung sowie den betroffenen Bundesstaaten die Rekordstrafe von mehr als 20 Milliarden Dollar zahlen. Durch das Unglück entstanden hohe Belastungen, und der tiefe Ölpreis verhagelte dem Konzern zuletzt das Geschäft. Im zweiten Quartal brach der Nettogewinn um fast zwei Drittel ein. Gleichwohl profitierte BP von einer Erholung im Raffinerie-Segment. In der Verarbeitung von Rohöl zu Benzin, Diesel und anderen Produkten steigerten die Briten den Überschuss um drei Viertel. Ob BP hier weiterhin vom eingeschlagenen Sparkurs profitieren kann, zeigt sich am 27. Oktober. Dann präsentiert der Multi die Zahlen für das dritte Quartal.

Royal Dutch Shell – der Ölkonzern sieht Anzeichen einer Preiserholung

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Zwei Tage später gewährt Royal Dutch Shell (ISIN GB00B03MLX29) Einblick in den jüngsten Geschäftsgang. Bereits in dieser Woche kommentierte der CEO des Konzerns, Ben van Beurden, an einer Industriekonferenz in London die aktuelle Lage. Dabei sprach der Top-Manager von ersten Anzeichen für eine Ölpreiserholung. Viele US-Produzenten würden Schwierigkeiten haben, sich zu refinanzieren, falls die Notierungen auf einem derart tiefen Niveau verharren würden, meinte er. Infolgedessen dürfte der Ausstoss zurückgehen.

Bekanntlich sorgt das sogenannte Fracking in den USA seit Jahren für eine regelrechte Ölschwemme. Wobei die Korrektur beim schwarzen Gold zuletzt Bremsspuren verursacht hat. Die U.S. Energy Information Administration rechnet damit, dass die Produktion in den Staaten im kommenden Jahr erstmals seit 2008 schrumpfen wird. Geht es nach der Analystenzunft, wird Royal Dutch Shell von dieser Entwicklung profitieren. Die Experten raten derzeit mehrheitlich zum Kauf der Aktie.

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Passive Alternative zu Ölaktien

Anleger, die über eine Positionierung in diesem gebeutelten Sektor nachdenken, müssen viel Mut und vor allem ein positives Konjunkturszenario mitbringen. Sollte sich das makroökonomische Umfeld weiter eintrüben, könnte dies zu neuen Tiefstständen beim Ölpreis führen. Auf der anderen Seite sprechen die Bewertungsrelationen – allen voran die üppigen Dividendenrenditen – für die Multis.

Eine Alternative zum Direktinvestment bieten passive Finanzprodukte. Beispielsweise handelt Comstage an der SIX einen Exchange Traded Fund (ETF) auf den STOXX Europe 600 Oil & Gas (ISIN LU0378436447). Das Commerzbank-Label bildet den Branchenindex gegen eine Pauschalgebühr von 0,25 Prozent p.a. ab.