Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Burkhard Varnholt*: Vieles beschäftigt die Finanzmärkte, wie so oft... Doch die Börsen sind relativ zuversichtlich, dass das Schwungrad des globalen, wirtschaftlichen Aufschwunges noch eine gute Weile weiterdreht. Diese Einschätzung unterstützt auch unser «Credit Suisse House-View» mit einer globalen Wachstumsprognose von 3,5 Prozent in diesem und 3,6 Prozent im kommenden Jahr. Aus dieser Einschätzung folgt, dass eine wirkliche Aktienbaisse – welche historisch typischerweise mit einer Rezession einhergeht – auf absehbare Zeit unwahrscheinlich ist. Das Ergebnis ist das ungewöhnliche Absinken der Aktienvolatilität auf der ganzen Welt.

Und was ist sonst noch wichtig?
Gleichzeitig sind die Bullen und Bären an den Finanzmärkten hin- und hergerissen zwischen der relativen Attraktivität von Aktien versus Anleihen. Während die Aktienquoten der meisten Investoren immer noch deutlich unter den Niveaus von vor der Finanzkrise 2008 liegen, suchen immer mehr Anleger günstige Einstiegsgelegenheiten, um ihre Aktienpositionen vom tiefen, aktuellen Niveau zu erhöhen. Doch auch der Reiz der Nominalgarantie ist ungebrochen. Erstklassige, zehnjährige Anleihen mit Nullverzinsung finden in der Schweiz immer noch mehr Käufer als vergleichsweise tief bewertete Aktien mit hoher Dividendenrendite.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Im Juli geht Europa in die Sommerferien und die Aktienvolatilität ist rekordtief. Ich würde nicht gegen die Marktmeinung wetten, sondern vermute, dass während der heissen Hundstage die Schweizer Börse mit tiefer Liquidität vor Ort tritt.

Bald beginnt an den Börsen das Sommerloch. Was raten Sie Anlegern in dieser Zeit?
Geniessen auch Sie die Ferien! Schalten Sie ab und laden Ihre Batterien auf. Falls das Abschalten nicht gelingt, weil Sie bei Ihren Anlagen «der Schuh drückt», dann überführen Sie sie noch vorher in ein gut geführtes Vermögensverwaltungsmandat. Das sollte das Abschalten und Erholen erleichtern.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Über 9300 sollte der SMI bis dahin steigen können.

Welcher Titel ist aktuell Ihr Liebling unter den SMI-Konzernen?
Da gibt es einige. Aber wenn ich nur einen Titel aus dem SMI kaufen dürfte, dann wäre es aktuell Roche. Da stimmen die Bewertung, das Potenzial und die Branche.

Nestlé wird vom Hedgefonds Third Point unter Druck gesetzt. Was bedeutet das für die weitere Entwicklung des Aktienkurses?
Nestlé ist eines der besten Unternehmen der Welt, doch seine Bewertung ist hoch. Der Druck von Third Point hat bereits heute Wirkung gezeigt – sowohl beim Unternehmen, wie auch an der Börse. Das spricht dafür, jetzt Gewinne in der Aktie von Nestlé zu realisieren.

Der Ölpreis ist weiterhin tief und volatil. Was sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft?
Das ist ein Wechselspiel mit schwankenden Vorzeichen. Ein sinkender Ölpreis wirkt bis zu einem Preisniveau von etwa 35 Dollar pro Barrel stimulierend für die Weltwirtschaft. Darunter überwiegt die Gefahr für die Solvenz einiger Erdölunternehmen. Gleichzeitig wird aber die ohnehin schon starke Dynamik der Weltwirtschaft, gemeinsam mit der Disziplinierung der OPEC-Länder, die Ölpreise in der zweiten Jahreshälfte wahrscheinlich wieder steigen lassen. Im Ölpreis liegt momentan deutlich mehr Potenzial nach oben als nach unten.

*Burkhard Varnholt ist Anlagechef der Swiss Universal Bank und Vize-Chef des Global Investment Committee der Credit Suisse.


 

 

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