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Ölpreis steigt: «Die Inflation wird anziehen»

Fracker in den USA: «Bei einem Ölpreis von 50 Dollar profitabel.» Keystone

Der Ölpreis ist auf den höchsten Stand seit 15 Monaten gestiegen. Was das für die Schweizer Preise bedeutet und wie Anleger profitieren können, erklärt der Investchef der Schwyzer Kantonalbank.

Von Mathias Ohanian
am 21.10.2016

Der Preis für Öl ist in dieser Woche auf den höchsten Stand seit 15 Monaten geklettert. Was sind die Haupttreiber des jüngsten Preisanstiegs?
Thomas Heller*: Die angekündigte Produktionsbeschränkung der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) von Ende September hat Bewegung in den Ölpreis gebracht. Sie ist allerdings mehr ein Signal, als ein wirklich markanter Einschnitt. Nach der geplanten bescheidenen Kürzung liegt der Ausstoss immer noch über dem Produktionsniveau von Anfang Jahr. Es ist aber ein Zeichen dafür, dass die Opec und allen voran Saudi-Arabien nicht mehr um jeden Preis Marktanteile halten wollen.

Wohin geht die Reise in den kommenden Monaten?
Bis Ende November dürften die Details zur Produktionskürzung bekannt werden, das heisst, wer wieviel kürzen wird. Bis zu diesem Zeitpunkt dürfte der Ölpreis gegen unten eine gewisse Unterstützung haben. Andererseits ist es bei einem Ölpreis von 50 Dollar für die amerikanischen Fracking-Produzenten profitabel, ihren Ausstoss wieder hochzufahren. Das erhöht das Angebot und limitiert das Preissteigerungspotential. Wir rechnen mit einem Preisband von 40 Dollar bis maximal 55 Dollar für die kommenden Monate.

Welche Faktoren werden in Zukunft hauptsächlich beeinflussen?
Angebotsseitig ist es sicherlich das Verhalten des Opec-Kartells und Russlands. Beide befinden sich in einem Spannungsfeld. Ist der Preis zu tief, fehlen dringend benötigte Staatseinnahmen. Ist er zu hoch, ruft er die US-Produzenten auf den Plan. Letztere fungieren als sogenannte Swing-Produzenten, die ihre Produktion erhöhen, wenn der Ölpreis steigt und sie drosseln, wenn der Preis fällt.

Was ist mit Blick auf die Nachfrage wichtig?
Da spielt das Wirtschaftswachstum eine entscheidende Rolle. Das ist zwar bescheiden. Aber das bedeutet dennoch, dass bei gleichbleibender Energieintensität die Energie- und somit auch Ölnachfrage steigt. Wegen des rekordhohen Ausstosses vermag die höhere Nachfrage dem Ölpreis auf die kommenden zwei bis drei Jahre allerdings kaum Impulse zu verleihen. Erst danach ist wieder mit höheren Preisen zu rechnen. Da in den vergangenen zwei Jahren wenig in die Suche und Erschliessung neuer Ölvorkommen investiert wurde, wird das Angebot zusätzlich knapp.

Was bedeutet das für die Inflation – sehen wir nun kräftig steigende Konsumentenpreise?
Erste Spuren sind in den jüngsten Inflationsdaten bereits erkennbar. Genau vor einem Jahr setzte der letzte Rutsch des Ölpreises ein, der erst im Februar unter 30 Dollar pro Barrel endete. Dieser Effekt, der die Konsumentenpreise nach unten gezogen hatte, fällt nun nicht nur weg, sondern verkehrt sich wegen des Preisanstiegs ins Gegenteil. Die Inflation wird wegen der gestiegenen Ölnotierungen anziehen.

Muss die SNB früher oder später gegensteuern? Was kann sie tun, um auf teurere Energie zu reagieren?
Ganz grundsätzlich kann und wird eine Notenbank auf ein Anziehen der Teuerung reagieren, indem sie die Zinsen erhöht und Liquidität abschöpft. Im konkreten Fall wird die Schweizerische Nationalbank (SNB) allerdings deswegen nichts unternehmen. Zum einen, weil sie ihre Geldpolitik nicht auf die volatilen Energie- und Nahrungsmittelpreise abstützen kann, sondern ihr Augenmerk auf die Kerninflationsrate legt, welche diese ausschliesst und ein unverfälschteres Bild des zugrundeliegenden Preisauftriebs gibt.

Und andererseits?
Zum anderen stehen für die SNB zur Zeit andere Faktoren wie Wachstum und die Überbewertung des Schweizer Frankens im Vordergrund. Inflation bereitet der SNB – wie auch den meisten anderen Notenbanken – keine Bauchschmerzen. Höchstens, dass sie in ihren Augen zu tief ist.

Wie können Anleger an der Entwicklung am Ölmarkt partizipieren?
Es besteht die Möglichkeit via ETFs direkt an der Ölpreisentwicklung zu partizipieren. Angesichts des limitierten Preissteigerungspotentials und der aktuell erheblichen Rollkosten  – eine Eigenheit der Rohstoffmärkte, die das Anlegen in Rohstoffe erschwert – ist dies für Privatanleger derzeit keine valable Option.

Gibt es Alternativen?
Eine Alternative für Anleger, die mit Rückschlägen und Wertschwankungen umgehen können, ist der Kauf von Ölaktien. Die Branche war und ist in Bewegung. Die Unternehmen haben Kapazitäten abgebaut, restrukturiert und fusioniert. Vom nun wieder höheren Ölpreis profitieren sie unmittelbar. Das ist aber nur etwas für geduldige und nervenstarke Anleger.

* Thomas Heller ist Investmentchef (CIO) der Schwyzer Kantonalbank

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