Das hat selbst viele Analysten überrascht: Der Ölpreis fiel seit Juni um einen Viertel. Ein Trend, der sich nach Meinung von Goldman Sachs weiter fortsetzen könnte. Sollte es so kommen, wird dies wohl die Verbraucher freuen. Schliesslich schont dies über fallende Benzinpreise und Heizkosten die Haushaltskasse. Doch nicht nur im privaten Konsumbereich zeigt der fallende Ölpreis Wirkung. Vielmehr schlägt sich die Entwicklung in ganzen Volkswirtschaften und Branchen nieder. Wie fast immer bei Veränderungen gibt es dabei neben Gewinnern auch Verlierer.

Gleich vorweg: Unter dem Strich dürfte die Weltwirtschaft profitieren. Laut dem internationalen Währungsfonds schlägt sich jede Veränderung des Ölpreises von 10 Prozent in einer veränderten Wirtschaftsleistung von 0,2 Prozent nieder. Das heisst: Fällt der Ölpreis um 10 Prozent, sollte weltweit das Bruttoinlandprodukt um 0,2 Prozent zulegen. Das deckt sich in etwa mit Berechnungen der UBS. Die Analysten der Bank sagen, dass bei einem Ölpreis von 85 Dollar je Barrel Brent ein positiver Effekt auf das globale Wirtschaftswachstum von 0,25 Prozent p.a. erwartet werden kann.  

Ölpreisschwäche – Vor- und Nachteile

Ganz so einfach ist die Rechnung allerdings nicht. Deutlich wird das am Beispiel Europas. Mittel- bis längerfristig würde sich hier ein dauerhaft niedrigerer Ölpreis unter dem Strich sicher positiv bemerkbar machen. Kurzfristig könnte sich aber über fallende Ölpreise eine sich verschärfende Deflationsgefahr ergeben. Laut der UBS würde die Inflationsrate in der Euro-Zone nämlich um 0,6 Prozentpunkte sinken, falls der Ölpreis ein Jahr lang auf dem aktuellen Niveau notieren würde.

Selbst in den USA muss der Einfluss des Ölpreises von zwei Seiten her betrachtet werden. Volkswirte taxieren die Ersparnis der Verbraucher an den Zapfsäulen zwar auf im Schnitt 50 Dollar im Monat, und ein Teil davon dürfte in den Konsum fliessen, aber Amerika ist bekanntlich auf dem Weg dazu, der grösste Ölproduzent zu werden. Und das Öl, das durch die Fracking-Technik produziert wird, kann bei Preisen von unter 70 Dollar je Barrel nicht profitabel gefördert werden.

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Fallender Ölpreis – die Schweiz wächst um 0,1 Prozentpunkte schneller

Dennoch rechnet die UBS per Saldo mit einem positiven Effekt auf das US-Bruttoinlandprodukt von 0,2 Prozentpunkten. Ebenso wird erwartet, dass die Eurozone genauso stark vom tiefen Ölpreis profitieren wird. Für die Schweiz wird der Wert mit plus 0,1 Prozentpunkten angegeben, wobei anzunehmen ist, dass die Inflation um 0,5 Prozentpunkte sinken wird.

Am stärksten profitieren, dürften einige Schwellenländer, die auf Ölimporte angewiesen sind. An vorderster Front zählen dazu neben Indien etliche asiatische Länder wie Taiwan, Thailand, Südkorea, Hongkong und die Philippinen. Zudem fallen auch die Türkei und Südafrika in diese Kategorie von Ländern, bei denen eine geringere Ölrechnung deutlich positive Folgen auf die Konjunktur hätte. Begünstigt werden, dürften auch die zentralosteuropäischen Länder Tschechien, Slowakei und Ungarn. Laut der Credit Suisse sind an den Finanzmärkten bei einigen dieser Länder die positiven Effekte noch nicht vollständig eingepreist – sprich: Die jeweiligen Regionalbörsen besitzen Nachholpotenzial.

Lateinamerika trifft der fallende Ölpreis hart

Anders fällt die Rechnung natürlich bei den grossen Ölproduzenten aus. Die Länder im Nahen Osten werden vermutlich zunächst noch relativ glimpflich davonkommen, denn zum einen sind ihre Förderkosten vergleichsweise niedrig, zum anderen verfügen sie über finanzielle Puffer für Zeiten mit niedrigeren Einnahmen aus dem Ölverkauf. Auch Russland verfügt über ansehnliche Devisenreserven, aber der Staatshaushalt basiert auf einem Ölpreis von rund 100 Dollar pro Barrel. 

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Unpassend kommt der Schwächeanfall des Ölpreises für ein ohnehin finanziell angeschlagenes Land wie Venezuela. Dort basiert der Staatshaushalt auf einem Ölpreis von 160 Dollar pro Barrel, und deshalb verwundern die zunehmenden Pleitegerüchte nicht, die sich um das Land ranken. Volkswirt Andrew Kenningham von Capital Ecnomics sieht ohnehin eher für die Förderländer in Lateinamerika Probleme infolge tiefem Ölpreis. Betroffen sind neben Venezuela auch Brasilien und Mexiko. In Asien zählt der Ökonom Malaysia zu den Verlierern.

Spielraum der EZB für geldpolitische Lockerung steigt

Auf Branchenebene liegen die Nachteile eines tiefen Ölpreises für die Ölproduzenten, aber auch für Branchendienstleister wie den Tiefseebohr-Spezialisten Transocean Ltd. (ISIN: CH0048265513), auf der Hand. Will man der Sache aus Sicht der Sektorvertreter etwas Gutes abgewinnen, können hier die Explorations- und Akquisitionskosten genannt werden, die mit einem fallenden Ölpreis ebenfalls sinken.

Begünstigt werden, dürfte hingegen, wie bereits angedeutet, der Konsum. So stellen nach Ansicht der Credit Suisse die rückläufigen Energiepreise für die US-Verbraucher so etwas wie eine grosszügige Steuersenkung dar, was den Aktien von Nicht-Basiskonsumgütern Auftrieb verleihen dürfte. In Europa könnte die Entwicklung nach Einschätzung der Credit Suisse der EZB mehr Spielraum für geldpolitische Impulse geben und über einen schwächeren Euro den Export der Eurozone ankurbeln.

Flug- und Schifffahrtsgesellschaften profitieren ...

Sehr willkommen ist der fallende Ölpreis auch für Fluggesellschaften. Zumindest, wenn die Kerosinpreise nicht langfristig abgesichert sind, wie das speziell bei europäischen Branchenvertretern der Fall zu sein scheint. US-Fluggesellschaften, wie American Airlines Group Inc. (ISIN: US02376R1023) oder Delta Air Lines Inc. (ISIN: US2473617023), sind zuletzt auch wegen des niedrigen Ölpreises deutlich gestiegen.

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Ebenfalls viel Geld bei den Treibstoffkosten können Kreuzfahrtbetreiber sparen, die zudem von einem allgemein gut laufenden Tourismusgeschäft profitieren. Deshalb überrascht es nicht, dass die Aktien von Branchenvertretern wie Norwegian Cruise Line Holdings Inc. (ISIN: BMG667211046) oder Royal Caribbean Cruises Ltd. (ISIN: LR0008862868) bei Anlegern gefragt sind. Zu einem ähnlichen Schluss kann man auch mit Blick auf die Spediteure kommen. Allerdings sind Aktien wie die des US-Unternehmens Landstar System Inc. (ISIN: US5150981018) oder von Kühne & Nagel (ISIN: CH0025238863) mit geschätzten KGVs im Bereich von etwa 25 nicht gerade moderat bewertet.

... Aktien zählen generell zu den Gewinnern

Per Saldo kommt Giles Keating, Chefanalyst bei der Credit Suisse, zum Ergebnis, dass der niedrigere Ölpreis über seine positiven Effekte auf die Weltwirtschaft Risikoanlagen zum Jahresende und Anfang 2015 zugutekommen wird: Die Aktienkurse werden wohl steigen.