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Party ohne Kater: Kommt es jetzt zur Jahresendrally?

Champagner: Das Umfeld für die Aktienmärkte weltweit ist überaus positiv. Keystone

Eine Jahresendrally wäre die Krönung des laufenden Börsenjahrs. Einzelne Analysten zweifeln, ob es so kommen wird, doch die Mehrheit hält die Daumen nach oben.

Von Fredy Gilgen
am 20.10.2017

Damit haben risikogewohnte Aktienanleger zu Jahresbeginn nicht gerechnet: 2017 bleibt ein Börsenjahr ohne nennenswerte Rückschläge. Im Gegenteil – die Kurse sind kontinuierlich leicht gestiegen. Fast wie Krankenkassenprämien.

Und nun müssten die Kurse eigentlich nochmals anziehen. Denn normalerweise darf an den Aktienmärkten ab November/ Dezember mit einer Jahresendrally gerechnet werden. Die Statistiker haben die entsprechenden Zahlen zur Hand: «Der SMI hat in den letzten zwanzig Jahren im vierten Quartal stets besser abgeschnitten als in den übrigen drei Quartalen», weiss Lars Kalbreier, CIO Vontobel Wealth Management. Cédric Spahr, Aktienstratege bei der Bank Safra Sarasin, ergänzt mit Zahlen aus den USA: «Die Aktienkurse steigen im Zeitraum November/ Dezember in nicht weniger als 73 Prozent der Fälle, wenn wir den S&P 500 als Messlatte seit 1979 heranziehen.

Reiten auf der perfekten Welle

Statistiken sind das eine, wirtschaftliche Fundamentaldaten das andere: «Die Aktienmärkte surfen zurzeit auf einer perfekten Welle, einer Welle, die solides Wachstum, kalkulierbare politische Risiken sowie immer noch grosszügige Liquiditätsbedingungen vereint. Wir stufen die Wahrscheinlichkeit einer Jahresendhausse entsprechend als hoch ein», sagt Spahr.

Auch Marktbeobachter, die eine Jahresschlussrally für nicht besonders wahrscheinlich halten, müssen zugeben: Das Umfeld für die Aktienmärkte weltweit ist überaus positiv. «Zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise wachsen alle Regionen der Welt zufriedenstellend und kein entwickeltes Land der Welt befindet sich momentan in der Rezession», erklärt Anastassios Frangulidis, Chefstratege von Pictet Asset Management Zürich.

Zudem würden die Volkswirtschaften rund um die Welt weiterhin mit Liquidität von den Notenbanken versorgt und die Gewinne der Unternehmen stiegen ungewöhnlich stark. Viel Zuversicht ist auch bei Christian Gattiker, Anlagestratege von Julius Bär, zu spüren. Er rechnet damit, dass die Gewinnerwartungen für 2018 nach Vorliegen der Drittquartalsergebnisse nochmals nach oben revidiert werden.

«Beinahe perfektes Börsenumfeld»

«Dieses beinahe perfekte Börsenumfeld beeinflusst natürlich die Bewertung der Aktienmärkte», führt Cédric Spahr aus. Wachstumsorientierte Indizes wie der Nasdaq 100 oder der schweizerische SMIM erscheinen auf den ersten Blick als stattlich bewertet. In Anbetracht der anhaltenden Tiefzinspolitik der grossen Notenbanken gelte es, diese Bewertungen aber zu relativieren.

Für kontinentaleuropäische Indizes wie den DAX oder den Euro Stoxx 50, die mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zwischen 14 und 15 gehandelt würden, gebe es dagegen wenig Anzeichen einer Überbewertung, besonders wenn das eindrückliche Gewinnwachstum und die immer noch sehr expansive Geldpolitik der EZB miteinbezogen würden. Die Aktien der Schwellenländer sähen insgesamt mit einem KGV von 12,5 sogar günstig aus.

Wann kommt der Rückschlag?

So viel Wohlfühlstimmung macht skeptisch. Folgt der Börsenkater einfach etwas später, vielleicht im Frühling? CS-Analyst Neumann hält dagegen. «Wir sind zwar im achten Jahr des Bullenmarktes, aber die deutlich höheren Gewinne haben die Aktienmärkte in der Breite gut unterstützt. Aus unserer Sicht kann also keine Rede von einer zu übertrieben hohen Bewertung oder gar einer Blase sein. Daher rechnen wir bis auf weiteres nicht mit einem baldigen massiven Absturz der Aktienbörsen. Korrekturen von 10 bis 15 Prozent sind immer möglich, sie würden den bisherigen langfristigen Aufwärtstrend aber nicht zerstören.

Nach Frangulidis’ Ansicht werden steigende Realzinsen als Folge einer restriktiveren globalen Geldpolitik zu einem späteren Zeitpunkt den konjunkturellen Aufschwung beenden und die nächste Baisse einleiten. Damit sei aber nicht innerhalb der nächsten Monate zu rechnen.

Der Katzenjammer wird in der nächsten Krise oder in der nächsten Rezession kommen», orakelt Julius-Bär-Experte Christian Gattiker: «Doch ehrlicherweise ist weder die eine noch die andere vorhersagbar. Ich gehe von einer leichten US-Rezession in den Jahren 2019/2020 aus. Das würde heissen, dass wir in rund zwölf Monaten ernsthaft über grössere Rückschlagsrisiken nachdenken müssen.

Mögliche Partykiller

Spahr betont: «Unsere Modellierung der Zentralbankliquidität und der Unternehmensgewinne für 2018 legt nahe, dass die erste Hälfte 2018 ein unverändert attraktives Umfeld für Aktienanlagen bieten wird. Die Stimmungsindikatoren signalisieren keinen irrationalen Überschwang und Privatanleger wagen sich nur zögerlich in den Markt. Das sind keine Zeichen eines baldigen Endes der Hausse.»

Und doch wäre es fahrlässig, nicht nach möglichen Partykillern Ausschau zu halten. Als solche könnten sich insbesondere die grossen Notenbanken entpuppen, wenn sie den Übergang von einer ultralockeren zu einer normalen Geldpolitik nicht schaffen. Oder auch der unberechenbare US-Präsident Donald Trump.

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