Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Burkhard Varnholt*: Anleger scheinen hin- und hergerissen zwischen Sorge und Optimismus. Das spiegelt sich in den Finanzmärkten. Die steigenden Aktienkurse reflektieren Zukunftsoptimismus, ausgelöst durch das kräftig drehende Schwungrad der Weltwirtschaft und eine zunehmende Aktienpräferenz bei unvermindertem Anlagenotstand bei Obligationen. Charakteristisch für den aktuellen Zyklus ist die abwechselnde Mischung aus Sorge und Sorglosigkeit über die Höhe von Bewertungen. Gleichzeitig reflektieren die unvermindert tiefen Kapitalmarktrenditen die Skepsis, ob die Weltwirtschaft möglicherweise auf tönernen Füssen stehe.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Schweizer Börse bleibt kurzfristig stark vom Franken geprägt. Falls die wirtschafts- und ordnungspolitischen Sorgen rund um die Eurozone abnehmen, so wäre eine Stärkung des Euros und spiegelbildliche Schwächung des Franken wahrscheinlich. Das könnte der Schweizer Börse neue Impulse verleihen. Natürlich sind dies singuläre, politische Ereignisse, welche Anleger unterschiedlich beurteilen. Wir schätzen die relativ hohen Risikoprämien der Eurozone allerdings als kurzfristig attraktiv ein, wovon auch die defensiven Qualitäten der Schweizer Börse kurzfristig profitieren sollten.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Wahrscheinlich höher als heute.

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In welchem Markt erwarten Sie demnächst ein Comeback?
Energie ist ein Sektor, der wieder attraktiv geworden ist. Erstens ist auf dem aktuellen Energiepreisniveau ein leichter Preisrückgang positiv für die Weltwirtschaft. Das schafft in zweiter Linie neue Nachfrage über den Konjunkturzyklus. Zweitens könnten die geopolitischen Risikoprämien von Energiepreisen wieder zunehmen, denn die Welt hat leider viele ungelöste, politische Brandherde. Drittens scheint das Angebot kurzfristig relativ stabil während die Nachfrage nach Energie überproportional wegen des starken Infrastruktur- und Mobilitätswachstums zunehmen könnte.

Französische Aktien – jetzt kaufen oder das Ergebnis der Präsidentschaftswahl abwarten?
Das ist wohl eher eine politische als eine anlagestrategische Frage. Sowohl Hochrechnungen wie auch die Erwartung suggerieren, dass Frankreich im zweiten Wahlgang für einen Präsidenten der bürgerlichen Mitte stimmen wird. Vor dieser Einschätzung sind französische Aktien attraktiv, denn sie reflektieren natürlich auch das Risiko, dass Frankreich für einen «Frexit» stimmt. Das ist zwar eher unwahrscheinlich, aber gefährlich.

Trumps Obamacare-Schlappe sorgte an den Börsen für Verluste. Wie gefährlich könnten weitere Niederlagen des US-Präsidenten für Anleger werden?
Man sollte nicht all viel in die Durchsetzung oder Nicht-Durchsetzung präsidialer Dekrete und ihre Auswirkungen auf die Börsen hineinlesen. Eine gute Anlagestrategie und ein disziplinierter Prozess sind auf Dauer wertvoller als der zum Scheitern verurteilte Versuch, Siege und Niederlagen des US-Präsidenten zu prognostizieren. Für die Börsen wird aber gewiss das von Präsident Trump angekündigte Steuersenkungs-Paket besonders wichtig sein.

Niederlande, Frankreich und die USA – sind Anleger zu stark und zu Unrecht auf politische Ereignisse fixiert?
Ja und nein. In den teilweise hoch-emotionalen politischen Debatten wird manchmal übersehen, dass der Kurs jeder Aktie und Obligation langfristig ihrem Unternehmenserfolg folgt. Das hat manchmal – aber seltener als die Medien täglich suggerieren – etwas mit Politik zu tun. Gleichwohl dürfen wir nicht unterschätzen: die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen spielt mit dem Feuer, wenn sie einen Austritt aus der Währungsunion fordert. Ich glaube nicht, dass ihr Wunsch zu Wirklichkeit wird. Aber solche singulären Ereignisse betreffen tatsächlich jedes Unternehmen und jeden Anleger.

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* Burkhard Varnholt ist Anlagechef der Swiss Universal Bank und Vize-Chef des Global Investment Committee der Credit Suisse.

 

 

 

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