Grossbritanniens Brexit-Entscheid war in den letzten Monaten ein dominierendes Diskussionsthema mit erheblichen Auswirkungen auf die Finanzmärkte weltweit. Bis anhin lag der Hauptfokus dabei auf den künftigen Beziehungen zwischen Grossbritannien und den wichtigsten entwickelten Partnerländern.

Weniger beachtet wurden hingegen die Auswirkungen des Brexit auf Mittel- und Osteuropa (MOE) – wobei diese auch hier von grosser Bedeutung sein könnten.

Drei direkte Kontakt-Formen

Der direkte Kontakt von mittel- und osteuropäischen Ländern mit Grossbritannien umfasst im Wesentlichen drei Formen: Geldtransfers von MOE-Bürgern mit Wohnsitz in Grossbritannien in ihr Heimatland, Exporte von MOE-Ländern nach Grossbritannien und die Beteiligung Grossbritanniens an Strukturfonds der EU, die in MOE-Staaten fliessen.

Ersteres wird mit einem künftigen Handelsabkommen zwischen Grossbritannien und der EU geregelt werden, das ebenso die Freizügigkeit der Arbeiter regulieren wird. Der Einfluss dürfte hierbei jedoch klein sein, da diese Zahlungen nur einen Bruchteil des Bruttoinlandprodukts (BIP) der MOE-Länder ausmachen.

Auch der Einfluss auf den Handel zwischen Grossbritannien und den MOE-Ländern wird von den zukünftigen Handelsabkommen abhängen. Es ist anzunehmen, dass die Niveaus über den gesamten Handel gesehen sinken werden. Genaue Zahlen vorherzusagen ist vor Abschluss der Verträge jedoch schwierig. Tschechien, deren Exporte nach Grossbritannien 4.3% des BIPs ausmachen, dürfte am stärksten betroffen sein; gefolgt von Ungarn (2.9%) und Polen (2.7%). 1)

EU-Budget sinkt stark

Worüber wir uns um Einiges sicherer sein können, ist der Einfluss des Brexit auf die Strukturfonds der EU für die MOE-Länder. Grossbritannien ist mit rund 12% des Gesamtbudgets der drittgrösste Netto-Beitragszahler. Fallen diese Beiträge weg, wird das EU-Budget von 135 Milliarden Euro auf 117.5 Milliarden Euro sinken. Dies hätte einen wesentlichen Einfluss auf mehrere MOE-Länder, deren Infrastrukturprojekte stark von den Förderzahlungen der EU abhängen.

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In Polen beispielsweise schätzen wir, dass die Fördergelder um rund 13% sinken würden, von aktuell 3.5% des BIPs auf 3.1%. Andere Länder die stark betroffen wären sind Ungarn (von 5.6% des BIPs auf 4.9%) und Litauen (von 4.4% des BIPs auf 3.9%).

Expansivere Geldpolitik kann erwartet werden

Addiert man zu diesen Faktoren den Effekt der reduzierten Exporte innerhalb der Versorgungskette in Länder wie Deutschland, wird es offensichtlich, dass der Brexit einen signifikanten Einfluss auf die Wachstumsniveaus in Polen, Ungarn, Tschechien und Litauen haben wird. Tieferes potenzielles Wachstum könnte zu einer expansiveren Geldpolitik, zu niedrigeren Zinsniveaus und schwächeren Währungen führen, da die Regierungen versuchen werden, die entstehenden Verluste wettzumachen.

Die Perspektive tieferer Zinsraten in gewissen MOE-Ländern wenn Grossbritannien die EU verlässt, macht Anleihen in lokalen Währungen in diesen Ländern möglicherweise zu interessanten Investments. Investoren könnten davon profitieren, heutige attraktive Renditen, mit dem zusätzlichen Potenzial für Kapitalgewinne (falls die Renditen in Zukunft sinken werden) ins Portfolio zu integrieren.

Kurzum: Unter der Voraussetzung, dass Währungen angemessen abgesichert werden, sind lokale Anleihen in Ländern wie Polen, Ungarn, Rumänien und Serbien vielversprechende langfristige Investitionsmöglichkeiten.

1) Quelle: FactSet

*Arif Husain, head of International Fixed Income at T. Rowe Price