An der Börse sind es typischerweise die gemessen am Börsenwert dicken Fische, die am meisten gehandelt werden und die auch bei Privatanlegern am stärksten in den Depots vertreten sind. Viele Marktteilnehmer fühlen sich bei ihren Anlageentscheidungen zudem am wohlsten, wenn sie auf eine Aktie setzen, die möglichst viele Kaufempfehlungen durch Analysten hat und zu der es, wenn möglich, keine negative Meinung gibt. 

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Dieser Meinungskonsens vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Doch ein solches Gefühl ist oft trügerisch. Denn Aktien, die von vielen Analysten breit abgedeckt werden, laufen im Durchschnitt nicht gerade gut.

Intensiv gecoverte Titel laufen schlecht

Zu diesem doch unerwarteten Ergebnis kommt ein Performance-Vergleich der Credit Suisse. Basierend auf Daten von April 1999 bis April 2014 wurden bei der Untersuchung jene Aktien verglichen, die unter Auswahlaspekten wie Qualität, Momentum und Value im oberen Viertel aller Aktien lagen. Titel, die von mehr als 30 Sell-Side-Analysten gecovert wurden, schnitten dabei am schlechtesten ab. Die beste Performance zeigten hingegen jene Werte, mit denen sich nur ein bis zehn Analysten beschäftigten. Die Performance lag in etwa doppelt so hoch wie bei sehr häufig gecoverten Unternehmen. Lediglich in Bärenmarktphasen wie im 2002 liefen die am intensivsten beobachteten Aktien besser als der Rest.

Der Grund für die vergleichsweise schwache Kursentwicklung von intensiv durch Analysten abgedeckten Unternehmen liegt im geringen Überraschungseffekt bei diesen Aktien. Denn viel von dem, was an Ergebnissen erwartet wird, steckt schon in den Kursen drin. Dieses Ergebnis klingt auch deshalb plausibel, weil Aktien, von denen praktisch alles bekannt ist, in den Depots bereits entsprechend unter- oder übergewichtet sein dürften.

Hohe Zahl an Analysen – ein Nullsummenspiel

Auf dieses Phänomen hat auch schon Benjamin Graham, der Altmeister der Fundamentalanalyse von Aktien, hingewiesen. Aus seiner Sicht ist es nicht so, dass die Prognosen von wenig intelligenten und schlecht ausgebildeten Experten erstellt werden. Vielmehr sei eher das Gegenteil der Fall, mit der Konsequenz, dass sich die Experten in ihren Anstrengungen gegenseitig neutralisieren würden und dass es sich letztlich um ein Nullsummenspiel handle.

Die HOLT-Analysten der Credit Suisse kommen zu einer ähnlichen Erkenntnis. In einer Studie bezeichnen sie es als unwahrscheinlich, dass mit einem besonders intensiv beobachteten Titel langfristig eine bessere Entwicklung erreicht werden kann, als wenn man mit dem Gesamtmarkt geht. Speziell für Privatanleger dürfte es schwierig sein, sich bei den grossen Standardwerten einen geldwerten Wissensvorsprung erarbeiten zu können. Deutlich besser sind die Chancen hingegen bei weniger intensiv abgedeckten Titeln.

Uneinigkeit der Analysten als Kaufkriterium

Aus einer Liste mit Nebenwerten, die von weniger als zehn Analysten abgedeckt werden, und die ein tägliches Handelsvolumen von mehr als 3 Millionen Dollar und einen Börsenwert von mindestens 2 Milliarden Dollar aufweisen, billigt die Credit Suisse den Aktien von Georg Fischer (ISIN: CH0001752309) und von Bucher Industries (ISIN: CH0002432174) das grösste Kurspotenzial gemessen am abgezinsten Cashflow zu.

Bei Kauf von häufig analysierten Standardwerten raten die HOLT-Analysten der Credit Suisse, sich auf Firmen zu konzentieren, bei denen sich die Analysten bezüglich ihrer Prognosen zu den kurz- und langfristigen Aussichten möglichst uneinig sind. Diese verschiedenen Einschätzungen lassen sich an einer möglichst breiten Spanne bei den Gewinnschätzungen oder bei den Bewertungen erkennen.

Stark abweichende Einschätzungen – die Favoriten

Bei den folgenden sechs Firmen, die von mindestens 25 Analysten gecovert werden, sieht die Credit Suisse die grösste Bewertungsbandbreite: Generali S.p.A. (ISIN: IT0000062072), Antofagasta plc. (ISIN: GB0000456144), Tullow Oil plc. (ISIN: GB0001500809), Telecom Italia S.p.A. (ISIN: IT0003497168), Raiffeisen Bank International AG (ISIN: AT0000606306) und Deutsche Bank AG (ISIN: DE0005140008).

In der Schweiz scheint bei der Einschätzung der Analysten zu UBS (ISIN: CH0024899483) und Zurich Insurance Group AG (ISIN: CH0011075394) ebenfalls eine grössere Unsicherheit zu herrschen. Die beiden Finanztitel sind ebenfalls auf der Liste der Credit Suisse zu finden. Wer das Research-Paradoxon als Kaufentscheidung zugrunde legt, sieht hier Chancen.