Die verschärften Russland-Sanktionen im Rahmen des Ukraine-Konflikts sind gerade neun Monate alt – und die anfängliche Bestrafungseuphorie der westlichen Industriestaaten, insbesondere in der EU, – ist nicht mehr vorhanden. War die Meinung von Medien und Politikern in der Europäischen Gemeinschaft im Sommer 2014 noch, Russland leide stark unter den Sanktionen und werde früher oder später mit seiner Politik im Osten der Ukraine einknicken, so ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt.

Sicher: Auch Russland, insbesondere die Bevölkerung, leidet unter den Strafmassnahmen, aber vor allem EU-Staaten, und dort das grösste Mitglied Deutschland, spüren die Konsequenzen. Ein paar Beispiele. Der grösste Tapeten-Konzern Europas, die A.S. Creation Tapeten AG, verbuchte infolge des schwachen Rubel im vergangenen Jahr einen Währungsverlust von 10,4 Millionen Euro – das waren 15 Prozent des Börsenwerts des Unternehmens.

EU und Schweiz – hohe Exportrückgänge infolge Russland-Sanktion ...

Der Konsumgüterhersteller Henkel aus dem DAX meldete schon im vergangenen Jahr heftige Sanktionsfolgen und erwartet im 2015 einen negativen Sanktionseffekt auf das operative Ergebnis von rund 100 Millionen Euro. Oder Rheinmetall. Der deutsche Rüstungskonzern fordert wegen gestoppter Exporte nach Russland von der deutschen Bundesregierung eine Entschädigung von 120 Millionen Euro. Dann die Landwirtschaft. Deutsche Bauern verbuchten im vergangenen Jahr wegen der Strafaktion einen Verlust im Handel mit Russland von 600 Millionen Euro.

Zahllose Export-Schäden. Für das letzte Jahr meldet Deutschland einen Rückgang der Russland-Exporte um 18 Prozent, entsprechend einem Minus von 6,5 Milliarden Euro. Die gesamte EU dürfte auf einem Schaden im Bereich von 20 Milliarden Euro sitzen. 2015 wird es wahrscheinlich noch mehr werden, denn viele Regelungen sind erst im September in Kraft getreten.

... und die USA sind fein raus ...

Das Pikante dabei: Nach Angaben des US-Handelsministeriums lagen die Exportrückgänge des grossen Putin- und Russland-Gegners USA im 2014 nur bei 2,7 Prozent, entsprechend 300 Millionen Dollar. Die US-Exporte fielen dabei von 11,1 auf 10,8 Milliarden Dollar. Der Schaden Europas war hingegen geschätzt bald 100 Mal so hoch. Und während die USA die Exporte nach Russland in etwa stabil hielt, drosselte das Land seine Importe aus Russland um 12,5 Prozent. Die im Vergleich zu den USA sehr kleine Schweiz verbuchte übrigens einen Exportrückgang nach Russland von 10,6 Prozent, entsprechend 330 Millionen Franken oder knapp 350 Millionen Dollar.

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Anfänglich schien Russland infolge Sanktionen angeschlagen zu sein. Der Rubel war im freien Fall, die Börse Moskau rauschte in die Tiefe. Reihenweise wurde die Bonität von grossen Energie- und Bankkonzernen abgestuft, der RTX fiel zwischen September und Ende Januar um 40 Prozent von rund 1700 auf 1000 Punkte. Der Rubel war ebenfalls im freien Fall und hatte sich gegenüber dem US-Dollar zwischen Juli 2014 und Januar 2015 halbiert.

Rubel und Börse Moskau – die Lage dreht

Bei genauer Betrachtung spielten allerdings wohl eher weniger die Sanktionen eine Rolle als der tiefe Ölpreis. Die Notierung war im 2014 innert weniger Monate halbiert und brachte dem russischen Staat damit enorme Einnahmenrückgänge. Jetzt hat sich aber die Lage gedreht. Der Ölpreis notiert 30 Prozent über dem Tief vom Januar, wohl auch infolgedessen ist der Rubel um 40 Prozent gestiegen, und der RTX hat sich ebenfalls wieder auf knapp 1500 Punkte hochgearbeitet.

Auf jeden Fall spielt der gestiegene Rohölpreis Putin in die Hände und spült wieder mehr Geld in die Staatskassen. Es könnte sein, dass die Erpressungsversuche der westlichen Industrieländer dadurch zunehmend ins Leere laufen werden. Auf der anderen Seite wäre es nicht erstaunlich, wenn die grossen negativen Sanktionsfolgen, insbesondere jene für die EU und ihre Unternehmen, die politische Sanktionsfront der westlichen Industrieländer aufweichen würden. Käme es zu einer solchen Entwicklung, wären bei Rubel und Börse Moskau weitere Steigerungen zu erwarten. Aber unabhängig davon: Der RTX ist auch kurzfristig interessant, hat der Index jetzt doch den Widerstand bei 1500 Punkten erreicht. 2005 und 2009 brachte der Sprung über die Hürde schnell weitere Steigerungen im RTX auf 2000 Punkte und mehr.

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Russland-Investments für Börsianer

Mit einem Zertifikat auf den RTX (ISIN CH0016144203, Laufzeit endlos, nicht währungsgesichert) setzen Anleger breit gestreut auf dieses Szenario. Aber auch Einzelwerte sind bei steigendem Rubel-Kurs zunehmend vielversprechend, denn zu möglichen Kurssteigerungen kommen da zusätzlich noch schöne Währungsgewinne.

Gerne wird der Gasgigant in Medien als Verlierer der Russland-Sanktionen ganz vorne genannt. Doch allen Unkenrufen zum Trotz und ganz entgegen von Bonitätsabstufungen und dem Kartellverfahren der EU mit angedrohten Bussgeldzahlungen von bis zu 10 Prozent eines Jahresumsatzes wegen vermeintlicher Wettbewerbsverstösse zog es die Aktie des Konzerns aus Moskau allein im April um rund 30 Prozent nach oben. Zu den Hochs vom Sommer 2014 besitzt der Titel aber immer noch rund 50 Prozent Erholungspotenzial.

Kommt das Aus der Russland-Sanktionen, dürfte das Bankhaus mit seiner starken Marktstellung besonders profitieren, denn russische Finanztitel wurden im Rahmen der Strafaktionen vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten. Auch Sberbank notiert noch rund 50 Prozent unter dem 2014er-Hoch.

Bei diesem Telefonkonzern besteht Phantasie durch den geplanten massiven Stellenabbau in den nächsten Jahren mit einer angestrebten Steigerung der Effizienz. Im Vergleich zu den 2014er-Hochs besitzt die Aktie des Tech-Unternehmens noch Verdopplungspotenzial.