Das Münchner Oktoberfest beginnt am Samstag mit einer Premiere: Zum ersten Mal darf Dieter Reiter die Eröffnung vornehmen. Um Punkt 12:00 Uhr wird der neue Bürgermeister der bayrischen Landeshauptstadt das erste Fass anzapfen. Er wird wie seine Vorgänger versuchen, mit möglichst wenigen Schlägen das Bier zum Laufen zu bringen. Unabhängig vom Erfolg dieses Unterfangens werden bis zum Ende des grössten Volksfests der Welt am 5. Oktober wohl mehr als sechs Millionen Menschen auf die «Wiesn» strömen und dort wahrscheinlich wieder rund sieben Millionen Mass Bier trinken.

Insofern ist das Oktoberfest auch eine willkommene Plattform für zwei der drei weltweit grössten Brauereikonzerne. Die Münchner Traditionshäuser Spaten-Franziskaner und Löwenbräu liegen nämlich in der Hand der globalen Nummer eins – Anheuser-Busch Inbev. Derweil sind Paulaner und Hacker-Pschorr Teil des Portfolios von Heineken, dem weltweit drittgrössten Bierbrauer.

Niederländer winken vorerst ab

Unter Investoren löste der Sektor schon im Vorfeld der «Wiesn» Rauschzustände aus. Die Aktienkurse der drei führenden Brauereikonzerne – neben dem bereits erwähnten Duo auch von SAB Miller – erreichten historische Bestmarken. Auslöser der jüngsten Rally war nicht die Aussicht auf einen Rekordabsatz am Oktoberfest, vielmehr deutet sich in der Branche ein Showdown der seit Jahren laufenden Konsolidierungswelle an. Am Wochenende teilte Heineken mit, SAB Miller habe Kaufinteresse bekundet. Jedoch lehnten sowohl das Management als auch der Grossaktionär  das Angebot ab.

Es wird sich jedoch zeigen, ob das so bleiben wird. «SAB Miller könnte das Angebot für Heineken erhöhen», meint Michael Romer, Aktienanalyst bei J. Safra Sarasin. Da keine Details der Offerte vorliegen, sei es aber schwierig, beurteilen zu können, ob und zu welchem Preis die Heineken-Familie ihre Einstellung ändern könnte. Romer hält die Einpreisung einer Übernahmeprämie jedenfalls nicht für gerechtfertigt. «Wir bleiben bei unserem Neutral-Rating für Heineken», schreibt der Experte in einem Kommentar und verweist auf die Bewertung. In der Tat ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis 2015 im Zuge der jüngsten Rally auf rund 18 gestiegen.

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Briten unter Zugzwang

SAB Miller, global gesehen Nummer zwei, ist sogar noch höher bewertet. Dabei könnte das Unternehmen schon bald selbst zum Ziel einer Übernahmeofferte werden. Seit Monaten halten sich Spekulationen, wonach Anheuser-Busch Inbev ein Auge auf den Konkurrenten geworfen haben soll. Vor einer diesbezüglichen Übernahme wollte sich SAB Miller durch den geplanten Kauf von Heineken angeblich schützen. Nachdem nun das Angebot abgelehnt worden ist, stehen die Briten wohl weiter unter Zugzwang. Die Analysten der Credit Suisse halten es für möglich, dass sie nun ihr Glück bei Molson Coors versuchen werden. Da der in Denver beheimatete Branchenvertreter als Profiteur einer Übernahme von SAB Miller durch Anheuser-Busch Inbev gilt, machte die Aktie einen deutlichen Satz nach oben.

Von einem Kaufrausch kann hingegen bei Carlsberg nicht die Rede sein. Vielmehr verharrt der Kurs des dänischen Brauers, weltweit Nummer vier, in einer zähen Seitwärtsbewegung. Seine starke Präsenz in Russland macht ihm zu schaffen, von wo rund ein Drittel des Gewinns kommt. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftsschwäche und des Ukraine-Konflikts ist den Russen offenbar die Bierlaune vergangen. Jedenfalls musste Carlsberg vor kurzem die ursprüngliche Ergebnisprognose für 2014 streichen. Trotz vergleichweise günstiger Bewertung spricht momentan einzig die Möglichkeit, dass die Dänen in den Sog der Übernahmewelle geraten werden, für die Carlsberg-Aktie.

2013 lag die Produktionsmenge des Branchenkrösus bei 446 Millionen Hektolitern. Mehr als 70 Prozent davon lieferte der Konzern, zu dessen Portfolio bekannte Marken wie Budweiser, Stella Artois und Beck's zählen, auf dem amerikanischen Kontinent aus. Mit der Übernahme von SAB Miller könnte Anheuser-Busch Inbev die Vormachtstellung weiter zementieren und unter anderem die Präsenz in Afrika stärken. Trotz einer stattlichen Bewertung heben Analysten mehrheitlich den Daumen. Unter anderem bestätigte die UBS in dieser Woche ihre Kaufempfehlung für Anheuser-Busch Inbev.

Mit 245 Millionen Hektolitern lag der Ausstoss der Nummer zwei, weltweit, im Geschäftsjahr 2013/14 (31. März) nur um 1 Prozent über jenem der Vorperiode. Traditionell dominiert SAB Miller viele afrikanische Märkte und ist zudem in China und Australien führend. Bekannte Marken des Unternehmens sind Foster’s, Pilsner Urquell und Peroni. Die durchaus bestehende Möglichkeit, dass Anheuser-Busch Inbev eine Offerte vorlegen wird, spricht für weitere Avancen der SAB-Miller-Aktie.

Mit einem 2013er-Biervolumen von 178 Millionen Hektolitern ist der niederländische Konzern weltweit Nummer drei. Gut ein Fünftel der produzierten Menge wird in Westeuropa getrunken. In der Schweiz ist Heineken mit 13 Marken vertreten. Dazu zählen die Traditionsbrauer Eichhof, Ziegelhof und Haldengut. Die Offerte von SAB Miller konnte der Konzern aus einer Position der operativen Stärke heraus ablehnen: Heineken übertraf im ersten Halbjahr die Ergebniserwartungen und kommt zudem bei einem Sparprogramm schneller als geplant voran.

Der US-Brauer hat seinen Ausstoss seit 2009 im Schnitt jährlich um 12 Prozent erhöht. 2013 lag die Produktionsmenge bei knapp 700'000 Hektolitern. Zu den internationalen Marken zählen Coors Light, Blue Moon und Carling. Für Investoren ist das Unternehmen momentan durch ein gemeinsam mit SAB Miller betriebenes Joint Venture interessant. 2008 hoben die Partner MillerCoors aus der Taufe, um Anheuser-Busch Inbev in den USA die Stirn zu bieten. Das Szenario: Sollte SAB Miller vom Branchenkrösus geschluckt werden, könnte Molson Coors das Gemeinschaftsunternehmen komplett übernehmen. Der Konzern würde damit nicht nur grössenmässig einen Sprung machen, sondern auch vollumfänglich vom für 2016 geplanten Break Even bei MillerCoors profitieren.

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