Der US-Aktienmarkt hat ein Allzeithoch erreicht. Was erwarten Sie: Wird der Markt in den nächsten Monaten noch zulegen? 
Sandra Crawl*: Der US-Aktienmarkt hat trotz offensichtlicher Probleme seinen Anstieg fortgesetzt und das hat einen wesentlichen Grund: Die Realzinsen sind inzwischen negativ. Die Finanzierungskosten für Unternehmen und Haushalte stützen die jüngste Erholung am Wohnimmobilienmarkt, sorgen für eine äusserst rege Fusions- und Übernahmetätigkeit und veranlassen viele Unternehmen dazu, ihre eigenen Aktien zurückzukaufen. Das dürfte den Bewertungen zugutekommen. Obwohl wir in nächster Zeit mit einer gewissen Neubewertung der Inflationserwartungen in der US-Zinskurve rechnen, dürften die Zinsen im historischen Vergleich niedrig bleiben. Dies veranlasst langfristige Anleger zu einer ständigen Allokation in Aktien, um die hohen Bewertungen und niedrigen Renditen von Kernstaatsanleihen zu kompensieren. In einigen Sektoren des S&P sind wir jedoch vorsichtig. Selektive Investitionen in Internet, Technologie und Gesundheitswesen mit langfristiges Wachstum und Gewinntransparenz sowie bestimmte Energieunternehmen mit geringer Verschuldung, positiven Produktionsprofilen und guter Eigenkapitalrendite sind vielversprechend.

Welche Sektoren würden am meisten profitieren, falls Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wird? Und welche Sektoren wären das bei einem Wahlsieg von Hillary Clinton?
Es ist schwer vorhersagen, welche Wahlversprechen tatsächlich umgesetzt werden. Beide Kandidaten haben Pläne für umfassende Infrastrukturausgaben, von denen Zementhersteller und die Baubranche profitieren dürften. Während Clinton eine klare Agenda im Bereich erneuerbare Energien verfolgt, gibt Trump einer verstärkten Exploration den Vorzug - wovon Energieproduzenten generell profitieren würden. Sie bevorzugt einen Mindestlohn, der den Konsumgütersektoren zugutekommen dürfte, er verspricht dagegen vorübergehende Steuererleichterungen für Unternehmen, die ihre Gewinne wieder in den USA versteuern. Falls diese Reformvorhaben verwirklicht werden, dürften multinationale Internet- und Technologieunternehmen davon am meisten profitieren.

China steht zahlreichen Problemen gegenüber, die von den Anlegern mit Sorge betrachtet werden. Sind diese Befürchtungen berechtigt?
Die Verschuldung der Unternehmen, die Überkapazitäten des Grundstoffsektors und die Abkühlung des Konsumgütersektors sind derzeit die grössten Probleme. Der nachlassende Konsum und die Überkapazitäten der Industrie sorgen für Deflationsdruck und dämpfen den internationalen Handel. Das Problem der Unternehmensverschuldung wurde inzwischen teilweise gelöst, da ein Teil der US-Dollar-Schulden zurückgezahlt wurde. Da dank der geringeren Inflationsrate mehr Spielraum für Zinssenkungen im Jahr 2017 besteht, dürften die Lasten der Fremdfinanzierung insgesamt nachlassen – eine wichtige positive Entwicklung. 

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In Brasilien hat sich der Aktienmarkt seit Jahresbeginn hervorragend entwickelt. Lohnen sich Anlagen im Bovespa nach wie vor?
Der Aktienmarkt ist etwas über das Ziel hinausgeschossen. Aus fundamentaler Sicht befindet sich Brasilien nach wie vor in einer schweren Rezession, und vor der Entscheidung im Amtsenthebungsverfahren bleibt die politische Lage weiterhin unklar. Wir gehen jedoch davon aus, dass sich die fortgesetzte Verbesserung der Leistungsbilanz, das verringerte Haushaltsdefizit, die geringere Inflation und die klare Anforderung an den Übergangspräsidenten Michael Temer, Reformen voranzutreiben, 2017 am brasilianischen Aktienmarkt auszahlen werden.

Welche Schwellenmärkte bevorzugen Sie derzeit besonders?
Wir bevorzugen das Wachstumsumfeld in Indien und Mexiko (Finanzwesen, zyklische Konsumgüter und Telekommunikation) und innovative Sektoren in China (Versicherungen, Internet, Elektrofahrzeuge). Unter den Frontier Markets gefallen uns besonders Argentinien, die Philippinen und Kolumbien.

  *Sandra Crowl ist Portfolio Advisor bei Carmignac.