Es scheint sich eine Wende abzuzeichnen: Seit Anfang Jahr kaufen Investoren verstärkt Schwellenländer-Aktien, die dortigen Börsen boomen. Der brasilianische Aktienindex Bovespa etwa hat seit dem Jahresbeginn um rund 34 Prozent zugelegt, der indonesische Jakarta Composite Index um 16 Prozent. Zum Vergleich: Der Schweizer Leitindex SMI verlor seit Anfang Januar mehr als 7 Prozent. Die UBS hat Aktien aus Schwellenländern zuletzt übergewichtet – und hält sie für attraktiver als Valoren aus der Schweiz.

Das war lange ganz anders: Seit dem Jahr 2011 sanken Schwellenländer, die einstigen Hoffnungsträger der Weltwirtschaft, in der Gunst der Anleger. Emerging-Markets-Aktien brachten hauptsächlich Verluste oder warfen zumindest keinen Gewinn mehr ab, die Wirtschaft in den lange Zeit so starken Wachstumsmärkten schwächelte. Dazu kamen politische Krisen und Turbulenzen in Ländern wie Brasilien. Rohstoffpreise im freien Fall machten Energieexporteuren wie Russland zu schaffen.

Positive Sicht zu Indonesien, Brasilien und Indien

Tatsächlich können Anleger nach Einschätzung von Analysten in Schwellenländern heute wieder auf Rendite hoffen. Sowohl wirtschaftliche Frühindikatoren als auch Wachstumsprognosen stimmen optimistisch. Allerdings sind nicht alle Emerging Markets gleich. Wer dort investiert, geht ein hohes Risiko ein – und sollte sich auf einzelne Länder beschränken. «Das wiedererwachte Interesse der internationalen Investoren beruht zumeist weniger auf eigener Stärke der Schwellenländer, sondern vor allem auf der lockeren Geldpolitik und auf sinkenden Zinsen in den Schwellenländern selbst», warnt Maarten-Jan Bakkum, Anlagestratege beim Fondsanbieter NN Investment Partners. Nach Jahren stetigen Abschwungs dürften davon insbesondere die dortigen Aktienmärkte profitieren, erwartet er.

Einige Länder seien aber durchaus auch aus fundamentaler Sicht interessant. Dazu gehöre etwa Indonesien: Das Land habe bereits in den zurückliegenden Jahren eine umsichtige Geld- und Wirtschaftspolitik verfolgt, sodass es jetzt besonders viel Kapital anziehe, sagt Bakkum. «Als eines der wenigen Schwellenländer hebt sich Indonesien auch durch hohe Infrastrukturinvestitionen und durch gleichzeitigen Abbau der Bürokratie hervor, was die Rahmenbedingungen für das Wirtschaftswachstum deutlich verbessert», sagt Bakkum. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds wird die indonesische Wirtschaft in diesem Jahr um fast 5 Prozent wachsen.

Auch in Brasilien sei nach zwei Jahren der Rezession wieder Licht am Ende des Tunnels erkennbar, sagt Michael Bolliger, Leiter Anlagestrategie für Emerging Markets bei der UBS. «Die gute Wertentwicklung am Aktienmarkt wird sich wohl weiter fortsetzen, wenn das Wachstum in den kommenden zwei Jahren wie erwartet weiter anziehen wird», sagt Bolliger. Die bessere Wirtschaftslage im Olympia-Gastgeberland schlage sich auch in den Unternehmensgewinnen nieder. Eine ähnlich positive Einschätzung hat Bolliger für Indien: «Das Land hat zwei schwierige Quartale hinter sich, wird aber in den kommenden Jahren das am stärksten wachsende Land unter den 50 grössten Volkswirtschaften der Erde sein», prognostiziert er. Zudem sei die Regierung unter Premierminister Narendra Modi dabei, wichtige Reformen umzusetzen, die etwa den Handel vereinfachen. «Das dürfte zusätzlichen Schub geben», so Bolliger.

Optimistische Sicht auf Schwellenländer

Generell blickt der Anlagestratege derzeit optimistisch auf die Schwellenländer: Die anziehenden Rohstoffpreise sorgten für Rückenwind, und das Wachstum erhole sich nicht nur in China, sondern fast flächendeckend. «Zudem wird jetzt wahrscheinlich die Erholungsphase nachhaltiger ausfallen als in den vergangenen Jahren.» Bei der Aktienauswahl sollten sich Anleger allerdings nicht auf bestimmte Branchen, sondern auf Länder, konzentrieren, empfiehlt Bolliger: «In Emerging Markets korrelieren die einzelnen Sektoren innerhalb eines Landes oft sehr stark miteinander, sodass es im Fall eines Auf- oder Abschwungs keine klaren Gewinner und Verlierer gibt.»

Bei allem Optimismus sollten Anleger sich eines vor Augen halten: Die Konjunkturentwicklung in den Schwellenländern hängt in einem hohen Mass von den geldpolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den Industriestaaten ab. Auch die Rohstoffmärkte beeinflussen, wohin es in den rohstoffexportierenden Ländern geht. Ein besonders grosses Risiko stellen Analysten zufolge die nächsten Schachzüge der US-Notenbank Fed dar: Sollte sie die Zinsen erhöhen, dürfte das den US-Dollar stärken, was traditionell schlecht für Schwellenländer-Anlagen ist. Neben der Geldpolitik der Fed gibt es noch weitere Unsicherheitsfaktoren. Nicht zuletzt haben Schwellenländer in den vergangenen Jahren immer wieder Höhenflüge erlebt und sind danach erneut abgestürzt. Anleger sollten also genau hinschauen, bevor sie in Emerging Markets investieren – und vor allem breitgestreut anlegen, um das Risiko zu verringern.

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