Am Tag nach dem überraschenden Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl kamen nicht nur die Kurse an den Aktienbörsen weltweit unter Druck. Auch die internationalen Obligationenmärkte blieben nicht verschont: Nach dem Wahlsieg des Republikaners begann ein scharfer Renditeanstien bei Anleihen in den USA, im asiatisch-pazifischen Raum und in Europa. Auch Anleihen aus Emerging Markets wie Brasilien, Argentinien und Mexiko verzeichneten kräftige Renditeanstiege, während die Kurse im Gegenzug abwärts rauschten.

Das Ergebnis der US-Wahl bereitet Schwellenländer-Investoren besonders viel Kopfzerbrechen. Dafür gibt es gute Gründe: Sofern Trump seine Ankündigungen aus dem Wahlkampf tatsächlich umsetzt, hätte das für Emerging Markets negative Konsequenzen. Vor allem für exportorientierte Länder wäre eine protektionistischere Handelspolitik der USA mit höheren Zöllen eine Katastrophe.

Schwellenland nicht gleich Schwellenland

Dennoch bieten Schwellenländerobligationen Investoren immer noch attraktive Chancen, sind Marktbeobachter überzeugt. Sie betonen schon seit Jahren, dass das Universum der Emerging Markets ebenso gross wie inhomogen ist. Anleger sollten Schwellenländer also nicht über einen Kamm scheren, sondern selektiv vorgehen und jedes Land einzeln betrachten, wenn sie erfolgreich investieren wollen.

In den vergangenen Monaten hat die Geldpolitik der Notenbanken Schwellenländerobligationen immer wieder Schub gegeben. Extrem niedrige Zinsen und Anleihekaufprogramme der Zentralbanken drückten massiv auf die Erträge von Obligationen aus Industriestaaten. Anleiheinvestoren mussten sich also anderswo umsehen, wenn sie auskömmliche Renditen erzielen wollten. Viele Titel aus Emerging Markets bieten immer noch vergleichsweise hohe Renditen.

Südamerikanische Schwellenländer bleiben attraktiv

Aus Sicht von Marktbeobachtern sind derzeit insbesondere Obligationen aus südamerikanischen Schwellenländern interessant. Christian DiClementi, Fondsmanager des AB Emerging Markets Debt Portfolio, hat derzeit brasilianische und argentinische Titel in seinem Portfolio übergewichtet: «Beide Länder befinden sich in einem Reformprozess, nehmen strukturelle und finanzpolitische Änderungen vor», sagt DiClementi. Wenn der Reformprozess gelinge, hätten Brasilien und Argentinien das Fundament für ein nachhaltiges Wachstum in der Zukunft gelegt.

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Bei Titeln aus Brasilien ist allerdings unsicher, wie weit es noch aufwärts geht: Denn die brasilianischen Anleihemärkte haben andere Schwellenländer im bisherigen Jahresverlauf schon weit übertroffen, trotz anhaltender Spannungen rund um die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff. Je nach Laufzeitende bieten brasilianische Staatsanleihen auch jetzt noch Renditen im niedrigen zweistelligen Bereich. «Auf eine Wiederholung der ausserordentlichen Gewinne von Anfang des Jahres zu hoffen, ist vielleicht etwas vermessen», sagt Denise Prime, Investmentmanagerin beim Fondsanbieter GAM. Dennoch sind aus ihrer Sicht auch im Jahr 2017 attraktive Gesamterträge mit Obligationen aus Brasilien möglich.

Mexiko und China meiden

Obligationen aus Mexiko oder China sollten Anleger dagegen meiden, solange nicht feststeht, wie Donald Trump als US-Präsident regieren wird. Diese beiden Schwellenländer wären von einer protektionistischen US-Handelspolitik besonders betroffen. «Wenn Protektionismus in den USA tatsächlich zur Regel wird, sollten Anleiheinvestoren sich auf Länder fokussieren, die weniger abhängig vom globalen Handel sind», rät Sébastien Thénard, Fondsmanager des Natixis Global Emerging Bonds. Dazu zählten vor allem Russland und Indien. «Auch osteuropäische Staaten, die hauptsächlich in der Eurozone Geschäfte machen, sollten sich als stabil erweisen», sagt Brigitte Lebris, Head of Emerging Markets Debt and Currencies bei Natixis.

Bei aller Unsicherheit sollten Schwellenländeranleihe-Investoren zunächst also einen kühlen Kopf bewahren. Nach der US-Wahl dürfte es Gewinner und Verlierer unter den Emerging Markets geben. Gelegenheiten, soviel immerhin scheint sicher, dürfte es in den kommenden Monaten aber weiterhin geben – egal, welche Politik der künftige US-Präsident verfolgt.

 

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