Laut Duden steht das Wort «smart» im Deutschen für «clever» oder «gewitzt». Diese Bedeutung macht sich seit einiger Zeit der Finanzsektor zunutze. Immer häufiger sind Exchange Traded Funds (ETF) mit dem Etikett Smart Beta versehen. Beta gibt als gängige Kennzahl die Sensitivität eines Investments in Relation zum breiten Markt an. Angenommen, sie beträgt bei einer SMI-Aktie eins. Dann entsprechen die Kursausschläge dieses Blue Chips exakt denjenigen des heimischen Leitindex. Insofern verspricht das Label Smart Beta – alternativ ist auch von Strategic Beta die Rede – Anlageformen, die «klüger» sind als der Gesamtmarkt.

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Um dieses Ziel zu erreichen, legen die Finanzhäuser an der traditionellen Bauweise von Börsenindizes Hand an. Das Gros der Benchmarks ist seit jeher nach der Marktkapitalisierung ihrer Bestandteile gewichtet. Dadurch kann es zu einer übermässigen Abhängigkeit von einzelnen Aktien oder Sektoren kommen. Fallen die Schwergewichte bei den Investoren unten durch, droht der gesamte Index mit in den Abwärtsstrudel zu geraten. Um ein solches Klumpenrisiko zu umgehen, respektive das Chance-Risiko-Profil einer passiven Anlage zu verbessern, setzen Smart Beta-Benchmarks auf alternative Kriterien. Dabei stehen Faktoren wie Volatilität, Bewertung, Gewinnwachstum oder Dividendenrendite im Fokus.

Hohe Mittelzuflüsse

Nicht alle Börsianer teilen die Begeisterung für eine derartige Vorgehensweise. Kritiker monieren, dass es schlicht unmöglich sei, klüger als der Markt zu sein. Nicht von der Hand gewiesen werden, kann das Argument, wonach die Gefahr besteht, dass die ETF-Branche mit immer komplexeren Benchmarks ihre Kernkompetenzen verwässert. Börsengehandelte Indexfonds punkten mit einer einfachen Bau- und Funktionsweise bei den Investoren. Ungeachtet dessen verzeichnet das Smart-Beta-Segment hohe Wachstumsraten. Allein von Januar bis April 2016 sammelten die mit diesem Etikett versehenen Indexfonds in Europa mehr als 2,5 Milliarden Franken ein. Derweil verzeichneten Aktien-ETFs als Ganzes Mittelabflüsse.

Besonders beliebt sind risikoreduzierte Benchmarks. Solche Indizes konzentrieren sich auf Aktien mit einer vergleichsweise tiefen Kursschwankungsbreite. Mit dem S&P 500 Minimum Volatility ETF (ISIN: IE00B6SPMN59) von iShares ist ein absolutes Schwergewicht des Segments an der SIX kotiert. Laut Deutsche Bank Markets Research haben Investoren allein in den ersten vier Monaten des Jahres mehr als 800 Millionen Franken an frischem Kapital in diesen Fonds gesteckt. In der Benchmark sind die Aktien aus dem S&P 500 enthalten, welche die tiefste Volatilität zeigen. Allerdings achtet die Methodik strikt darauf, dass die Charakteristika des US-Leitindex, wie etwa seine Branchengewichtung, erhalten bleiben. Aktuell umfasst der S&P 500 Minimum Volatility Index 95 Mitglieder. Als die Kurse an der Wall Street in den vergangenen Monaten besonders stark ausgeschlagen haben, machte sich die Risikoreduzierung bezahlt: Der Smart-Beta-Gradmesser konnte seinen langfristigen Vorsprung gegenüber dem traditionellen S&P 500 im bisherigen Jahresverlauf ausbauen.

Smart Beta im Derivatemarkt …

Keine Anwendung fand das Minimum-Volatilitäts-Konzept bis vor Kurzem am heimischen Aktienmarkt. In diese Lücke stiess nun die UBS mit ihrem K Switzerland Low Volatility Index vor. Allerdings packt die Grossbank die neue Benchmark nicht in den ETF-Mantel. Vielmehr wagte sich die Derivatesparte in das Smart-Beta-Areal. Den Fundus für den neuen Index bilden die 300 Schweizer Börsengesellschaften mit der höchsten Marktkapitalisierung. Aus dieser Grundmenge werden die 20 Aktien ausgewählt, welche über einen Zeitraum von 90 Tagen die geringste Volatilität aufweisen. Auch die Gewichtung ist an die Risikokennziffer gekoppelt. Je schwankungsärmer sich ein Papier im Vergleich zu den anderen Valoren präsentiert, desto grösser ist sein Anteil.

Entsprechend haben in der Startaufstellung nicht die Schwergewichte des heimischen Aktienmarktes – Nestlé, Novartis und Roche – den Ton angegeben. Vielmehr dominierte mit den Immobilientiteln PSP und Swiss Prime Site ein Duo aus der zweiten Börsenreihe. Kurzfristig betrachtet, geht das Konzept auf. Während der SMI auf Sicht von einem Jahr um mehr als 9 Prozent im Minus notiert, verteuerte sich der K Switzerland Low Volatility Index um knapp einen Zehntel. Mit einem Tracker-Zertifikat (ISIN: CH0310380933) können Anleger darauf setzen, dass es bei dieser Outperformance bleibt.

… und grosses Gewicht der Schweizer Titel

Die Erzielung einer Überrendite gegenüber dem breiten Markt schreibt sich auch Source beim ETF (ISIN: IE00BMW3NY56) auf den Equity Factor Index Europe auf die Fahnen. Diese Benchmark stammt aus der Feder von Goldman Sachs. Die US-Grossbank macht sich anhand folgender Kriterien auf die Suche nach aussichtsreichen Aktien: Grösse, Value, Dynamik, Qualität und niedriges Beta. Aktuell dominieren britische Unternehmen mit einem Anteil von 24,5 Prozent den Goldman Sachs Equity Factor Index Europe.

Auf dem zweiten Rang folgt die Schweiz. Heimische Valoren steuern 15,4 Prozent bei und sind mit Actelion und Novartis unter den zehn Schwergewichten vertreten. Auch bei diesem Produkt greift das smarte Kalkül bis dato. Seit der Auflage im Januar 2015 verteuerte sich der ETF um mehr als 14 Prozent. Zum Vergleich: Der marktbreite STOXX Europe 600 Index kam im selben Zeitraum um 9,3 Prozent voran. Dank dieses Resultats wurde das Produkt zu einem Smart-Beta-Schwergewicht. Aktuell verwaltet Source 674 Millionen Franken in diesem Fonds.

Qualität aus den USA

Deutlich kleinere Brötchen backt die ETF-Sparte der UBS mit ihren acht verschiedenen Faktor-Strategien. In den dreistelligen Millionen-Franken-Bereich schafft es lediglich der Fonds (ISIN: IE00BX7RRN62) auf den Factor MSCI USA Quality hedged Index. Dieser Ansatz macht sich im Large- und Mid-Cap-Segment des US-Aktienmarktes systematisch auf die Suche nach Qualitätstiteln. Laut Indexanbieter MSCI kommen Unternehmen in Frage, die eine hohe Eigenkapitalrendite mit stabilen Gewinnwachstumsraten sowie einem tiefen Verschuldungsgrad kombinieren. Per Ende Mai hat der Healthcare-Konzern Johnson & Johnson die Rolle des Schwergewichts eingenommen. Auf die nachfolgenden Plätze sind die Technologieriesen Microsoft und Apple gekommen.

Bezahlt gemacht hat sich der Qualitätsansatz bisher vor allem in Abwärtsphasen. Zwar ist der Quality Index im Krisenjahr 2008 um 30 Prozent eingebrochen, für den nach klassischem Muster gestrickten MSCI USA setzte es jedoch ein Minus von mehr als 37 Prozent. Nicht zuletzt wegen dieser Robustheit hängt der Faktor-Ansatz den klassischen Wall-Street-Gradmesser im langfristigen Vergleich ab. Fazit: Smart-Beta-Strategien sind weniger für kurzfristige Spekulationen, als vielmehr zur dauerhaften Depotbeimischung geeignet.