Fussballfans, die sich gleichzeitig auch für die Börse interessieren, müssen am kommenden Dienstag zweigleisig fahren. Um 22:00 Uhr ertönt im brasilianischen Belo Horizonte der Anpfiff für das Halbfinale der Weltmeisterschaft. Praktisch zeitgleich läutet an der Wall Street der Aluminiumkonzern Alcoa die nächste Quartalssaison ein. Während beim Fussball-Match bei Redaktionsschluss die beteiligten Mannschaften noch nicht festgestanden sind, liegen die Erwartungen an die «Earnings Season» der Unternehmen schwarz auf weiss vor.

Analysten rechnen im Schnitt damit, dass die Mitglieder des S&P 500 ihren Gewinn im zweiten Quartal um 5,1 Prozent gesteigert haben. Das geht aus einer Auswertung von Factset hervor. Behält der Datendienstleister Recht, hätte der US-Unternehmenssektor nach einem durch den strengen Winter gebremsten Jahresauftakt aufs Tempo gedrückt. Von Januar bis März lag das Ergebnisplus bei moderaten 2,1 Prozent. Vor diesem Hintergrund überrascht die Kauflaune an der Wall Street nicht. Im ersten Halbjahr legte der S&P 500 um 6,5 Prozent zu. Damit führt New York das Ranking der wichtigsten Börsenplätze an.

SMI – wieder deutliches Gewinnwachstum im 2015

Auch hinsichtlich der Gewinnrevisionen heben sich die USA ab. Seit dem 31. März gab der Konsens für das im zweiten Quartal erwartete Ergebnis beim S&P 500 lediglich um 1,5 Prozent nach. «Das ist der geringste prozentuale Rückgang innerhalb eines Vierteljahres seit dem ersten Quartal 2011», stellen die Analysten von Factset fest. Kurzfristig verzeichnete der S&P 500 sogar eine positive Revision. Hingegen setzten Analysten in Europa mehrheitlich den Rotstift an. Laut einer Analyse der Deutschen Bank liegt die 2014er-Gewinnschätzung für den marktbreiten STOXX Europe 600 um 3 Prozent unter dem Ende März erwarteten Wert.

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Der SMI reiht sich hier mit einem Abschlag von 3,4 Prozent nahtlos ein. Hauptverantwortlich für den Rückgang ist die Credit Suisse. Der für die Grossbank 2014 erwartete Gewinn je Aktie schrumpfte um mehr als einen Fünftel. Angehoben haben die Experten ihre Prognosen hingegen vor allem bei relativ kleinen Werten, allen voran bei Actelion. Zuletzt liess aber der Korrekturdruck für die Berichtssaison nach. Auf Sicht von vier Wochen fiel der Konsens für den SMI um weniger als 1 Prozent. Hier wirkten sich die steigenden Gewinnschätzungen bei den Schwergewichten Nestlé und Novartis aus. Dem Index als Ganzes traut die Analystenzunft im laufenden Jahr nur ein kleines Ergebnisplus von 2,5 Prozent zu. 2015 soll die Gewinnmaschine aber wieder ins Laufen kommen. Dann wird der Markt ein Wachstum von mehr als 11 Prozent auf dem Zettel haben.

Berichtssaison im SMI: In zwei Wochen wird es richtig spannend

In den kommenden Wochen dürfte sich zeigen, ob die Experten richtig liegen. Neben den im abgelaufenen Quartal erzielten Resultaten spielen die Ausblicke eine wichtige Rolle. Dabei dürften Währungseinflüsse, die konjunkturelle Entwicklung in Europa sowie der Geschäftsverlauf in den Emerging Markets bestimmende Themen sein. Während die Berichtssaison an der Wall Street schon jetzt Fahrt aufnimmt, rollt sie in der Schweiz nur langsam an.

Ab Mitte Monat geht es aber Schlag auf Schlag. Beispielsweise präsentieren am 17. Juli mit Givaudan, SGS und Novartis drei SMI-Mitglieder ihre Zahlen. In der Woche darauf folgen Julius Bär, Credit Suisse, Actelion, ABB, Syngenta und Roche. Auf den grössten Konzern der Schweiz müssen Anleger bis zum 7. August warten. Dann legt Nestlé die Semesterbilanz vor. An der Börse ist damit auch nach dem Ende der Fussball-WM noch für jede Menge Spannung gesorgt.

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Berichtssaison – wo Chancen stecken

Am 8. Juli läutet der Aluminiumkonzern nach Börsenschluss an der Wall Street die «Earnings Season» ein. Nachdem das Unternehmen Anfang Jahr einen Gewinnrückgang verbuchte, erwarten Analysten eine deutliche Besserung. Im Schnitt sagen sie für das abgelaufene Quartal einen Ergebnissprung von knapp drei Vierteln voraus. Investoren scheinen dem Konsens Glauben zu schenken: Die Alcoa-Aktie verteuerte sich im laufenden Jahr um knapp 40 Prozent.

Am 21. Juli nach Börsenschluss ist es wieder so weit: Dann sorgt Apple für einen Höhepunkt der US-Berichtssaison. Mit Argusaugen werden die Analysten darauf achten, ob es dem Technologiekonzern tatsächlich gelingen kann, im Geschäftsjahr 2013/14 beim Gewinn auf die Wachstumsspur zurückzukehren. Analysten heben mehrheitlich den Daumen. Knapp drei Viertel aller Studien münden in eine Kaufempfehlung.

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Von Januar bis März gab der Überschuss der Grossbank um einen Drittel auf 859 Millionen Franken nach. Damit sorgte die Credit Suisse für eine herbe Enttäuschung, da der Konsens bei weit mehr als einer Milliarde Franken gelegen hatte. Zwar haben die Analysten ihre Ergebnisschätzungen in der Zwischenzeit deutlich zurückgeschraubt, dennoch sollten nur mutige Anleger darauf setzen, dass die Credit Suisse am 22. Juli mit den Semesterzahlen überzeugen kann.

Das Nestlé-Modell sieht langfristig ein organisches Umsatzwachstum von 5 bis 6 Prozent vor. Nachdem der Lebensmittelkonzern bereits 2013 unter diesem Korridor abtauchte, verfehlte er die Zielsetzung auch im ersten Quartal des laufenden Jahres. Am 7. August wird CEO Paul Bulcke erstmals auch Gewinnzahlen für 2014 präsentieren – was dem Zwischenbericht zusätzliche Brisanz verleiht.

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