Totgesagte leben länger – so liesse sich die jüngste Entwicklung der impliziten Volatilität trefflich beschreiben. Diese Kennzahl steht für die über einen gewissen Zeitraum erwartete Kursschwankungsbreite eines Wertpapiers. Insbesondere bei Aktien lag die Volatilität in den vergangenen Monaten auf einem extrem tiefen Niveau. Der VSMI beispielsweise, der die Volatilität des SMI anzeigt, notierte mit rund 10,0 Prozent Mitte Juni auf dem tiefsten Niveau seit 2005.

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Experten führten die geringe Volatilität unter anderem auf die Geldpolitik zurück. Durch ihre ungemein expansive Ausrichtung würden die Zentralbanken die Marktgesetze ein Stück weit ausser Kraft setzen und die Investoren in immer risikoreichere Assets drängen. Ein Irrtum, wie das jüngste Börsengewitter zeigt. Die scharfe Korrektur am Aktienmarkt zog einen sprunghaften Anstieg der impliziten Volatilität nach sich. Innert eines Monats schoss der VSMI um mehr als 40 Prozent nach oben.

Profi-Strategien mit strukturierten Produkten

Die im Fachjargon als «Mean Reversion» bezeichnete Annäherung an den historischen Mittelwert lässt Fans der Schreiberstrategie aufhorchen. Bei dieser unter Profis gängigen Praxis verkauft – unter Börsianern heisst das «schreibt» – der Anleger eine Option, zu deren zentralen Preisparametern die implizite Volatilität zählt.

Dabei gilt: Je höher die erwartete Schwankungsbreite, desto höher fällt die Optionsprämie aus. Was insbesondere Profis, vor allem an der Terminbörse Eurex, mit sogenannten Stillhaltern machen, lässt sich auch mit einigen strukturierten Produkten umsetzen.

Grosse Kursschwankungen – grosse Renditen

Besonders gezielt ist das mit Discount-Zertifikaten möglich. Der Inhaber eines solchen Vehikels nimmt nur bis zum Höchstbetrag an Zugewinnen beim Basiswert teil. Im Gegenzug räumt ihm der Emittent einen Rabatt – den Discount – auf den Kurs der zugrunde liegenden Aktie ein. Dadurch ist das Kapital in einem gewissen Umfang vor Verlusten geschützt. Ausserdem sind selbst bei einer stabilen Kursentwicklung attraktive Renditen möglich.

Um dieses Auszahlungsprofil zu erreichen, verkauft der Anleger indirekt über den Emittenten eine Option auf den jeweiligen Basiswert, deren Strike dem Höchstbetrag entspricht. Aktien mit einer ausgeprägten Volatilität ermöglichen wegen der höheren Optionsprämie dann auch eine höhere Renditechance respektive mehr Risikopuffer als schwankungsarme Titel. Aus gutem Grund: Der Anleger nimmt bei solchen schwankungsfreudigen Basiswerten ein grösseres Risiko in Kauf, was mit höheren Risikoprämien vergütet wird.

Stillhalter mit Discount-Zertifikat und Barriere Reverse Convertible

Während Discount-Zertifikate in Deutschland zu den gängigsten Anlageprodukten zählen, sind sie in der Schweiz weniger stark verbreitet. Hierzulande bevorzugen Investoren den Barrier Reverse Convertible (BRC). Strukturell besteht kein Unterschied, auch bei diesem Instrument handelt es sich um eine Schreiberstrategie. Der Emittent gibt jedoch die Optionsprämie über einen garantierten Coupon an den Anleger weiter. Gleichzeitig ist der Nominalwert durch eine vorab fixierte Barriere teilgeschützt. Ein Vorteil des Discount-Zertifikats liegt darin, dass sich das Chance-/Risikoprofil über den Höchstbetrag steuern lässt.

Ein Beispiel: Kürzlich hat die UBS ein Rabattpapier auf Actelion emittiert. Der Biotechtitel zählt mit einer Volatilität von rund 25 Prozent – das ist in etwa doppelt so viel wie im SMI – zu den Mitgliedern im Index mit der höchsten Schwankungsfreudigkeit. Mit 112.50 Franken liegt der Cap rund 7 Prozent über dem Aktienkurs. Da der Anleger mit einem Discount von 4,8 Prozent einsteigt, wirft das Produkt eine Seitwärtstrendite von 5,8 Prozent im Jahr ab. Klettert Actelion bis zum Verfall auf den Höchstbetrag, endet das Investment mit einem Plus von mehr als 14 Prozent p.a.

Für Risikoscheue – geringere Rendite, dafür mehr Sicherheit

Maximal 7,7 Prozent p.a sind möglich, wenn der Cap bei 99 Franken platziert ist. Gerade für risikoscheue Anleger lohnt sich der Verzicht auf Mehrrendite durch einen höheren Cap. Zum einen darf Actelion um mehr als 6 Prozent nachgeben, ohne dass die Rendite dadurch gefährdet wird. Ausserdem bekommt der Anleger hier einen prozentual zweistelligen Discount eingeräumt. Dadurch liegt die Kursschwelle, ab der das Investment zum Laufzeitende in die roten Zahlen rutscht, bei 93.50 Franken. Beim erstgenannten Pendant kommt es hingegen bereits zu roten Zahlen, sobald Actelion unter die Marke von 100.10 Franken abtaucht.

Dieses Zertifikat der UBS stellt eine Seitwärtsrendite von knapp 6 Prozent p.a. in Aussicht. Der Discount von 4,8 Prozent kommt einem Risikopuffer gleich. Wenn Actelion am 19. Juni 2015 nicht unter den Briefkurs des Zertifikats fällt, endet das Investment – Kosten exklusive – zumindest mit einer schwarzen Null.

Barrier Reverse Convertible auf Meyer Burger (ISIN CH0246030834)

Zweistellige Coupons haben bei BRC mit einem Basiswert Seltenheitswert. Eine solche Ausnahme stellt dieses Zeichnungsprodukt von Julius Bär dar. Es bringt eine garantierte Ausschüttung von 11,50 Prozent p.a. mit. Möglich ist dies nur aufgrund der extremen Kursausschläge der Meyer-Burger-Aktie. Die Volatilität der Technologiegruppe liegt nämlich bei 41 Prozent. Der Solarausrüster legte 2014 zunächst um mehr als 80 Prozent zu und brach danach bis unter das Vorjahresultimo ein. Vor diesem Hintergrund relativiert sich der für einen Teilschutz des Nominalwertes sorgende Risikopuffer von 40 Prozent.

Während der breite Aktienmarkt korrigierte, brach Helvetia zuletzt nach oben aus einem kurzfristigen Abwärtstrend aus. Das Discount-Zertifikat bietet die Möglichkeit, auf einen stabilen Verlauf des Assekuranztitels zu setzen. Geht der Nebenwert am 20. Juli 2015 bei 455 Franken oder höher aus dem Handel, ist die Maximalrendite von 9,7 Prozent p.a. fix. Die ZKB preist aktuell einen Discount von 6,6 Prozent in das Zertifikat ein.

Dieses Produkt notiert etwas im Geld. Das heisst, der Cap liegt mit 255 Franken knapp unterhalb der Notierung des Pharmatitels. Wenn Roche die Laufzeit auf oder über dem Höchstbetrag beendet, wirft das Zertifikat der UBS die Maximalrendite von 8,20 Prozent p.a. ab. Der Discount beläuft sich aktuell auf rund 7 Prozent.