Ja wo sind sie denn? Viele Börsianer sind genervt und stellen sich tagaus tagein diese eine Frage. Wo sind sie denn – die Prognosen des Managements von Unternehmen zum laufenden Geschäftsjahr oder vielleicht auch zu den nächsten ein oder zwei Jahren. Viel länger als über ein oder zwei Jahre ist ohnehin keine wirklich zuverlässige Prognose möglich. Aber selbst einen konkreten Ausblick für das laufende Jahr bleiben Manager ihren Aktionären schuldig.

Bei Unternehmen, die nicht selten einen mehr als 400 Seiten umfassenden bunten Geschätsbericht drucken, sollte es eigentlich im Sinn einer ernsthaften Investor-Relations-Arbeit – also der Beziehung zu den Aktionären – möglich und selbstverständlich sein, im Jahreswerk etwas präzisierte Angaben zu den erwarteten Ergebniszahlen – insbesondere Umsatz und Gewinn – zu machen. Doch weit gefehlt!

Konkrete Jahresprognose? Selbst bei SMI-Mitgliedern ist sie oft nicht zu finden

Betrachtet man die 20 SMI-Mitglieder, sind brauchbarer Ausblick- und Prognosebericht Mangelware. Auch die Unsitte, bei einem heimischen Unternehmen Geschäftsberichte nur in Englisch zu präsentieren oder zumindest das deutsche Pendant auf der Homepage im Internet gut zu verstecken, greift leider mehr und mehr um sich. Auf jeden Fall suchen Anleger den Ausblick in einer vernünftigen englischen Version unter dem Begriff «Outlook». Aber auch dort sind greifbare Erläuterungen zum im laufenden Jahr erwarteten Umsatz und Gewinn meist nicht zu finden.

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Sicher, es mag Ausnahmen geben, bei denen es schwierig ist, Prognosen zu machen. Etwa bei einem Pharmaunternehmen wie Actelion. Da hängt der entscheidende Erfolg oft an einem oder an wenigen Projekten, die funktionieren oder auch nicht. Aber bei den meisten Titeln im SMI mag ja wohl niemand allen Ernstes behaupten, dass die Controlling-Abteilungen in den Grosskonzernen mit ihren zahlreichen hochqualifizierten Mitarbeitern nicht in der Lage wären, tragfähige Prognosen für die kommenden zwölf Monate zu entwickeln.

Der Ausblick bleibt nicht selten Herrschaftswissen

Stattdessen werden Anleger über die Perspektiven der Unternehmen oft nur nebulös und schwammig informiert – ähnlich wie manche Eltern es bei Kleinkindern halten, indem sie nur vage Erklärungen auf die Fragen des Nachwuchses geben. Ein konkreter Ausblick bleibt jedenfalls sogar im SMI – bei den grossen internationalen Standardwerten – viel zu oft reines Herrschaftswissen für das Management und für kleine eingeweihte Kreise. Ein für einen entwickelten Aktienmarkt fast schon unerträglicher Wissensvorsprung und -vorteil!

Deshalb sollten sich Anleger bei der Aktienwahl nur auf Firmen konzentrieren, die Transparenz leben und das auch beim Ausblick im Geschäftsbericht praktizieren. Möglichst konkrete Zahlen sind gefragt, keine leeren Worthülsen.

Geschäftsberichte – zeitaufwendige Suche ist keine Seltenheit

Auch wenn die Aktie haussiert – hinsichtlich Informationspolitik und Übersichtlichkeit ist Actelion alles andere als aktionärsfreundlich. Der Brief an die Aktionäre im Geschäftsbericht mit entsprechenden Zielen ist nicht zu finden – das Jahreswerk ist in viele Einzelteile gesplittet. Erst nach einiger Suche entdeckt man das gewünschte Gesamtwerk. Ja, das Management hat wenig Zeit, aber auch die Aktionäre haben wahrscheinlich keine allzu grosse Lust, stundenlang die selbstverständlichsten Infos zu suchen. Kein Mensch will sämtliche Pressemeldungen durchforsten, damit er irgendwann doch noch zu den gewünschten Informationen kommt. 

Zu vage beim Ausblick in den Geschäftsberichten sind ABB, Credit Suisse, Julius Bär, Novartis, Richemont, SGS, Swatch und UBS. Da ist oft nur unpräzise von Wachstum die Rede – eine Aussage, mit der Anleger nicht wirklich etwas anfangen können. Viele Börsianer wollen sich selber ein Bild davon machen, wie hoch Umsatz und Gewinn ihres Unternehmens im laufenden oder folgenden Jahr in etwa ausfallen werden.

Präzisere Ziele bei Nestlé und Roche

Gewisse Rückschlüsse auf die Ergebnisse lassen immerhin die Aussagen in den Geschäftsberichten von Adecco, Geberit und Givaudan zu. Während Adecco 2015 eine Gewinnspanne vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 5,5 Prozent erreichen will, peilt Geberit ein mittelfristiges jährliches währungsbereinigtes Umsatzwachstum von 4 bis 6 Prozent an. Givaudan will rein organisch um 4,5 bis 5,5 Prozent im Jahr zulegen.

Nestlé wird etwas konkreter und plant nicht nur mit einem Umsatzwachstum von 5 Prozent, sondern auch mit verbesserten Margen und Steigerungen beim nachhaltigen Gewinn. Ähnlich formuliert Roche ihre Ziele für 2014: Das Verkaufswachstum soll im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich steigen, die Zuwächse im Kerngewinn sollen sogar überproportional hoch sein.

Swisscom-Prognosen: Vergleichsweise griffig und zuverlässig

Und während Swiss Re ihre Ziele für das Gewinnwachstum mit durchschnittlich 10 Prozent im Zeitraum 2011 bis 2015 noch exakter festlegt, wagt Swisscom von den 20 SMI-Mitgliedern die mit Abstand konkreteste Prognose: Der Umsatz soll in diesem Jahr bei 11,5 Milliarden Franken liegen, das Ebitda bei 4,35 Milliarden Franken. Auch in den Vorjahren machte der Telekomkonzern ähnlich exakte Voraussagen und hielt sie meist nicht nur ein, sondern konnte fallweise sogar noch besser abschneiden.

Für Aktionäre sollten solche konkreten Aussagen und zuverlässigen Prognosen, die über Jahre mehr oder weniger präzise eingehalten werden, ein wichtiges Kaufkriterium sein. Swisscom überzeugt auch mit der Performance und konnte den SMI in den letzten zwei Jahren mit Gewinnen inklusive Dividende von 41 Prozent klar hinter sich lassen.