Essen Sie lieber ein Croissant heute oder zwei Croissants morgen? So könnte man die Zwangslage, in der sich die Unternehmen derzeit befinden, kurz umreissen.

Unternehmen, Händler, Aktionäre und Politiker denken in immer kürzeren Zeiträumen, und – was noch schlimmer ist – sie richten ihr Handeln immer kurzfristiger aus. Als sich der Markt allmählich von den tumultartigen Ereignissen der grossen Kreditklemme erholte, verlagerte sich die Sichtweise von einem kürzeren zunehmend auf einen längeren Zeithorizont.

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Lieber heute weniger als morgen mehr

Der berühmte, in Stanford, in den 1960er-Jahren durchgeführte Marshmallow-Test (bei dem Kinder die Wahl zwischen einem Marshmallow sofort oder zwei Marshmallows nach einer kurzen Wartezeit hatten) bietet die logischste Erklärung für das Verhalten des Marktes. Er zeigt einen angeborenen Trend zum Handeln und eine zwanghafte «Abzinsung» der Zukunft zugunsten einer sofortigen Belohnung. 

Beim Stanford-Experiment wurden diejenigen, die geduldig warten konnten, zusätzlich belohnt. Investoren, die auf bessere Erträge hoffen, müssen ebenfalls Zurückhaltung an den Tag legen. Allerdings hat es die Kombination aus einer höheren Liquidität an den Finanzmärkten mit den nach 2008 eingeführten Transparenzvorschriften den Investoren ermöglicht, kurzfristige Aktivitäten immer besser verfolgen und somit immer kürzere Zeithorizonte anpeilen zu können. Sobald man die erforderlichen Daten und Mittel zur Verfügung hat, wird die Versuchung zum Handeln fast unwiderstehlich. Leider können beim Investieren die Verluste, die ein derartiges Handeln zur Folge haben kann, weitaus schmerzhafter sein als der Verzicht auf ein zweites Marshmallow.  

Informationsflut begünstigt schnellen Ausstieg

Die immer lauteren Finanzmarktgeräusche, die zwangsläufig Folge einer Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung sind, verstärken die Versuchung zum sofortigen Handeln und leisten der mittlerweile gängigen «Early Exit Culture», also der Kultur des schnellen Ausstiegs, Vorschub. Die seit ungefähr 2000 beobachtete, immer raschere Umbildung der Führungsriegen der Unternehmen illustriert das Ausmass dieser «Epidemie der Kurzfristigkeit». Zusätzlich angeheizt wird dieser Trend durch die Häufigkeit der Finanzberichterstattung.

Die Aktionäre wollen mittlerweile in jedem Quartal positive Ergebnisse sehen. So ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass die Zeitspannen, während der sich Vorstände an der Spitze von Unternehmen halten, immer kürzer werden und dass kein Spielraum für Fehlentscheidungen oder für schwache Leistungen mehr vorhanden ist.

Kurze Amtsdauer beeinflusst die Entscheidungen des Managements

Der Wunsch, den Aposteln der Kurzfristigkeit gefallen zu wollen, hält viele Vorstände davon ab, langfristige Investitionsentscheidungen zu treffen, weil sie Angst haben, dass diese sich negativ auf die kurzfristige Leistung auswirken könnten und weil es wahrscheinlich so sein wird, dass sie zu dem Zeitpunkt, zu dem sich diese Entscheidungen auszahlen werden, nicht mehr im Unternehmen sein werden. Ist es nicht kennzeichnend für die Natur des Menschen, dass er in schwierigen Zeiten vor allem an sich selber denkt?

Warum sollte man die Gefahr in Kauf nehmen, dass man den Zorn wütender Massen auf sich ziehen wird, die nur am schnellen Geld interessiert sind, wenn man zudem damit rechnen muss, dass man die Früchte langfristiger Entscheidungen selber nicht mehr geniessen können wird? Warum sollte man also auf das zweite Croissant warten? So betrachtet, wird völlig klar, dass wir alle auf Langfristigkeit hinarbeiten müssen, wenn wir statt einem lieber zwei Croissants essen möchten.

Martin Gilbert, Chief Executive von Aberdeen Asset Management, London