Eine Übernahmewelle schwappt über den Globus. Egal, ob Telekom-, Pharma-, Bau- oder  Energie-Unternehmen – es gibt jede Menge M&A – Fusionen und Übernahmen. Mit dem jüngst angekündigten Milliardendeal von Oracle rückt nun auch der Software-Sektor in den Fokus. Der US-Konzern übernimmt den Spezialisten für Tourismus- und Unterhaltungssoftware Micros Systems für rund fünf Milliarden Dollar. Damit stemmt der charismatische Chef Larry Ellison den teuersten Kauf seit vier Jahren. Analysten können sich noch weitere Zukäufe vorstellen. «Das war nur der Anfang», meint beispielsweise Daniel Ives vom Brokerhaus FBR Capital Markets.

Mit dem Zukauf greift Oracle auch seinen Erzrivalen SAP an. Die Deutschen haben ebenso wie die Amerikaner Wachstumsschwierigkeiten. Der klassische Software-Vertrieb wird immer mehr von neuen Technologien verdrängt, und die ehemaligen Platzhirsche müssen umdenken.

Die Softwarebranche setzt auf neue Vertriebsmodelle

«Das traditionelle Geschäftsmodell mit dem Verkauf von Software-Lizenzen bleibt zwar auch in den kommenden Jahren wichtig, doch die Bedeutung von neuen Modellen steigt. Allen voran von SaaS, also von Service-Anwendungen, die auf Servern bereitgestellt werden», erklärt Werner Ballhaus von PriceWaterhouseCoopers (PwC). Der Branchen-Experte traut dem Vermietmodell im Jahr 2016 bereits einen Marktanteil von 24 Prozent zu, das entspricht einem Wachstum von durchschnittlich 17,5 Prozent pro Jahr. «Software-Hersteller müssen die Hürde vom Lizenz-Modell zum Dienstleistungsangebot nehmen», ist Ballhaus überzeugt.

Dementsprechend befinden sich Big Player wie Oracle und SAP auf einem Transformationskurs. Die Deutschen setzen stark auf das zukunftsträchtige Thema Cloud. Allerdings gehen die augenscheinlichen Erfolge im neuen Bereich überproportional zu Lasten der Lizenzerlöse. Darunter leidet vorerst das Gewinnwachstum, denn die Kunden zahlen nicht mehr auf einen Schlag hohe Lizenzgebühren, sondern Abonnementsgebühren über Jahre hinweg verteilt. «Die Umstellung auf das Cloud-Geschäft ist ein tiefgreifender Umbruch», erklärte SAP-Gründungsmitglied Hasso Plattner an der jüngsten Generalversammlung. Dass es der weltweit grösste Programmierer von Firmensoftware aber damit ernst meint, zeigen die ehrgeizigen Ziele: Bis 2017 will SAP im zukunftsträchtigen Geschäft mit Mietsoftware aus dem Internet einen Umsatz von 3 bis 3,5 Milliarden Euro erreichen.

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Salesforce auf dem Weg zum Branchenprimus

Damit möchten die Deutschen dem Marktführer Salesforce immer weiter auf die Pelle rücken. Dieser peilt im laufenden Jahr Erlöse von umgerechnet 3,8 Milliarden Euro an. Der US-Konzern bläst im Gegenzug zum Angriff auf SAP: «Wir werden nicht nur das grösste Cloud-Unternehmen bleiben, sondern zum grössten Anbieter der Welt für Firmensoftware überhaupt aufsteigen», sagte Salesforce-Vorstand George Hu kürzlich in einem Interview. Innerhalb der kommenden zehn Jahre möchte er dieses Ziel erreichen. Dafür nimmt der Konzern auch Verluste in Kauf. «Wer es schafft, am stärksten zu wachsen, geht als Gewinner hervor. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Salesforce.com sehr profitabel sein wird, wenn wir unsere Wachstumsziele erreicht haben.»

Der harte Kampf um Marktanteile und die zum Teil damit verbundene Gewinnerosion lähmt derzeit die Aktienkurse in der Branche. Seit Jahresbeginn kamen die Valoren von Oracle und Salesforce lediglich um 5 Prozent voran, die SAP-Aktie liegt sogar rund 10 Prozent im Minus. Eine Ausnahme bildet Adobe Systems. Der Spezialist von Photoshop und Acrobat Software hat die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und fährt bereits ordentliche Gewinne aufgrund einer hohen Nachfrage nach seinen Cloud-Angeboten ein. So legte der Nettogewinn im ersten Quartal per Ende Mai um knapp 16 Prozent auf 88,5 Millionen Dollar oder um 17 Cent pro Aktie zu. Ohne Sonderposten verdiente das Unternehmen 37 Cent je Aktie. Analysten hatten lediglich 30 Cent auf der Rechnung. Auch der Umsatz zog mit einem Plus von 6 Prozent stärker an als erwartet. Die gute operative Entwicklung spiegelt sich in einem Kursplus von 20 Prozent im ersten Börsenhalbjahr 2014 wider.

Temenos – ein Schweizer Spezialwert

Auch beim heimischen Bankensoftware-Spezialisten Temenos steht das Vermietmodell weit oben auf der Prioritätenliste. «Temenos hat Organisation, Partner und Unterstützungsinfrastruktur aufgebaut, um vorbereitet zu sein, wenn die Banken auf SaaS umsteigen», weiss Aktienanalyst Panagiotis Spiliopoulos von Vontobel Research. Aber auch ohne SaaS läuft es bei diesem Unternehmen derzeit rund. So hat der Vorstand soeben angekündigt, dass er für 120 Millionen Dollar eigene Aktien zurückkaufen wird. Dies entspricht rund 5 Prozent des ausstehenden Kapitals. Die Anteile sollen im Jahr 2015 annulliert werden.

«Der Aktienrückkauf bestätigt das Vertrauen des Managements in die Fähigkeit der starken Cash-Generierung des Geschäftsmodells von Temenos», beurteilt Experte Spiliopoulos den jüngsten Schritt des Unternehmens. Aufgrund des langfristigen strukturellen Wachstums sowie eines starken Mittelzuflusses und einer attraktiven Bewertung hat Vontobel die Temenos-Aktie mit einem «High-Conviction Buy»-Rating versehen und das Kursziel auf 40 Franken fixiert.

Softwarehäuser – die grossen Player

Bei Adobe Systems zeigen sich die Erfolge im Cloud-Geschäft bereits in der Bilanz. Analysten rechnen auch in Zukunft mit einem starken Wachstum. Der Konsens geht bis 2016 von einem durchschnittlichen Gewinnzuwachs von 73 Prozent pro Jahr aus. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 22 erscheint daher günstig. 

Der US-Konzern befindet sich in einer Wachstumsschwäche. Im abgelaufenen Quartal enttäuschte Oracle sowohl bei der Umsatz- wie auch bei der Gewinnentwicklung. Besonders, dass es zu stagnierenden Erlösen im Zukunftsbereich Cloud gekommen ist, stiess Investoren bitter auf. Der jüngste Zukauf schürt nun aber wieder etwas Wachstumsphantasie.

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Nach zuletzt schwachen Zahlen von den Konkurrenten Oracle und Tibco Software warten Anleger nun gespannt auf die Veröffentlichung der Zwischenbilanz von SAP am 17. Juli. Im Auftaktquartal enttäuschte der Konzern mit einem mickrigen Umsatz- und Gewinnplus von 3 Prozent. Mit einem 2015er-KGV von über 15 ist die Aktie derzeit kein Schnäppchen.

Das Unternehmen ist weltweit führend im Zukunftsmarkt Cloud. Allerdings ist die Expansionsstrategie von Salesforce, «Wachstum um jeden Preis», mit Vorsicht zu geniessen, zumal die Aktie bereits hoch bewertet ist. Anleger sollten daher die Entwicklung der Quartalszahlen genau verfolgen.

Die Aktie befindet sich seit rund zwei Jahren in einem Aufwärtstrend. In dieser Zeit verteuerte sich der Valor um mehr als das Doppelte. Nun nimmt Temenos Kurs auf das Höchst bei 39.55 Franken, aus dem Jahr 2010. Die Chancen auf ein Knacken der Marke stehen gut.