Gesundheits-Aktien sind gefragt. Kein Wunder, denn beim Thema Gesundheit zeigt die Nachfrage nach oben. Wachsende Weltbevölkerung, steigende Lebenserwartung, wachsender Wohlstand mit einer Zunahme von Wohlstandskrankheiten und Zugang für immer mehr Menschen zu Gesundheitsleistungen bringen stetiges Wachstum.

Von diesen Parametern ist grundsätzlich betrachtet auch das Geschäft mit Hörgeräten geprägt. Wie die nichtkommerzielle Internetseite hear-it.org berichtet, zeigen Studien aus der ganzen Welt, dass Hörverlust ein globales Problem ist, welches zunimmt. So werden gemäss der Commission on Hearing Loss im Jahr 2031 knapp 20 Prozent der britischen Bevölkerung einen Hörverlust haben. Heute wird geschätzt, dass in Grossbritannien zehn Millionen Menschen schwerhörig sind. Die Kommission geht davon aus, dass diese Zahl im Jahr 2031 auf 14,1 Millionen Menschen steigen wird.

Schwerhörigkeit – die Zahl der Betroffenen nimmt stark zu

Laut einem Bericht der schwedischen Organisation für Hörgeschädigte, HRF, hat der Anteil der Menschen mit Hörverlust in den vergangenen 25 Jahren um 50 Prozent zugenommen. Weitere Untersuchungen aus Europa zeigen, dass rund 16 Prozent der Erwachsenen an einer Schwerhörigkeit leiden. Eine andere Untersuchung aus Deutschland, England und Frankreich hat ergeben, dass jeder achte Erwachsene angibt, an einem herabgesetzten Hörvermögen zu leiden. 

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Den Trend umzudrehen, ist schwierig, weil das eine Veränderung des Alltagsverhaltens voraussetzen würde. Ein Problem stellt beispielsweise die allgemein steigende Lärmbelastung aus der Umwelt dar, aber auch die sich verbreitende Verwendung von Headsets am Arbeitsplatz. Hinzu kommt die vor allem unter Jugendlichen verbreitete Vorliebe, laut Musik zu hören. Eine Studie vom Temasek Polytechnic in Singapur hat ergeben, dass mehr als 16 Prozent der jugendlichen Bevölkerung in Singapur Gefahr läuft, eine lärmbedingte Schwerhörigkeit aufgrund des Musikkonsums zu entwickeln. Als Hauptgrund dafür wird die Verwendung von Kopfhörern genannt. Die Weltgesundheitsorganisation sieht weltweit sogar mehr als eine Milliarde Menschen in Gefahr, ihr Gehör durch Musikkonsum zu schädigen.

Hörgeräte – enormes Nachholpotenzial

Diese Prognosen sind dramatisch, weil mit Schwerhörigkeit nicht nur eine geringere Lebensqualität einhergeht, sondern weil oft auch die Erwerbsfähigkeit eigeschränkt wird. So bewerten 10 Prozent der Schweden mit Hörverlust ihre eigene Gesundheit mit «schlecht» oder «sehr schlecht», und im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung sind doppelt so viele Schweden mit Hörverlust im Vorruhestand. Also ein ideales Umfeld für die Hersteller von Hörgeräten, zumal viele Betroffenen bisher aus unterschiedlichen Gründen wie Eitelkeit, Bequemlichkeit oder schlechte Finanzlage noch kein Hörgerät haben. In Schweden beispielsweise nutzen nur 455'000 der 1,4 Millionen Schwerhörigen ein solches Gerät. Auch wenn diese Zahl höher ist als je zuvor, verwenden somit zwei Drittel der hörgeschädigten Schweden kein Hörgerät.

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Obwohl die ersten Hilfsmittel zum Hören bereits 1878 eingesetzt worden sind, ist ihre Akzeptanz somit noch immer nicht allzu hoch. Doch, weil sich Design und Grösse immer weiter verbessern, dürfte dieses Problem im Laufe der Zeit kleiner werden. Nach Angaben von Morgan Stanley ist der Absatz von Hörgeräten in den USA im ersten Quartal um 11,3 Prozent gestiegen, nach einem Plus von 7,3 Prozent im vierten Quartal 2014. Für das zweite Quartal 2015 wird mit einem Zuwachs von 8 Prozent gerechnet. Bei Hörgeräteherstellern sind also gute Quartalszahlen zu erwarten. Dabei darf aber der harte Verdrängungswettbewerb nicht vergessen werden, den sich die Branchenvertreter liefern. Laut Morgan Stanley dürfte sich dieser in den nächsten zwölf Monaten noch verstärken, nachdem der Siemens-Hörgeräte-Bereich in Private-Equity-Hände übergegangen ist und weil wahrscheinlich der Kampf um die Vorherrschaft bei drahtlosen Hörgeräten so richtig losbrechen wird.

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Die Branche ist hoch bewertet

Möglicherweise sind diese Rahmenbedingungen mit ein Grund, warum zuletzt nicht alle Hörgeräte-Aktien so gut gelaufen sind, wie man das vielleicht erwarten würde. Dominiert wird das Geschäft auf der Herstellerseite von den drei europäischen Produzenten der heimischen Sonova Holding AG (ISIN: CH0012549785) sowie von GN Store Nord (ISIN: DK0010272632) und William Demant Holding (ISIN: DK0010268440) aus Dänemark. Die Kurse bei Sonova und GN Store Nord treten jedenfalls fast seit einem Jahr auf der Stelle.

Etwas besser ist es für William Demant gelaufen, aber auch nur, weil hier ab Mitte Dezember plötzlich ein Kursaufschwung eingesetzt hat. Dieser lässt sich möglicherweise mit einem gegenüber den beiden anderen Wettbewerbern bestehenden Bewertungsabschlag erklären. Allgemein müssen die Bewertungen in diesem Sektor aber als relativ hoch eingestuft werden. Bei William Demant beträgt das für 2015 geschätzte KGV 20,6, bei GN Store Nord und Sonova liegt es jeweils bei 22,9. Ob diese Bewertung gerechtfertigt ist, werden die nächsten Quartalszahlen samt Ausblick zeigen (William Demant berichtet am 7. Mai, Sonova am 19. Mai, GN Store hat bereits am 29. April Zahlen präsentiert und dabei trotz bestätigter Jahresprognose mit einem EBITA-Rückgang von 291 auf 253 Millionen Kronen nicht überzeugt. Charttechnisch drängt sich zudem prozyklisch ein Kauf erst dann auf, wenn es den genannten Titeln endlich gelingt, die jeweils nicht allzu weit entfernten Rekordhochs zu überwinden.

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Amplifon könnte zum Dauerbrenner werden

Ein weiterer Vertreter aus dem Hörgeräte-Sektor ist Amplifon S.p.A. (ISIN: IT0004056880). Dahinter steckt ein weltweit inklusive in der Schweiz tätiger Hörgeräteakustiker aus Italien, der als weltweit grösster Einzelhändler für Hörgeräte gilt. Trotz dieses erreichten Status verhielt sich der Aktienkurs jahrelang relativ lethargisch, bevor im Herbst des Vorjahres ein bis jetzt unverändert andauernder Neubewertungsprozess einsetzte.

Das geschätzte KGV ist hier mit gut 28 sogar noch höher als bei den Hörgeräte-Produzenten. Aber auf Basis der geschätzten Verhältnisse zwischen Unternehmenswert und Gewinn vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Amortisationen sowie zwischen Unternehmenswert und Umsatz ist dieser Titel nach Einschätzung des Brokerhauses Jefferies noch deutlich günstiger bewertet als Sonova, GN Store Nord und William Demant. Ein intakter charttechnischer Aufwärtstrend spricht dafür, am Ball zu bleiben, und vielleicht entwickelt sich aus der Aktie ein Dauerbrenner, wie das in einem artverwandten Bereich bei der deutschen Optikerkette Fielmann der Fall ist.

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