Wachsweich statt stahlhart! Nach diesem Motto entwickelten sich lange Zeit die Kurse vieler Stahl-Aktien weltweit. Das wiederum hat mit Überkapazitäten und Lagerabbau zu tun. Als Folge davon sind die Branchengewinne auf Dollar-Basis verglichen mit dem Jahr 2008 erheblich gesunken.

Doch auch im Gefolge einer in diesem Jahr allgemein zu beobachtenden Renaissance des Rohstoffsektors senden Stahl-Aktien wieder Lebenszeichen aus. Von ihren Zwischentiefs, die sie nicht selten noch im ersten Quartal 2016 markierten, haben sich die Notierungen vieler Branchenvertreter jedenfalls deutlich gelöst. Das geht einher mit ebenfalls gestiegenen Preisen für warmgewälzten Stahl.

Dazu passt eine kürzlich veröffentlichte Pflichtmitteilung von Klöckner & Co. Darin berichtet der Stahlhändler für die bedeutsamen Märkte Europa und USA bei leicht anziehender Nachfrage über deutlich erholte Marktpreise für Stahl- und Metallprodukte im zweiten Quartal. Möglich gemacht habe das mit Blick auf Stahl unter anderem ein wiedereinsetzender Lageraufbau bei den Stahlproduzenten.

Überkapazitäten und Billigstahl

Letzteres bedeutet aber noch lange nicht, dass eine abschliessende Lösung für die grundsätzlichen Probleme des Sektors gefunden worden ist. Diese bestehen aus nach wie vor existierenden Überkapazitäten und sind verbunden mit dem Angebot von Billigstahl. Das rheinisch-westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) spricht jedenfalls im aktuellen Stahlbericht von einem weiterhin schwierigen internationalen Marktumfeld. Die globale Rohstahlerzeugung sei seit Ende 2014 tendenziell rückläufig, die Kapazitätsauslastung belaufe sich nur auf rund 65 Prozent. Besserung sei zunächst nicht wirklich in Sicht, weil sich die internationale Konjunktur voraussichtlich nur wenig beschleunigen werde. Zudem sei die Weltkonjunktur wahrscheinlich nicht mehr so stark wie früher von den Investitionen getragen, worunter die Nachfrage nach Stahl leide.

Insgesamt sei die Stahlbranche weiterhin mit erheblichen Problemen konfrontiert. Als eine der Ursachen für die gegenwärtigen Schwierigkeiten der europäischen Stahlindustrie werden die wachsenden Importe aus China gesehen. Weil die weltweit bestehenden Überkapazitäten kaum über eine anziehende Nachfrage beseitigt werden können, wird die internationale Stahlindustrie laut RWI um einen Abbau von Kapazitäten nicht herumkommen.

Aus China kamen zuletzt auch bereits Meldungen über Veränderungen in einer Branche, die derzeit von nur geringer Profitabilität geprägt ist. So kündigten mit der Baosteel Group und mit Wuhan Iron & Steel die Nummer fünf und die Nummer elf unter den Stahlkonzernen weltweit unlängst gemeinschaftlich eine Restrukturierung an. Allerdings passt das noch nicht so recht zu den Produktionszahlen, die der weltweit grösste Stahlproduzent für Juni gemeldet hat. Demnach bewegte sich der Ausstoss nur wenig unter den bisherigen Rekorden.

Unter Druck stehen die chinesischen Branchenvertreter auch deshalb, weil die Europäische Union und die USA ihnen vorwerfen, Stahl zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt zu bringen. Als Reaktion darauf war zuletzt viel von Schutzzöllen und protektionistischen Massnahmen die Rede. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass der EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker jüngst angekündigt hat, die Stahlindustrie in der EU mit allen Mitteln verteidigen zu wollen. Die Situation ist somit insgesamt von einigen Widersprüchen geprägt.

Analysten – die Meinungen weichen stark ab

Vielleicht ist auch das der Grund, warum Analysten auffällig unterschiedliche Einschätzungen zu den Stahlaktien haben. Negativ gestimmt ist dabei mit Blick auf die europäische Stahlbranche Goldman Sachs, auch, weil die US-Investmentbank harte negative Konsequenzen durch den Brexit befürchtet. Diese Warnung gilt insbesondere für stark auf Europa ausgerichtete Stahlhersteller, die ihren Fokus auf den Industriebereich gelegt haben und nicht auf den Endverbrauchermarkt.

Andere Experten zeigen sich aber sehr optimistisch. Zu den zuversichtlichsten gehören jene der Credit Suisse. Dort hat Materials-Analyst Dan Scott Ende Mai einen auf Anleger mit einem zwölfmonatigen Investmenthorizont abzielenden Bericht mit dem Titel «Stahlindustrie weltweit: Ein neuer Zyklus beginnt» veröffentlicht. Die Rede ist darin von einer augenfällig starken Nachfrage, von einer Stabilisierung bei den Anlageinvestitionen in China und von sehr tiefen Lagerbeständen. Ausserdem sei in den Industrieländern der Handelsprotektionismus auf dem Vormarsch, ein Faktor, der sich wahrscheinlich weiterhin unterstützend auswirken wird. Turnaround-Potenzial, zumindest bei den europäischen Produzenten von rostfreiem Stahl, wittert ausserdem die UBS. Dazu passt, dass die Stahlbranche weltweit möglicherweise allgemein nach Einschätzung der UBS im Vorjahr ihre Talsohle bei den Ergebnissen gesehen hat. Zumindest werden für die Branchenvertreter im Schnitt für 2016 und 2017 deutlich steigende Gewinne vor Steuern und Zinsen vorhergesagt.

ThyssenKrupp – positive Schätzungen

Wer sich auf die Suche nach attraktiven Stahlaktien macht, dem fallen Bewertungen auf, die zumindest auf der Basis der für das laufende Jahr gültigen Prognosen nicht selten schon einiges von den erhofften Ergebnisverbesserungen vorwegzunehmen scheinen. Günstiger werden die Bewertungsrelationen erst, wenn auch die Schätzungen für die Folgejahre berücksichtigt werden. Dadurch kommt der deutsche Stahl- und Technologiekonzern ThyssenKrupp (ISIN: DE0007500001) beim Blick auf die Prognosen für 2017 auf ein geschätztes KGV von 12,9 und für 2018 von 10,8.

Die Analysten bei der Credit Suisse können sich vorstellen, dass der jüngste Turnaround am Stahlmarkt und die kurzfristig besseren Aussichten bei den Stahlpreisen mit höheren Bewertungsrelationen belohnt werden. Positiv eingeschätzt wird auch die mit einer stärkeren Konzentration auf das Investitionsgütergeschäft einhergehende Restrukturierung. Zudem könnte auch eine Aufteilung oder Fusion des Stahlgeschäfts weiteres Wertpotenzial freisetzen. Auf der Basis dieser Annahme werden für ThyssenKrupp als Kursziel 26,00 Euro genannt, wobei diese Vorgabe einen zwanzigprozentigen Konglomeratsabschlag gegenüber der Sum-of-the-Parts-Bewertung berücksichtigt.

Nucor und Steel Dynamics – Gewinne sollen kräftig wachsen

Allerdings muss konstatiert werden, dass europäische Stahlaktien, oft ähnlich wie ThyssenKrupp, nicht gerade ein glänzendes Chartbild aufzuweisen haben. Ebenfalls nicht perfekt, aber besser, sieht es in dieser Hinsicht bei Aperam S.A. (ISIN: LU0569974404) aus. Analysten trauen diesem in Luxemburg ansässigen Produzenten von rostfreiem Stahl deutliche Gewinnsteigerungen zu. Auf Konsensbasis bewegt sich das KGV hier für 2017 und 2018 bei 11,4 und 9,9 und damit auf einem ähnlichen Niveau wie bei ThyssenKrupp.

Auffällig gut haben sich im Sektor-Vergleich langfristig ansonsten ausgewählte US-Branchenvertreter geschlagen. Das gilt zum einen für Nucor Corp. (ISIN: US6703461052), zum anderen vor allem aber für Steel Dynamics Inc. (ISIN: US8581191009). Während der erstgenannte Titel gerade dabei ist, aus einem bisher langfristig bestehenden Seitwärtstrend auf neue Mehrjahreshochs vorzurücken, ist der zweitgenannte Wert bereits nachhaltig auf neue Mehrjahreshöchststände vorgerückt. Das könnte für den Fall so weitergehen, dass sich die Analysten-Erwartungen erfüllen werden. Denn diese sehen für Nucor auf Sicht der kommenden fünf Jahre ein Ergebnisplus von 21,05 Prozent p.a. vor und für Steel Dynamics sogar von 53,49 Prozent. Als Fazit lässt sich feststellen: Stahl-Aktien versuchen sich an einer Trendwende, und wenn es gelingt, die Überkapazitäten zu bereinigen, dann gibt es weiteres Erholungspotenzial. Sollte zudem die Weltwirtschaft positiv überraschen, hätten die Sektor-Vertreter noch viel Luft nach oben.