EZB-Chef Mario Draghi kündigte Anfang Juni ein umfangreiches Massnahmenpaket an, um die Geldpolitik in der Eurozone weiter zu lockern. Erlauben Sie mir, diese Aktion in Anlehnung an die stattfindende Fussball-Weltmeisterschaft zu kommentieren: Der Steilpass kam an den Aktienmärkten an, doch mehr als eine gefährliche Strafraumszene entwickelte sich daraus nicht – noch nicht.

Nach einigen Überlegungen komme ich zum Schluss, dass Draghis Equipe, ähnlich wie schon mit den angekündigten Massnahmen im Jahr 2011, auch diesmal ein erfolgreicher Vorstoss gelungen ist. Mit dem Massnahmenpaket der EZB werden die deflationären Kräfte bekämpft, der Euro geschwächt und das Bedürfnis des Finanzsystems nach Liquidität im Süden Europas bedient. Zudem beinhaltet das Massnahmenpaket ein attraktives Refinanzierungsgeschäft für Banken, die einen Teil des aufgenommenen Geldes Unternehmen als Kredit zur Verfügung stellen.

EZB-Hilfen für kleine und mittlere Unternehmen

Die EZB sieht in der Ankurbelung des Kreditangebotes einen wesentlichen Katalysator für eine nachhaltige Erholung der Konjunktur in Südeuropa. Für das Risiko, dass die Banken das Refinanzierungsgeschäft für die eigene Bilanzbereinigung verwenden, hat Draghi noch ein Ass im Ärmel: Den Kauf von forderungsbesicherten Wertpapieren, das heisst von verbrieften KMU-Krediten. Dadurch könnte die EZB bei Bedarf direkt im Kreditmarkt für KMUs intervenieren.

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Wer profitiert von diesem Massnahmenpaket? Kurz- bis mittelfristig alle, denn die EZB hat mit ihrer Aktion vor allem eines erreicht, nämlich die Reduktion der globalen Konjunkturrisiken und somit der Marktrisiken. Zwar haben die Aktienmärkte mit bescheidenen Kursavancen reagiert, das hängt aber damit zusammen, dass ein Teil der Massnahmen bereits eingepreist war. Ich gehe davon aus, dass die Marktteilnehmer – ähnlich wie die EZB – zuerst die Auswirkungen der Massnahmen verfolgen und dass sie zu einem späteren Zeitpunkt die Ertragserwartungen nach oben revidieren werden.

Europas Peripherie im Fokus

Auf Sektorenebene nützt die Liquiditätsspritze in erster Linie den südeuropäischen Finanzinstituten, insbesondere solchen, die eigentlich nicht darauf angewiesen sind, die das EZB-Geschenk aber annehmen und an die Realwirtschaft weiterreichen. Solche Banken sind beispielsweise die italienischen Institute Intesa Sanpaolo und Unicredit.

In einer zweiten Phase dürfte der produzierende Sektor von den abnehmenden Fremdfinanzierungskosten und von den steigenden Ertragserwartungen profitieren. Auch hier gilt es, auf Unternehmen zu setzen, bei denen der konjunkturelle Aufschwung nicht bereits vollständig im Aktienkurs eingepreist ist. Mein Augenmerk gilt in diesem Bereich Unternehmen aus der Peripherie Europas, die im internationalen Markt einen etablierten, kreditwürdigen Namen und gute Projekte in der Pipeline haben, wie beispielsweise die spanische Baufirma ACS S.A.

Geduld ist erforderlich

Die Liquiditäts-Transmission von den Geschäftsbanken zur Realwirtschaft braucht Geduld. Ob die Ankurbelung des Kreditangebots einen Wachstumsschub in Europa generieren wird, hängt sowohl von der Fitness des Finanzsystems im Süden Europas als auch von der Kreditnachfrage ab. Die EZB hat den Steilpass gespielt, die Banken und die Unternehmen müssen jetzt den Ball im Tor unterbringen.

Andreas Knörzer, Leiter Asset Management, Notenstein Privatbank