Das Ergebnis des Volksentscheides dürfte einige Zeit für Unsicherheit in Politik und Wirtschaft sowie an den Finanzmärkten sorgen. Und Unsicherheit ist bekanntlich Gift für die Börsen. David Cameron hat seinen Rücktritt als Premierminister bereits angekündigt. In den kommenden Wochen sind nun Ränkespiele um den neuen Vorsitz innerhalb der Conservative Party zu erwarten. Gut möglich, dass ein neuer Anführer der Tories aus dem euroskeptischen Flügel der Partei kommen wird – dies würde die anstehenden Verhandlungen mit der EU sicherlich erschweren.

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Wie sieht der Fahrplan für die Austrittsverhandlungen aus? Die Dinge sind in diesen Tagen stetig im Fluss. Gegenwärtig gibt es immer noch teilweise die Vorstellung, dass es sogar ein zweites Referendum geben könnte. Auf dem Papier beginnt der Abschiedsprozess gemäss Artikel 50 des EU-Vertrags erst mit einem formellen Austrittsantrag und endet nach maximal zweijährigen Verhandlungen mit einem Austrittsvertrag. Während dieser Zeit bliebe Grossbritannien ein EU-Mitglied mit allen Rechten und Pflichten. Künftige Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU müssten danach in einem neuen Partnerschaftsabkommen geregelt werden, was nochmals mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen soll. Die denkbaren Modelle reichen dabei von einem Beitritt zum Europäischen Währungsraum wie im Fall von Norwegen über einen individuellen Handelsvertrag à la Schweiz bis zum Handel nach den Regeln der WTO. Das letztgenannte Szenario wäre mit Zollhürden und anderen Handelshemmnissen wohl das wirtschaftlich schädlichste.

Risiken für den Staatshaushalt und Opportunitäten für Anleger

Auch kurzfristig dürfte der «Brexit» zu wirtschaftlichem Schaden führen. Schätzungen für das nächste Jahr prognostizieren in Grossbritannien eine Reduktion des Wirtschaftswachstums um 1 Prozent. Viele Unternehmen haben bereits angekündigt, sie würden Arbeitsplätze auf das europäische Festland verlagern, in Grossbritannien geplante Investitionen sind gefährdet. Damit wird wohl das britische «Zwillingsdefizit» – die klaffende Lücke in der Leistungsbilanz von mehr als 5 Prozent der Wirtschaftsleistung, gepaart mit einem bedenklich grossen staatlichen Haushaltsloch von knapp 4 Prozent – zu einer akuten Bedrohung werden. Insbesondere für das britische Pfund, welches wie kaum eine andere Währung auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen ist.

Was bedeutet das für Sie als Anleger? In den kommenden Tagen wird wahrscheinlich die Volatilität an den Märkten hoch bleiben – Ausschläge in beide Richtungen sind vorstellbar. Auf längere Sicht werden sich wohl aber auch trotz «Brexit» Opportunitäten auftun. Britische Unternehmen, wie der Pharmakonzern Shire oder der Telekommunikationsanbieter Vodafone beispielsweise, die den grössten Teil ihrer Umsätze ausserhalb der britischen Inseln erwirtschaften, profitieren vom schwachen Pfund und bieten sich bei Kursschwäche für Zukäufe an.

Fabian Dori, Chief Investment Officer bei der Notenstein La Roche Privatbank