Licht und Schatten zieren derzeit das Bild des Stahlsektors. Auf der einen Seite hat sich die globale Rohstahlproduktion laut World Steel Association (WSA) seit dem Jahresbeginn um 4 Prozent erhöht, was von der steigenden Nachfrage unter anderem in Europa getrieben worden ist. Aber kaum geht es mit der Branche etwas aufwärts, droht auf der anderen Seite schon wieder Ungemach. Ein schwächer als erwarteter Einkaufsmanagerindex in Europa und niedrigere Wachstumserwartungen für das chinesische BIP schüren bereits wieder Ängste. So sackte der Nickelpreis seit seinem Höchststand im Mai 2014 um rund 19 Prozent ab.

Auch die Wirtschaftsvereinigung Stahl bezeichnete die jüngste Erholung der Nachfrage als fragil. Nach Ansicht des Weltstahlverbandes und von Branchenvertretern wird es zu einem Kahlschlag der Belegschaft kommen. «Ein massiver Stellenabbau ist unausweichlich», sagte der designierte Verbandspräsident Wolfgang Eder kürzlich in einem Interview und fügte hinzu: «Der Anpassungsprozess wird schmerzlich sein, er ist längst überfällig.»

Voestalpine spart

Ob das reichen wird, damit sich die Stahlindustrie wieder aus ihrer langjährigen Krise herausarbeiten kann, ist fraglich. Aus der Einzelbetrachtung könnten aber gute Turnaround-Chancen abgeleitet werden. Eine davon betrifft Voestalpine.

Der österreichische Stahlkonzern hat im ersten Quartal 2014/15 zwar enttäuscht – Umsatz und Gewinn schrumpften –, doch blickt das Unternehmen aufgrund gut gefüllter Auftragsbücher optimistisch nach vorne. Neben der erwarteten Vollauslastung der Werke soll sich auch das 900 Millionen Euro schwere Sparprogramm positiv auswirken. So erwartet Voestalpine für das bis Ende März 2015 laufende Geschäftsjahr einen leichten Anstieg des operativen Gewinns von rund 850 Millionen Euro. Der Aktienkurs antizipiert dies aber noch nicht, seit Jahresbeginn liegt der ATX-Wert um rund 10 Prozent im Verlust.

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ThyssenKrupp baut um

Bei ThyssenKrupp ergibt sich das Kurspotenzial hingegen aus einer profitablen Umgestaltung des Konzerns. Der deutsche Stahlkocher befindet sich auf einem Transformationskurs. Dazu gehört ein breit angelegtes Fitnessprogramm, das neben einem Stellenabbau auch die Neuorganisation des Einkaufs vorsieht. Dabei sollen 500 Millionen Euro gespart werden. Auch der Verkaufsversuch der Edelstahltocher VDM geht in eine neue Runde. Gerüchten zufolge werden bis 22. Oktober Angebote eingeholt. Ein Preis von 250 Millionen Euro wird genannt, wobei ThyssenKrupp angeblich aber sogar mit dem Doppelten plant.

Analysten taxieren den Buchwert von VDM auf rund 900 Millionen Euro. ThyssenKrupp ist optimistisch, beim Umbau zu einem «diversifizierten Industriekonzern» auf dem besten Weg zu sein. Konzernchef Heinrich Hiesinger bekräftigte jüngst seine Jahresprognose, die beinhaltet, dass 2014 erstmals seit drei Jahren wieder ein ausgeglichenes bis leicht positives Nettoergebnis erzielt wird.

ArcelorMittal erhöht die Prognose

Unterstützend für die europäischen Stahlkonzerne ist der jüngste Verlauf der Gemeinschaftswährung. «Angesichts der Euro-Schwäche dürfte die Nachfrage vor allem nach europäischem Stahl wieder anziehen», heisst es in einer neuen Studie der Credit Suisse. Die Analysten der Bank haben auch einen Favoriten parat: ArcelorMittal. Sie stuften die Valoren des Branchenprimus von «neutral» auf «outperform» hoch. Bei seiner Umstrukturierung ist der Konzern einen Schritt weiter als mancher Konkurrent. Aufgrund eines höheren Liefervolumens sowie der umgesetzten Kostenoptimierungsmassnahmen legte das operative Ergebnis im zweiten Quartal 2014 im Vergleich zu den ersten drei Monaten um 29 Prozent zu. Die Wachstumsprognose beim Stahlabsatz hob der Konzern von 2 bis 3 Prozent auf 3 bis 4 Prozent an.

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Mit einem Minus von 15 Prozent seit Jahresbeginn zählt die ArcelorMittal-Aktie zu den schwächsten europäischen Stahlwerten im laufenden Jahr. Doch könnte eine Wende bevorstehen. Sollten die Eisenerzpreise wie erwartet ihren saisonüblichen Boden finden, halten die Experten der Credit Suisse eine Jahresendrally für möglich.

Investoren glauben derzeit verstärkt an ein Comeback des DAX-Titels. Mit einem Zugewinn von 17 Prozent seit dem Jahreswechsel lässt die Aktie nicht nur die Konkurrenz alt aussehen, sondern bewegt sich auch deutlich schneller als der Gesamtmarkt nach oben. Die Turnaroundstrategie von ThyssenKrupp klingt plausibel und eröffnet der Aktie weiteres Potenzial.

Die Österreicher verfügen über ein starkes Geschäftsmodell, das sich letztendlich auch in der Marge widerspiegelt. Jüngst erhielt der Titel einen Ritterschlag der UBS. Die Experten haben ihr Rating von «sell» auf «buy» angehoben. Ihrer Meinung nach könnte sich Voestalpine, bedingt durch höhere Stahlpreise, als einer der grossen Gewinner herausstellen.

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