Ulf Schneider hatte sich seinen ersten grossen Auftritt als neuer Nestlé-Chef sicher anders vorgestellt. Seit dem 1. Januar steht er an der Spitze des weltgrössten Lebensmittelherstellers – und musste am gestrigen Donnerstag eine enttäuschende Bilanz präsentieren: Im vergangenen Jahr wuchs Nestlé aus eigener Kraft nur um 3,2 Prozent und somit um einen Prozentpunkt weniger als im Jahr zuvor.

Beim Umsatz gelang ein leichtes Plus von 0,8 Prozent auf 89,5 Milliarden Franken, der Gewinn sank im Vorjahresvergleich von 9,1 Milliarden auf 8,5 Milliarden Franken. Für Aktionäre gab es nur eine gute Nachricht: Sie sollen trotz Stagnation eine höhere Dividende von 2,30 Franken pro Aktie erhalten.

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Gründe ändern sich von Jahr zu Jahr

Mit der mauen Bilanz blieb Nestlé hinter den Erwartungen von Analysten zurück. Der Konzern verfehlte auch die eigenen Ziele – mal wieder. Nestlé hat sich ein organisches Wachstum von fünf bis sechs Prozent pro Jahr vorgenommen. Diese Steigerung ist dem Konzern im vierten Jahr in Folge nicht gelungen.

Die Gründe für das ausbleibende Wachstum ändern sich von Jahr zu Jahr: Während Nestlé im Jahr 2015 noch unter dem schwächelnden China-Geschäft und einem Lebensmittelskandal in Indien litt, bremsten im vergangenen Jahr die lahmende Konjunktur in Europa und Probleme in Schwellenländern das Neugeschäft aus.

Verhaltener Ausblick

Nach Präsentation der Zahlen sackte der Kurs des Nestlé-Valors ab, verlor innerhalb weniger Stunden mehr als zwei Prozent. Wenige Tage zuvor hatten Analysten ihre Kaufempfehlung für den Valor noch bestätigt, darunter die US-Investmentbanken Goldman Sachs und J.P. Morgan sowie die Schweizer Grossbank UBS.

Wenn Anleger den Kursrückgang der Bilanz-Präsentation zum Einstieg nutzen wollen, brauchen sie Geduld: Der kurzfristige Ausblick von Nestlé-Chef Schneider fiel verhalten aus, verschiedene externe Faktoren dürften das Geschäft der Mutter von Marken wie Nespresso, Kitkat und Maggi weiterhin hemmen.

Sehr gute defensive Aktie

Andererseits gilt Nestlé eine der besten defensiven Aktien überhaupt, weil das Geschäftsmodell des Lebensmittelkonzerns kaum konjunktursensibel ist. Gegessen und getrunken wird schliesslich immer. Zudem ruhen grosse Hoffnungen auf dem neuen Chef Schneider, der zuvor 13 Jahre lang erfolgreich den Gesundheitskonzern Fresenius gelenkt hat. Auch Nestlé will künftig im Gesundheitsgeschäft Fuss fassen, etwa mit Spezialnahrung für Alte und Kranke. Die Neuorientierung ist dringend nötig, denn mit dem herkömmlichen Lebensmittelgeschäft lässt sich nicht mehr viel Wachstum erzielen – zumal mittlerweile viele Konsumenten Fertigprodukte und Süssigkeiten links liegen lassen. Aber: Im Gesundheitsgeschäft herrscht grosse Konkurrenz. Bis es Nestlé gelingt, den Markt nennenswert aufzumischen, könnte es eine Weile dauern. Sofern das überhaupt gelingt.

Inzwischen schätzt der Konzern seine Lage realistisch ein und rechnet für das laufende Jahr nur noch mit einem organischen Wachstum von zwei bis vier Prozent. «Wir sind in einem volatilen und immer noch deflationären Umfeld», sagte Konzernchef Schneider bei der Bilanzpräsentation. An diesem Umfeld dürfte sich vorerst nichts ändern. Schneider zeigt sich entschlossen: Er kündigte einen massiven Sparkurs an, will verschiedene Geschäftsbereiche auf den Prüfstand stellen.

Eine Menge zu tun

Analysten zeigten sich in ihren ersten Kommentaren zwar enttäuscht vom vorgelegten Zahlenkranz. Nestlé stehe im Branchenvergleich allerdings immer noch gut da, hiess es von der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Für die weitere Entwicklung dürfte entscheidend sein, wie der neue Nestlé-Chef bei Analysten und Investoren ankommen wird. «Nestlé kehrt zurück zur Realität», kommentiert Pierre Tegner, Analyst bei Natixis. Der verhaltene Ausblick des Konzerns zeige, dass es eine Menge zu tun gebe. Investoren sollten sich dessen bewusst sein – und im Zweifel lieber abwarten und eine Tasse Nespresso trinken.

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