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Ausblick
«Trotz Turbulenzen wird der Euro intakt bleiben»

Der Euro: Nicht der Anfang vom Ende? Keystone

Barclays-Experte William Hobbs sieht die Gefahr von zu viel Überschwang an den Aktienmärkten. Um den Euro fürchtet er aber nicht und sagt, wie sich Anleger auf Marine Le Pen einstellen können.

Von Julia Fritsche
am 24.02.2017

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
William Hobbs*: Politische Turbulenzen machen den Anlegern offensichtlich weiterhin stark zu schaffen. Erstmals seit Jahren fallen jedoch die Wirtschaftsdaten in den USA, Grossbritannien, Europa und China wieder stark aus, während sie sich in Japan und generell in den Schwellenländern eindeutig verbessern. Die Inflation und das Wachstum der Unternehmensgewinne weltweit erholen sich von dem Schrecken des Preiseinbruchs bei den Rohstoffen. Günstige Kredite sind weithin verfügbar. So wurden an den US-Kreditmärkten 2016 Emissionen in Rekordhöhe verzeichnet. Das Geschäfts- und das Verbrauchervertrauen befinden sich auf mehrjährigen Höchstständen.

Und die Geldpolitik?
Unterdessen verfolgen die massgeblichen Zentralbanken weiterhin eine aussergewöhnlich lockere Geldpolitik, die inflationsbereinigt sogar noch günstiger ausfällt. In Japan und Europa werden die fiskalpolitischen Zügel bereits gelockert, und in den USA rechnet man mit beträchtlichen fiskalischen Anreizen. Leicht verfügbare Kredite, eine lockere Fiskal- und Geldpolitik, die hohe und unvermindert wachsende Zuversicht im Privatsektor, eine US-Regierung, die sich selbst für «unternehmerfreundlich» erklärt hat, und ein Rekordhoch nach dem anderen an den Aktienmärkten der USA und anderer Industrieländer – etwas zu viel Überschwang könnte sich bald als die berechtigtere Sorge herausstellen als zu wenig.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Kurzfristige Prognosen erweisen sich in der Regel als schwierig, und unsere Anleger erwarten von uns im Allgemeinen eine etwas längerfristige Perspektive einzunehmen, bei der den Bewertungen gewöhnlich eine grössere Rolle zukommt. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Aktienmärkte, einschliesslich derer in der Schweiz, angesichts der bereits erwähnten festeren Wachstums- und Inflationserwartungen für die Weltwirtschaft gut abschneiden werden. Die überfüllte politische Tagesordnung in Europa hat eindeutig das Potenzial, diese Prognose aus der Bahn zu werfen. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass verfassungsrechtliche Hürden, die nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt wurden, um insbesondere den extremen Elementen des politischen Spektrums Zugang zur politischen Macht zu verwehren, auch weiterhin Bestand haben werden.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Derzeit lassen sich die Bewertungen vielleicht am einfachsten anhand der Dividendenrenditen beurteilen.  Bei einer prognostizierten Dividendenrendite von etwas unter 4 Prozent für die Schweizer Börse müssten wir schon eine sehr negative Haltung hinsichtlich der Wachstumsaussichten dieser Dividendenzahlung einnehmen, um nicht Aktien in einem erheblichen Umfang im Verhältnis zu Anleihen halten zu wollen.  Aktuell gehen die Anleger angemessenerweise davon aus, dass die Dividendenausschüttungen prozentual gesehen in den kommenden Jahren im mittleren einstelligen Bereich zulegen werden. Dies legt nahe, dass die Anleger in den kommenden Jahren bei Schweizer Aktien weiterhin Gesamtrenditen in hoher einstelliger Grössenordnung erwarten können.

Welcher Markt oder welche Anlageklasse bietet das Potenzial für eine baldige Erholung?
Wenn wir tatsächlich am Beginn einer sogenannten Phase der «hohen Überzeugungen» im Wirtschaftszyklus stehen, wie einige der Umfragedaten ansatzweise nahezulegen scheinen, dann dürfte es nun noch wichtiger sein, in Portfolios mit Aktienschwerpunkt vollständig investiert zu bleiben. Diese Phase des Wirtschaftszyklus kann mehrere Jahre andauern und zeichnet sich in der Regel dadurch aus, dass Aktien gegenüber Anleihen deutlich obenauf liegen. Offensichtlich haben wir es dann aber auch mit der Schlussphase des Zyklus zu tun. Dies legt nahe, dass die Vermögensverwalter gut daran täten, diese traditionelle Stärke im Verhältnis zwischen Aktien und Anleihen dafür zu nutzen, das Portfolioengagement an den globalen Aktienmärkten in den nächsten Jahren langsam aber sicher zurückzufahren.

Viele Unternehmen haben bereits ihre Ergebnisse für das Jahr 2016 veröffentlicht. Welches Unternehmen hat Sie überrascht?
Die Gewinnsaison könnte in der Rückschau als der Punkt identifiziert werden, an dem sich bei den Gewinnen der Unternehmen in Europa endlich die klaffende Lücke schliesst, die sich in den letzten Jahren gegenüber ihren US-Pendants aufgetan hat. Europäische Gewinne enttäuschen schon seit Jahren, da die Banken weiterhin unspektakuläre Zahlen vorlegen und die Preismacht grösstenteils abhanden gekommen ist. Wir können jedoch allmählich handfestere Anzeichen einer Erholung erkennen, was für europäische Aktien Gutes verheissen sollte.

Marine Le Pen hat ihre Kandidatur für die Präsidentschaft in Frankreich angekündigt. Obschon ein Wahlsieg von ihr derzeit unwahrscheinlich ist, stellt sich die Frage, was Anleger tun sollten, um sich auf ein potenzielles «Trump-Szenario» einzustellen.
Eine Risikostreuung nach Anlageklassen und Regionen bleibt die beste Verteidigung angesichts künftiger Unwägbarkeiten. Als Anleger neigen wir dazu, die von uns wahrgenommenen Risiken überzubewerten, und wir vergessen häufig, dass die meisten Risiken, sowohl nach oben als auch nach unten hin, aktuell von unserer sehr begrenzten Sicht der Zukunft dominiert werden. Anleger, die sich über politische Ergebnisse sorgen machen, sollten wahrscheinlich weiterhin einige Staatsanleihen in ihren Portfolios halten. Eine beliebte Position für diejenigen, die davon ausgehen, dass wir es mit dem Anfang vom Ende des Euro zu tun haben, sind unbesicherte Bestände in deutschen Bundesanleihen, die von der wahrscheinlichen Rückkehr zu einer wohl sehr starken Deutschen Mark profitieren würden. Wir gehen jedoch davon aus, dass der Euro intakt bleiben und es in den nächsten Jahren weiterhin zu einer sorgfältigen, wenn auch bisweilen von Turbulenzen begleiteten Etablierung plausibler fiskalischer und politischer Strukturen kommen wird.

Was sollten Anleger Ihrer Meinung nach tun, um von derzeitigen Technologietrends zu profitieren?
Am einfachsten lässt sich von neuer Technologie und Innovation profitieren, indem man in einen diversifizierten Korb von Aktien investiert. Im Grunde genommen stellen Aktien eine Kaufoption auf die künftige menschliche Produktivität dar. Neue Technologie wird sich, sollte sie sich als wirtschaftlich und gewinnträchtig erweisen, relativ schnell ihren Weg in den Unternehmenssektor bahnen und dürfte daher Teil des Szenarios sein, das den Aktionärsrenditen zugutekommt. Anleger, die an einer konzentrierteren Version dieser Kaufoption interessiert sind, sollten sich am IT-Sektor orientieren. Allerdings sollten sie sich in Erinnerung rufen, dass sich unter den grossen Unternehmen, die diesen Sektor mittlerweile seit Jahrzehnten grösstenteils dominieren, das Wettbewerbsumfeld von einem auf den anderen Tag ändern kann. Hier könnte es sich lohnen, Sektorexperten einzusetzen, die Aktien mittlerer Marktkapitalisierung auswählen und mit ihnen handeln, um möglichst stark von diesen Trends zu profitieren.

* William Hobbs ist Head of Investment Strategy UK and Europe bei der Barclays Bank. Er hat mehr als zehn Jahre Erfahrung im Finanzsektor und arbeitet seit Oktober 2005 für Barclays, wo er zu Beginn im Equity Research Team den globalen Konsum-Sektor abdeckte.

 

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