Damit hatten wohl wenige gerechnet: Die islamisch-konservative Partei AKP des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan konnte am vergangenen Wochenende auf rund 49 Prozent deutlich zulegen. Und jetzt, nur wenige Tage nach dem Sieg, will Erdogan sein Amt mit mehr Macht ausstatten. Dafür ist eine Verfassungsreform nötig, und Erdogan will sich da ganz schnell mit den anderen Parteien im Parlament in Ankara zusammensetzen.

Eines liegt aber schon jetzt offen auf der Hand: Erdogan hatte vor kurzem von der EU drei Milliarden Euro pro Jahr für die Mitarbeit bei der Bewältigung der Flüchtlingsfrage verlangt, nach dem AKP-Sieg wird diese Summe wohl höher liegen. Auch hinsichtlich Reise- und Visafreiheit der Türken in Europa sind weitere Zugeständnisse zu erwarten – inklusive neuer Bewegung in den Verhandlungen des Landes zum Beitritt zur EU.  

AKP-Wahlsieg – die Börse macht einen Sprung

Anleger sind auf jeden Fall zuversichtlich. Denn gleich am ersten Handelstag nach der Wahl sprang der breite Istanbul ISE National 100 um 11,5 Prozent nach oben. Offensichtlich erwarten viele Marktteilnehmer als Folge des AKP-Siegs mehr Verhandlungsmacht der Türkei im internationalen Konzert, vor allem im Verhältnis zur EU und dadurch einen positiven Impuls für die Wirtschaft am Bosporus. Zudem verspricht die Rückkehr zur Einparteienregierung wieder mehr Stabilität, etwa im Bereich von Staatshaushalt und Wirtschaftspolitik. Das Wahlergebnis wirkte aber auch auf die türkische Lira wie ein Jungbrunnen. Gleich zum Wochenstart zog es die Währung im Vergleich zu Dollar und Euro zwischen rund 2 und 3 Prozent nach oben.

Frischen Konjunkturwind hätte das Land auch nötig. Nachdem die Wirtschaft in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt mit 4,7 Prozent gewachsen war, fiel das Tempo im 2014 auf nur noch 2,9 Prozent zurück. Immerhin: Nach einem enttäuschend schwachen Jahresstart mit einem Wachstumsplus von nur 2,3 Prozent – erwartet worden waren 3,0 Prozent – beschleunigte die Konjunktur im zweiten Quartal auf ein Plus von 3,8 Prozent. Für das Gesamtjahr wird nun ein Wachstum von 3,0 Prozent erwartet. Dabei hatte die Weltbank ihre Prognose für 2016 und 2017 nach der Wahlschlappe der AKP im Juni wegen unsicherer innenpolitischer Perspektiven von 3,9 und 3,7 Prozent auf jeweils nur noch 3,5 Prozent zurückgeschraubt. Da ist in Kürze wahrscheinlich sogar eine Prognoseanhebung drin.

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Türkei – tiefe Staatsverschuldung

Unabhängig davon: Gut läuft es derzeit in der Türkei im Autosektor, bei Immobilien und bei Haushaltsgeräten. Immerhin stieg der private Konsum im zweiten Quartal um 5,6 Prozent. Noch schneller allerdings legten die Ausgaben des Staates mit 7,2 Prozent zu.

Dabei ist allerdings die Staatsverschuldung des Landes vergleichsweise sehr gering. Die Schuldenquote der Türkei liegt bei einem Drittel vom Bruttoinlandprodukt, und die Schuldenaufnahme im Jahr lag zuletzt bei 1,4 Prozent.

ISE 100 – wichtige Charthürden auf dem Weg nach oben sind gefallen

Nach dem klaren Wahlsieg der AKP erwarten viele Investoren einen weiteren Kursaufschwung am Bosporus. Immerhin notiert der ISE 100 an der oberen Begrenzungslinie des kurzfristigen Abwärtstrends. Das bietet Raum für Phantasie. Zudem sind die wichtigen 100- und 200-Tage-Linien und auch die psychologische Marke von 80'000 Punkten im ISE 100 nun gefallen.

Da nur wenige türkische Einzelwerte an Börsenplätzen in Westeuropa gehandelt werden und da es bei der Informationsbeschaffung oft sprachliche Hürden gibt, setzen Anleger, die eine weitere Wahlsieg-Rally erwarten, auf ein Partizipationszertifikat auf die Börse in Istanbul (ISIN: NL0000460004, Laufzeit endlos).

Garantie Bank und KOC – zwei vielversprechende Einzelwerte

Wer trotz beschränkter Auswahl auf einzelne Unternehmen setzen will, findet etwa bei Garantie Bankasi einen Titel, dessen ADR zumindest in den USA mehr oder weniger häufig gehandelt wird (ISIN: US9001487019). Die Bank ist mit einem Börsenwert von rund 12 Milliarden Dollar das zweitgrösste Geldhaus des Landes und zu 40 Prozent in ausländischem Besitz. Erstaunlich: Die Kreditausfallquote ist mit 2,3 Prozent im internationalen Vergleich sehr tief. In der EU liegt diese bei rund 10 Prozent. Zudem liegt der Deckungsgrad – Kundengelder zu Ausleihungen – bei der Kreditvergabe mit 81 Prozent auf einem hohen Niveau.

Sehr wachstumsstark ist die Industrie- und Dienstleistungsgruppe KOC Holding (ISIN: US49989A1097). Hier findet übrigens auch in Stuttgart in Deutschland ein mehr oder weniger reger Handel statt. Immerhin kann KOC seit vielen Jahrzehnten deutlich schneller zulegen als die türkische Wirtschaft. Zwischen 2010 und 2014 beispielsweise schaffte das Konglomerat aus Istanbul ein jährliches Wachstumsplus von 7 Prozent und damit fast das Doppelte der heimischen Konjunktur.